Lieder

Ein Lied.
Der Wind hat eines.
Das Meer in den Wellen.
Die Berge in ihrem Echo.
Die Bäume in ihrer Krone.
Wir haben auch ein Lied.
Nicht wir direkt, nein, die Thor selbst, das Stahlschiff mit seinem roten Deck.
Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und man hört nicht mehr hin, wie bei den meisten anderen Liedern auch, aber wenn man die Augen schließt, sich konzentriert und die anderen Geräusche ausblendet, dann hört man es.
Das Lied.
Es sind einzelne Stimmen, die zu einem Chor werden und so charakteristisch und auf eine Art auch beruhigend sind, dass man diesen Chor auch noch Jahre später wiedererkennen würde.
Manch einer empfindet die Geräusche als unangenehm, doch die Vorstellung, plötzlich in völliger Stille zu schlafen, bereitet uns mittlerweile Unbehagen.
Die Stimmen der Thor. Das Stahlschiff mit dem roten Deck.
Es beginnt achterlich mit dem Stöhnen der Geien des Großsegels und dem Knarzen ihrer Nagelbank, die unter deren enormen Zug ächzt.
Da, das Schlagen eines Segels im Wind.
Aus der Kombüse das Klappern von Töpfen und Besteck, das sich mit dem Seegang bewegt.
Hinzu kommt der durchdringende Bariton der laufenden Maschine, dem ein sanftes Wummern folgt und das Brummen des Generators aus dem E-Raum.
Auch aus der Last kommt das hektische Pochen der Waschmaschine, die versucht, dem Seegang standzuhalten und das Rattern des Trockners.
Im Gang zwischen Deckshausniedergang und Messe der Großmast. Ein tiefes Knarzen erfüllt die Kammern, wenn er unter seiner Last und den Wellen stöhnt und doch ist es durch und durch beruhigend, da es als eine Art sicheres Lebenszeichen fungiert und ein Synonym für die Worte „es ist alles in Ordnung“ ist.
Das Rauschen der Kammerlüftung, das manch einen doch mal eine unruhige Nacht bereitet.
Das Knacken der Oberlichter, wenn eine Welle dagegen spült und sie mit Wasser bedeckt.
Das protestierende Brüllen des Ankerspills, wenn der Anker bewegt wird.
Wenn man noch genauer hinhört, hört man noch mehr.
Man muss nur die Augen schließen und zuhören und manchmal mischt sich noch ein anderes Lied darunter.
Das des Meeres.
Das des Windes.
Und unser Lied.
Das der Menschen.
Mit unserem zufriedenen Geschnatter nach einem leckeren Essen.
Mit dem Lachen im Unterricht, wenn Lehrer Tobi sich selbst auf die Schippe nimmt.
Mit dem leisen Geflüster in den Kammern, wenn man zur Wache geweckt wird.
Mit der lauten Helene Fischer-Stimme, die aus der Kombüse dröhnt.
Mit dem beruhigenden Gesumme, mit dem sich um die Seekranken gesorgt wird.
Mit dem erleichterten Aufstöhnen bei der Wachübergabe.
Mit dem zufriedenen Seufzen, wenn man nach einem anstrengenden Tag in seine Koje fällt.
Zusammen. Das Lied der Thor und unser Lied.
Es ist dieses Lied, dass wir immer vermissen werden, wenn wir es nicht mehr hören werden.

PS: Alles Gute zum Geburtstag, Nicki!

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