Das 24 Stunden Solo

Datum: Montag, der 09.04.18
Mittagsposition: Falmouth, England
Etmal: 0 sm
Wetter: Wind: WSW 1
Autorin: Marlene B.

24 Stunden mit niemandem reden.
24 Stunden keine Verpflichtungen haben.
24 Stunden keinen Zeitplan einhalten müssen.
24 Stunden einfach ganz alleine sein.

Das war unsere Aufgabe für einen ganzen Tag. Die Gedanken einfach mal nur auf sich selber gerichtet haben. Ein paar von uns hatten Ängste und Sorgen, dass es zum Beispiel zu kalt werden könnte oder sie zu wenig Essen dabei haben würden.

Und so lief der heutige Tag ab:

Nachdem wir alle gemeinsam gefrühstückt hatten, packten noch die letzten für den bevorstehenden Tag ihre Sachen. In der Messe standen vier Schalen, die für jeden von uns eine Banane, einen Apfel und vier Kekse beinhalteten. Das beunruhigte den ein oder anderen etwas.

Als wir gegen 9.00 Uhr, bepackt mit einem Rucksack und bekleidet mit mindestens sieben warmen Schichten Kleidung, in die Dinghis stiegen, ging es circa eine Stunde zu einer etwas abgelegen Halbinsel. Nachdem Ausbooten, sollten wir uns in dem besagten Gebiet ein schönes Plätzchen suchen, wo wir erstens 24 Stunden ohne Probleme bleiben können und zweitens niemand in unserem Blickfeld ist, damit wir in Ruhe ohne Ablenkungen nachdenken können. Das bedeutete mindestens 50 Meter Abstand zur nächsten Person. An unserem Schlafplatz für die kommende Nacht hingen wir dann einen Reflektor auf, damit uns der Stamm auch im Dunkeln gut finden konnte. Anschließend trafen wir uns alle nochmal im Basis Lager, wo Bootsmann Nick ein Gedicht vortrug, das den Startschuss für das Solo darstellte. Danach ging jeder, ohne ein Wort zu sagen zu seinem Lager.

Jetzt fing das an, wovor viele Angst hatten: Nach einem halben Jahr, in dem man jeden Tag von Menschen umgeben war, plötzlich für einen ganzen Tag vollkommen alleine zu sein. Nun hatte man Zeit, die Reise, die vielen Erfahrungen und Erlebnisse nochmal Revue passieren zu lassen. Ich errichtete mein kleines Lager auf einer Erhöhung am Rande des Waldes mit Blick auf das Meer. Nachdem ich meine Isomatte und meinen Schlafsack ausgebreitet und meinen Rucksack an einen Baum gelehnt hatte, saß ich erst mal eine Weile da und lauschte dem Vogelgezwitscher und blickte einfach nur auf das Meer.

Während dieser 24 Stunden hatten wir die Aufgabe, einen Brief an uns selbst zu schreiben, in dem wir unsere Gedanken zu den zwei Leitfragen – welches unsere prägendsten Erlebnisse waren und ob wir unsere Ziele erreicht haben, die wir uns vor der Reise gesteckt hatten – formulieren sollten. Genau das tat ich dann auch. Wie lange ich damit beschäftigt war, weiß ich nicht genau. Wie die meisten von uns, hatte auch ich keine Uhr mit zum Solo genommen. So war es schwierig, Zeitspannen abzuschätzen. Nur der Sonnenstand und die Tiden gaben mir Hinweise auf die Tageszeit. In meinen Gedanken versunken schlief ich dann irgendwann, dick eingepackt in meinen Schlafsack und in unzähligen Klamottenschichten, ein.

Nach einigen Stunden Schlaf wachte ich dann – schätzungsweise – so gegen vier Uhr auf und beendete den Brief an mich selber. Trotz der ganzen Klamottenschichten fror ich, wie viele anderen KuSis auch, bei ungefähr 6°C Außentemperatur. Bis spät in die Nacht blieb ich dann noch wach, beobachtete den Sternenhimmel und ließ meine Gedanken über die letzten sechs Monate schweifen, darüber schlief ich schließlich ein.

Am nächsten Morgen wachte ich von dem Regen auf, der langsam begonnen hatte meinen Schlafsack durchzuweichen. Schnell baute ich mein kleines Lager ab und zog mein Ölzeug an, als dann schon Jens und Nick vorbei kamen und mir mit Handzeichen deutlich machten, dass wir uns in 20 Minuten im Basislager treffen würden. Nach und nach trudelten wir dann alle dort ein und während wir noch auf die letzten Ankömmlinge warteten, setzten wir uns noch einmal an den Strand, ließen noch ein letztes Mal die Gedanken schweifen und genossen noch die Ruhe, die bald darauf wieder mit einem Gedicht, das von Nick vorgelesen wurde, gebrochen wurde. Damit war das Solo beendet.

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