Halbzeit

Manchmal stehe ich einfach nur da. Mit vor Staunen weit geöffnetem Mund und vor Staunen weit geöffneten Augen. Manchmal stehe ich einfach nur da und wundere mich. Ich wundere mich, wie schnell Zeit vergeht.

Ich frage mich wie es sein kann, dass meine Minuten sich nicht so anfühlen als dauerten sie genau 60 Sekunden. Ich wundere mich wie es sein kann, dass meine Stunden sich nicht so anfühlen als dauerten sie genau 60 Minuten, präziser 3600 Sekunden. Meine innere Uhr spinnt. Ich habe das Gefühl, sie zählt nicht mehr bis 60 oder 3600 sondern nur bis fünf oder zwölf. Meine Tage sind nun nicht mehr klar definiert und gegeneinander abgegrenzt, sondern beginnen fließend ineinander überzugehen.

Manchmal stehe ich einfach nur da. Mit vor Staunen weit geöffnetem Mund und vor Staunen weit geöffneten Augen. Manchmal stehe ich einfach nur da und wundere mich.

Manchmal schaue ich in diesen Momenten auf das schwarze Ziffernblatt meiner goldenen Uhr mit dem früher einmal gelben Armband. Manchmal ist es in diesen wunderlichen Momenten zu dunkel um irgendetwas erkennen zu können. Dann drücke ich mir das Uhrglas an die Stirn, in der Hoffnung auf ein bisschen Abkühlung. Leider hat das Uhrglas, wie nahezu alle anderen Gegenstände auf diesem Schiff, die durchschnittliche Umgebungstemperatur von 27,5°C angenommen und kühlt weniger als überhaupt nicht. Auch wenn das Glas nicht kühlt und auf Dauer einen kreisrunden Abdruck mitten auf der Stirn hinterlassen wird, nehme ich die Uhr trotzdem nicht weg. Ich drücke weiter mit der stummen Hoffnung, dass meine Armbanduhr meiner inneren Uhr ein bisschen was von ihrer Genauigkeit, ihrer Ruhe und dem monotonen Ticken abgibt. Nur so als allgemeine Information – funktioniert überhaupt nicht.

Ich habe lange gedacht, Zeit sei viel zu abstrakt, um Zeit fühlen zu können. Doch genauso wie man eisigen Wind oder tropische Hitze, tiefe Abneigung oder scheinbar grenzenlose Zuneigung fühlen kann, kann man Zeit fühlen.

Manchmal stehe ich einfach nur da. Mit vor Staunen weit geöffnetem Mund und vor Staunen weit geöffneten Augen. Manchmal stehe ich einfach nur da und wundere mich. Ich wundere mich wie langsam Zeit vergeht.

Manchmal ist Zeit das Gegenteil eines Gebirgsbaches während der Schneeschmelze, sie fließt wie eine klebrige, zähflüssige Zuckermasse. Manchmal schaue ich in diesen Momenten auf das schwarze Ziffernblatt meiner goldenen Uhr mit dem früher einmal gelben Armband. Dann ist mir egal, ob ich etwas erkennen kann oder nicht, mein Kopf wird von der Frage, ob eine Minute meiner Uhr wirklich nur 60 Sekunden oder vielleicht doch nicht eher 120 Sekunden sind, ausgefüllt.

Egal ob meine Zeit rennt oder sich wie eine zähflüssige Pampe von A nach B oder C bewegt. Egal ob meine innere Uhr oder meine Armbanduhr schlecht im Zählen ist. Egal ob es dunkel oder hell ist. Ich wundere mich und gehören das Verb „wundern“ und das Adjektiv „wunderbar“ nicht zur selben Wortgruppe?

Und eigentlich ist es total egal, ob meine Minuten 60 oder fünf Sekunden lang sind, ob meine Sekunde sich wie 12 Stunden oder wirklich wie eine Sekunde anfühlt, denn offiziell ist ein Tag durch die Dauer von 24 Stunden, oder 3600 Minuten oder 21600 Sekunden definiert. Und das letzte halbe halbe Jahr, oder die 91 Tage, die erste Halbzeit, egal wie kurz oder lang sie mir vorgekommen sind, waren wunderbar.

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