Die Fahrwache – kurz erklärt für Landratten

Datum: Donnerstag, der 02. 11. 2017
Mittagsposition: 42° 20,1‘ N; 011° 23,4‘ W
Etmal: 124 sm
Wetter: Lufttemperatur: 17,5°C, Wassertemperatur: 18°C, Wind: SSW 3
Autor: Carl

Es wurde ja bereits in den Blogeinträgen über die Wache, sowohl Tag, als auch Nachtwache, sowohl poetisch, als auch sachlich, reichlich berichtet. Heute möchte ich euch jedoch einen genaueren Einblick in die Aufgabenbereiche der heutigen Wache geben, und schreiben was ich von den einzelnen Aufgaben halte.

Erstmal ein Überblick über die Wachzeiten:
Wache 1: von 11.00 bis 14.00 Uhr und von 23.00 bis 02.00 Uhr
Wache 2: von 14.00 bis 17.00 Uhr und von 02.00 bis 05.00 Uhr
Wache 3: von 17.00 bis 20.00 Uhr und von 05.00 bis 08.00 Uhr
Wache 4: von 20.00 bis 23.00 Uhr und von 08.00 bis 11.00 Uhr

Zuallererst muss man zwischen Nacht-, und Tagwache unterscheiden. Grundsätzlich unterscheiden sich die beiden Wachen kaum. Der einzige (aber auch gravierende Unterschied) ist, dass die Nachtwache, also die beiden Wachen Eins und Zwei mitten in der normalen Tiefschlafphase liegen und demnach unausweichlich jeder bei Wachbeginn nur so halb anwesend ist und am liebsten sofort wieder einschlafen will. Meiner Meinung nach hat die Nachtwache aber auch ihre Vorteile, wenn man genug Schlaf getankt hat. Erstens ist die Atmosphäre total anders und im Vergleich zum Tag ist es (bis auf den Motor) sehr viel leiser, da ansonsten immer jemand an Deck ist und immer irgendetwas laut ist. Außerdem hat man einen unvergleichbaren Sternenhimmel, zumindest wenn man normalerweise in der Stadt lebt.

Jede Wache beginnt mit der Wachübergabe. Dazu versammelt man sich an dem Besanmast, also der achterlichste Mast (hinterste), und die aktuelle Wache sagt, wer gerade von ihnen wo beschäftigt ist (zwei am Ausguck, ein Rudergänger, also der-/diejenige am Steuer usw.), welche Segel gesetzt sind, welche Klappen und Luken offen oder geschlossen sind, um wieviel Uhr was gemacht wurde (Maschinen-/Sicherheitsronden, Wetter, Position) und welche Besonderheiten während der Wache aufgetreten sind (z.B. Segelsetzen/-bergen usw.). Abgeschlossen wird die Wachübergabe mit dem Plattdeutschen: „Gode Ruh“ von der aufziehenden Wache und „Gode Wacht“ von der abziehende Wache. Traditionell sagt der Wachführer der abziehenden Wache dann: Verfang Ruder un Utkiek, was soviel bedeutet wie „wechselt bitte den Rudergänger und den Ausguck ab“. Dann wird die Wache mit den Worten „Weg de Wach!“ in die Freiwache geschickt, also Freizeit.

Der Wachführer der aufziehenden Wache fragt dann seine Wache, nachdem die letzte Wache abgezogen ist, wer den Rudergänger und die beiden Ausgucke ablöst. Diese beiden Aufgaben werden vom Wachführer halbstündlich ausgewechselt. Der Posten „Ausguck“ ist enorm wichtig, da der Steuermann oder der Wachführer nicht jederzeit alles im Auge behalten kann (im Kollisionsrecht ist Paragraph 2, dass zu jeder Zeit gehörig Ausguck gestanden werden muss). Außerdem kann immer ein Container oder ähnliches im Wasser treiben und eine Kollision mit solch einem kann fatal sein. Man teilt dann den Bereich, den man „ausguckt“ in 8 „Striche“ ein (ein Strich ungefähr 11° oder eine Handbreite). Ein Strich Steuerbord zum Beispiel ist relativ gerade voraus, während acht Striche Steuerbord 90° auf der rechten Seite des Schiffes in Fahrtrichtung ist.

Beim Rudergehen ist, wie man sich wahrscheinlich schon denken kann, wichtig, den anliegenden Kurs zu halten. Aber man muss auch, wenn man zum Beispiel das Ruder übernimmt, den Kurs der einem gesagt wird oder einen neuen Kurs den man erhält, laut wiederholen, damit keine Missverständnisse entstehen. An sich ist Steuern ja ganz spannend, aber wenn man total müde ist, hat man einfach wenig Motivation sich eine halbe Stunde zu konzentrieren.

Außerdem muss zur vollen Uhrzeit immer das Wetter ins Wetterbuch und die Position in das Brückenbuch und die Karte eingetragen werden. Beim Wetter muss die Windrichtung und -stärke, die Wassertemperatur und die Lufttemperatur eingetragen werden, wie man schon an den Anfängen der Blogeinträge unschwer erkennen kann. Aber es kommen noch Bewölkung und Luftdruck dazu, welcher am Barometer abgelesen wird. Das Barometer wird vom Deutschen Wetterdienst gesponsert, da wir ein Beobachtungsschiff vom Wetterdienst sind und jeden Mittag noch viel detailliertere Wetterdaten an diesen schicken müssen. Es war auch eine tolle Erfahrung zu lernen, wie man die Position von der elektronischen Karte auf die Papierkarte einträgt.

Hinzu kommen noch die beiden Ronden: Maschinenronde und Sicherheitsronde.
Die Maschinenronde ist enorm wichtig, vor allem wenn man, wie wir, schon mehrere Tage mit Maschinenunterstützung fährt. Zuerst ist es in der Maschine stickig und heiß, aber während kalter Wachen ist die Maschine ein willkommener Ort zum Aufwärmen. Meist zieht man erst einmal die Öljacke und den Pulli aus, bevor man mit der Ronde anfängt. Es gibt eine Checkliste, auf der verschiedene Aufgaben abzuhaken sind, wie zum Beispiel die Überprüfung der Temperatur des Öls am Eingang, oder die Zylinder an sieben Punkten zu ölen. Bei der Sicherheitsronde geht man durchs Schiff und schaut, ob alles seefest ist, Wasser in den Bilgen steht und am wichtigsten: man überprüft mit Nase und Augen, ob es brennt, denn das ist auf Schiffen immer eine Gefahr.

Das alles wird im Moment von neun Schüler/innen und meist einem Segelstammmitglied sowie einem Lehrer/ einer Lehrerin erledigt. Eine/r von uns Schüler/innen muss dies dann, als „Wachprinz/Wachprinzessin“, organisieren.

Fazit:
Die Nacht-/Tagwache kann enorm anstrengend sein, ist aber nun einmal fester Bestandteil des Schiffsalltags und absolut wichtig für die Gewährleistung der Sicherheit aller. Außerdem kann sie auch, wie heute, bei gutem Wetter (Sonne usw.) Spaß machen und schön sein.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag an meine Mutter!
Ich wünsche dir einen gaaaanz tollen Tag, genieße ihn und lass dich auf keinen Fall stressen!
Fühl dich umarmt und geliebt, dein Carl <3

Menu