An zwei Orten Zuhause

2017- Es ist Februar und kalt draußen. Die Dunkelheit lässt die Fenster zu Spiegeln werden und ich betrachte mich, wie ich auf dem Sofa sitze, den Laptop im Schoß. Über meinem Kopf hängt eine Karte mit roten und blauen Stecknadeln. Die roten für Erfahrungen, die blauen für Träume. Neulich erst habe ich, mich über die Sofakante lehnend, neue Nadeln gesetzt. Teneriffa, Grenada, Panama, Kuba, Bermudas, Azoren. Jetzt wandert mein Blick wieder zur Karte und von den Nadelköpfen zu den Strecken zwischen ihnen, zum Ozean. Ich hoffe, dass es klappen wird, dass ich von Zuhause aufbrechen werde, um mit noch unbekannten Menschen auf einem neuen Schiff fremde Länder und den Ozean zwischen ihnen zu entdecken.

2018- Es ist Februar und das Thermometer zeigt 25°C. Ich sitze in der fensterlosen Messe, vor mir der Laptop, den ich gleich zurückstellen werde, um schlafen zu gehen. In der Navi liegen Seekarten, in denen keine Traumziele markiert werden, sondern unsere tatsächlichen Positionen. Wir befinden uns an den Stellen, von denen ich im letzten Jahr geträumt habe, genauer gesagt an den Orten, die zwischen den Stecknadelköpfen liegen. Irgendwann in den letzten vier Monaten ist der Punkt gekommen, an dem die mittlerweile zu Freunden gewordenen Menschen und die bis in den letzten Winkel bekannte Thor sich wie ein zweites Zuhause anfühlen. Die vorher fremd klingenden Namen der weit entfernten Länder sind mit Bildern und Erfahrungen verknüpft und es sind weitere Orte dazugekommen, die ich dann, wenn ich wieder zurück bin, mit Stecknadeln versehen kann.

Dieses „dann, wenn ich wieder zurück bin“, sollte eigentlich noch kein großes Thema sein, schließlich liegen noch zwei Monate vor uns, aber da die jetzt anstehende Fahrt über den Atlantik unsere Rückreise ist, beginnt es eine Rolle zu spielen. Vorgestern, als wir in der Kombüse standen und uns über unsere Lieblingsbeschäftigung die Backschaft unterhielten, meinte Marlene B., dass wir in acht Wochen auch diese Momente vermissen werden, einfach weil die Zeit mit KUS dann vorbei ist. Wir stimmten ihr alle zu und Lenya ergänzte noch, dass sie versuchen würde, jeden Moment zu genießen, obwohl das am Ende doch nicht klappt.

Wir haben einen Alltag hier, der uns genauso nerven kann wie unser Alltag vor der Zeit bei KUS, viele stressige Tage und manchmal können wir nicht anders als uns zu beschweren, aber dennoch fühlt sich dieses Schiff und unsere neue KUS-Familie nach Zuhause an. Vermutlich weil die positiven Momente bei Weitem überwiegen und da ein Zuhause sich nicht perfekt anfühlen muss.

Immer häufiger in letzter Zeit halte ich einen Augenblick inne und denke mir, dass ich diesen am liebsten in meinem Kopf konservieren würde, weil sie hier so schnell von neuen Erfahrungen aus der Erinnerung verdrängt werden. Allein heute gäbe es da ein paar.

Beispielsweise, als Malte und ich heute hoch ins Rigg sind, um die Breitfock auszupacken und sie sich, nachdem wir den letzten Zeiser geöffnet haben, quasi von selber setzt, weil nach dem Packen die Tampen scheinbar nicht wieder festgezogen wurden. Wir beide, wie wir erst kurz still und dann lachend auf der leicht schwankenden Rah stehen, mit einem weiten Blick über den tiefblauen Ozean. Oder als ich mich danach am Ruder stehend mit Jara und Carl unterhalte, die am Polieren sind, während die Mittagssonne auf das ansonsten verwaiste Deck scheint. Vielleicht auch, wie wir während des Sonnenuntergangs auf dem Achterdeck zu Abend essen, obwohl diese Situation schon zum Alltag gehört.

Was auch Teil unseres Alltags geworden ist, sind die Gespräche, die wir dabei führen. Schon in der ersten Etappe haben einige damit angefangen, aufzuschreiben, was sie zurück in Deutschland gerne essen würden. Mittlerweile geht es auch darum, was wir gerne tun würden. Mal wieder auf der Couch liegen und Serien gucken, unbegrenzt Zeit zum Schlafen haben und so weiter. Diese Gespräche enden meistens gleich, denn auch wenn wir uns darauf freuen, Freunde und Familie wiederzusehen und die Vorzüge eines Alltags zu genießen, den wir nicht mit 50 Personen teilen, wissen wir, dass dann diese Reise vorbei ist. Dass die Zeit in unserem zweiten Zuhause mit unserer KUS-Familie dann zur Vergangenheit gehört.

2019- Dann, wenn ich im nächsten Jahr wieder zurück bin, wird der Februar sicher wieder kalt. In meinem Zimmer ist dann viel Platz für neue Träume und die Erinnerungen an die Reise. Auf der Thor hat dann hoffentlich der nächste Jahrgang ein zweites Zuhause gefunden. Ich bin dann sicher längst übersättigt mit faulen Wochenenden und süßem Gebäck und suche mir neue Ziele, die ich mit Stecknadeln versehen kann.

Herzlichen Glückwunsch nachträglich Leo!!!

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