Das Meer

Datum: Montag, den 04.12.17
Mittagsposition: 14°19,6‘N, 037°13,9‘W
Wetter: Wassertemperatur 28°C, Lufttemperatur 29°C, Windrichtung ENE 5
Etmal: 134sm
Autor: Hanna

Am Anfang war alles aufregend. Die ersten Stunden, Tage und Wochen auf der Thor waren von Reizen und neuen Sinneseindrücken überflutet. Jede, im Nachhinein noch so nervende, Aufgabe wurde mit der größten Motivation erledigt. Doch genauso wie an Land verliert alles Neue nach und nach seinen Glanz und wird immer mehr zu einem monotonen Alltag. Doch was nie gleich ist und sich immer ändert, ist das Meer. Auf der Nordsee war das Wasser um die Thor grau, bei Sonnenschein leicht bräunlich. Die Wellen waren hoch, ungebändigt und brachen mit enormer Kraft gegen die Bordwand. Der Seegang war wild, wer nicht seekrank auf den Backskisten auf dem Achterdeck lag und sich selbst leidtat, sondern den Mut besaß oder durch einen anderen Umstand unter Deck gezwungen wurde, konnte nicht aufrecht und gerade den Gang entlang gehen, sondern wurde wie betrunken und stark verwirrt von der einen zur anderen Seite geschleudert. Das Schlimmste an solchen Tagen war nicht etwa das Fischefüttern, sondern die härteste Bestrafung war, in der Kombüse stehen zu müssen und Backschaft zu haben. Nicht genug, dass sich alle Schüsseln, Schneidebretter und das Gemüse trotz Antirutschdecke selbstständig machten, zusätzlich wurde dieses Schauspiel alle paar Sekunden durch das laute Scheppern der gegeneinander krachenden Töpfe in den Schränken untermalt.

Die Farbe des Atlantiks unterscheidet sich um Welten von der Farbe der Mord-/Nordsee. Das Wasser hat bei Sonnenschein eine wunderschöne, tintenblaue Farbe. Die schneeweißen Schaumkronen auf den Wellenspitzen und der prickelnde Schaumteppich um die Thor herum bilden einen grandiosen Kontrast zu der dunklen Farbe des Meeres. Manchmal ist die Wasseroberfläche glatt wie ein flacher Teller und die wenigen Wolken des Himmels spiegeln sich, mal ist der Seegang so mild, dass beinahe die Illusion entsteht, man befinde sich nicht auf dem Ozean, sondern in der heimischen Badewanne. An wieder anderen Tagen sind die Wellenberge neben der Thor so hoch, dass einem Angst und Bange wird und man sich winzig klein fühlt.

Wenn das Schaukeln der See sich über Tage nicht verändert und man automatisch in der genau richtigen Frequenz mitschaukelt, vergisst man irgendwann, wo man ist. Der Bildausschnitt oberhalb der Reling wird unbewusst ausgeschnitten und beachtet werden nur noch Handlungen an Deck. Wenn man an solchen Tagen beim Mittagessen oder dem Kaffee mangels anderer Sitzmöglichkeiten auf der Nagelbank Platz nimmt und in genau diesem Moment eine Welle über das Schanzkleid bricht, katapultiert einen die nasse und gesalzene Hose zurück in die Wirklichkeit. Auf einmal wird einem wieder bewusst, dass unser Zuhause kein normales Haus an einer geteerten Straße ist, sondern ein 50m langes Segelschiff, irgendwo im nirgendwo, mitten auf dem Atlantik. Erst wird unbewusst ein spitzer Schrei ausgestoßen, Sekunden später steht man immer noch triefend nass und doch lachend da.

Am schönsten ist es jedoch nachts, denn wenn es dunkel genug ist, sieht man Meeresleuchten. Diese kurzzeitig hellgrün aufleuchtenden Lichtblitze werden von bisher weitgehend unerforschten Algen erzeugt. Die Ursache dafür sind wahrscheinlich mechanische Reize. Aber eigentlich ist es egal, wie oder wer das Licht erzeugt, schaut man in einer dunklen, mondlosen Nacht aufs Wasser, werden alle Gedanken aus dem Kopf verdrängt und es macht sich in einem das warme Gefühl unvorstellbarer Faszination breit. Dieser ins Meer gefallene Sternenhimmel versüßt einem jede Nachtwache, egal in welchem Stadium der Müdigkeit man sich befindet.

Egal wie monoton und manchmal auch einseitig der Alltag an Bord ist, dank unseres Nachbarn, dem Meer, ist kein Moment wie der andere und meistens sind auch nasse Hosen nicht so schlimm.

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