Das erste Mal „Mordsee“

Datum: Dienstag, der 24.10.17
Mittagsposition: 53° 51,6` N; 006° 29,3` W
Etmal: 150sm
Wetter: Lufttemperatur: 15°C; Wassertemperatur: 14°C; Wind: SW 5-6
Autorin: Maura

Wir sind am Anfang dieser Reise und das bedeutet, dass alles neu ist und zum ersten Mal passiert. Nach der Zeit der Bewerbung und Vorbereitung erfahren wir endlich selber, was wir vorher unserer, durch Erzählungen unterstützten, Fantasie überlassen mussten.

Das Zusammenleben auf engstem Raum, der 24-Stunden-Wachbetrieb und das Unterwegssein mit einem Schiff ist neu für uns. Noch sind die Abläufe, die bald unsere Routine werden, ungewohnt und die nautischen Begriffe gehen den meisten schwer über die Lippen. Doch wir werden nach und nach in die Aufgaben an Bord eingeführt. In den Wachen, die ab jetzt unsere Tage bestimmen werden, fangen wir an, schrittweise die Grundlagen des Schiffsbetriebs zu lernen. Wir üben, die Windstärke am Wellenbild zu erkennen, die vielen Tampen ihrer Funktion zuzuordnen, Ruder zu gehen (das Schiff steuern) und die Sicherheits- und Maschinenronde zu machen. In der Sicherheitsronde drehen wir eine Runde über und unter Deck, während der wir einige Dinge überprüfen, die mit der Sicherheit an Bord zu tun haben. Vor allem ist wichtig, dass nirgendwo Wasser oder Feuer an Bord ist. Während der Maschinenronde, die nur gegangen werden muss, wenn unsere Maschine läuft, müssen wir diverse Werte im Maschinenraum überprüfen und an einigen Stellen ölen.

Als meine Wache heute morgen abgelöst wird, zeigt unser Physiklehrer Ferdinand auf den Horizont, an dem nichts mehr zu sehen ist, als das Grau des Himmels und erklärt uns, dass wir uns auf der Höhe von Borkum, der letzten friesischen Insel Deutschlands, befinden. Wir durchqueren die Nordsee, die auch den Spitznamen „Mordsee“ trägt und zum ersten Mal haben wir stärkeren Seegang.

Gestern hat sich mit der Schleuse des Nord-Ostseekanals unser Tor zur Welt geöffnet und seitdem fährt die Thor in Richtung Englischer Kanal. Da wir versuchen, möglichst schnell in die Nähe der englischen Küste zu kommen und der Wind nahezu direkt von vorne kommt, bringt uns unsere Maschine „Olga“ vorwärts und nicht die drei zusätzlich gesetzten Segel.

Bevor wir hinaus auf die Nordsee gefahren sind, ist unser schwimmendes Zuhause ruhig über den Nord- Ostseekanal und die Elbe gefahren und meine Backschaft konnte den Tisch so decken, wie an Land, doch jetzt läge unser Geschirr ohne Rutschdecken in Scherben am Boden. Zwar sind die Wellen weit davon entfernt drei Meter hoch zu sein, wie es angekündigt war und der Wind weht auch nicht ganz so stark, wie erwartet, doch das ändert nichts daran, dass ein großer Teil von uns die ersten Erfahrungen mit der Seekrankheit macht.
Unser Mittagessen gibt es in zwei Varianten, zum einen Curry und zum anderen eine Tasse mit Gemüsebrühe und Reis, für die, die Gefahr laufen, die Fische füttern zu müssen. Die Backschaft muss zeitweise vertreten werden und von manchen Wachen hängt die Hälfte an der Reling. Diejenigen, denen der Seegang wenig bis nichts ausmacht, versorgen die Seekranken mit Tüten, Zwieback und Brühe oder helfen gelegentlich einer anderen Wache aus. Doch zum einsetzenden Seegang gehört nicht nur die Seekrankheit, er führt auch dazu, dass wir uns mit Dingen auseinandersetzen, die nur auf dem Meer wichtig sind. Es ist jetzt nötig, das Schiff seeklar zu halten, was bedeutet, dass alles so festgemacht sein muss, dass es an seinem Platz bleibt. Außerdem stoßen wir auf Kleinigkeiten, die schwieriger sind, als an Land. Beim Auffüllen der Wasserflasche zum Beispiel, wenn der Strahl aus dem Kanister an der Öffnung vorbei schwankt oder wenn das Wiegen des Schiffes das Sockenanziehen im nassen Duschraum zu einer komplexen Aufgabe macht.
Trotz Seegang und -krankheit trifft sich der Teil meiner Wache, der sich in der Lage dazu fühlt, am Nachmittag zur ersten Stunde Nautische Theorie, die heute noch freiwillig ist. Glücklicherweise sind wir nahezu vollständig und in der Runde stellen wir fest: Unser erster Tag auf See hat, zumindest uns, Spaß gemacht. Es kann heute noch nicht jede/r alle Aufgaben ausführen, denn wir müssen bei der Verteilung auf die Seefestigkeit achten. Die Maschinenronde kann zum Beispiel nur übernehmen, wer es im heißen und natürlich schwankenden Maschinenraum aushält. Doch mit der Zeit wird hier jede/r alle Aufgaben ausführen können und bis dahin übernimmt jede/r das, was er/sie schon kann.

Jetzt, kurz bevor meine zweite Wache an diesem Tag beginnt, geht es vielen wieder besser und während ich in der Messe meinen Blogeintrag schreibe, werden am Tisch neben mir Seemannslieder geschmettert. Oben an Deck steuert die Wache 3 die Thor in die Nacht, die am Ende dieses nassen und grauen Herbsttages hereinbricht. Endlich sind Lücken in der Wolkendecke zu sehen, die den Blick auf die ersten Sterne freigeben.

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