Hallo, I bims einz Teide* (Teil 1)

Datum: Donnerstag, der 16.11.2017
Mittagsposition: Santa Cruz de Tenerife, 28° 27,9′ N; 016° 14,7‘ W
Etmal: 0 sm
Wetter: Lufttemperatur: 22° C, Wassertemperatur: 21,5°C, Wind: 0
Autor: Michi

Der Drache macht eine schnelle Bewegung nach rechts und speit eine riesengroße Flamme. Gerade rechtzeitig weiche ich aus. „Michi.“ Ich hole aus. Ob ich es schaffe ihn zu treffen? „Michi!“ Mein goldenes Schwert fliegt durch die Luft und dann „Miiichiii!“ – Wer, was, wo, wann? „Guten Morgen. Es ist 5.00 Uhr und du hast in einer halben Stunde Backschaft. Bist du wach?“ Kurz überlege ich, ob ein Zauberer den Drachen in einen KuSi verwandelt hat, doch verwerfe ich diesen Gedanken sofort wieder. So kurz vor dem Sieg gegen den gefürchteten Drachen des Schicksalsberges werde ich geweckt. Na toll, wie immer komplett unpassend.

Noch halb verpennt schalte ich mein Kojenlicht an und schaue in den Kalender. Der 16. November. Programm: Backschaft, Deutsch-Blogeintrag. Super, denke ich, das wird ja ein spannender Tag. Wobei, steht da nicht doch noch was? Na klar, heute ist doch der erste Tag unserer Teidebesteigung! Meine Laune steigt, trotz des wenigen Schlafes und der Tatsache, dass es mittlerweile schon 5:15 Uhr ist. Im Schnelldurchlauf putze ich meine Zähne und mache mich startklar.

Um halb sechs stehe ich in der Kombüse und bereite das Frühstück vor. Es gibt Wurst, Käse, und, weil heute Seemannssonntag ist, auch Nutella, Erdnussbutter und Pancakes! Zudem müssen sich alle mutigen Teidebesteiger vier Lunchpakete machen: Mittagessen, Abendessen, Frühstück und nochmals Mittagessen. Dafür stehen drei Semmeln (oder für alle, die das nicht verstehen: Brötchen – darf ich vorstellen: die größte Thor-Diskussion.), drei Äpfel, zwei Bananen und jeweils eine Mandarine und Karotte zur Verfügung. Ich mache die offizielle Backschaftsansage und nach der stillen Minute kommt meine zweite Schlacht an diesem Morgen. Zwar nicht gegen Drachen oder Zauberer, aber um das Buffet. Als dann endlich alle, mehr oder weniger zufrieden mit ihrer Ausbeute, mit ihren Lunchpaketen fertig sind, geht es für mich als Backschafter ans Abspülen. Zum Glück bekommen wir Hilfe von fleißigen KuSis, die mit ihrer Reinschiffstation fertig sind. Zum Dank können sie bei den tollen Liedern mitgrölen, sehr zum Leidwesen des restlichen Stamms, der draußen noch gemütlich frühstücken will.

Um Punkt neun Uhr steige ich in den Bus, der uns alle zum Teide bringt. Auf der Fahrt machen wir immer wieder Stopps, zum Beispiel um die verschiedenen Vegetationsstufen klar zu erkennen, oder die Teleskope (genauer erklären) aus der Ferne zu bestaunen. Auch besuchen wir das Museum über den Teide, wo wir einen Film mit einem Berggeist anschauen. Er erinnert mich an den Drachen aus meinem Traum und ich muss schmunzeln.

Als wir am Beginn unserer Wanderstrecke ankommen, räumen wir das Gepäck aus dem Bus und lauschen gespannt einem interessanten Referat von der Expertin Tilli über den Vulkanismus. Die Theorie sehen wir bereits zum Beginn unserer Tour in der Realität. Erkaltete Lava und erhärtete Lavaströme sind links und rechts zu entdecken. Was für ein Anblick! Die ersten eineinhalb bis zwei Stunden laufen wir alle zusammen einen relativ breiten Weg bis er auf einmal steiler und zu einem Pfad wird. Wir teilen uns auf: die Köche und die Genießer. Die Köche gehen den letzten Teil zur Hütte eher schnell hoch, die Genießer – naja, wie soll man es sagen – genießen den Weg. Auch ich bin Teil der letzteren Gruppe und wir laufen gemeinsam bis zur Hütte. Der Weg ist teilweise schon anstrengend, aber meiner Meinung nach wirklich gut machbar. Außerdem hat man eine tolle Aussicht auf das Meer, vereinzelte Wolken unter uns und natürlich, nicht zu vergessen, die Marslandschaft des großen Teidegebiets.

Ein paar der schnellen KuSis, also der Köche, steigen wieder ein Stück ab und helfen den Langsamen beim Tragen ihres Gepäcks. Wir kommen auch nur ein paar Minuten später als die Köche an, die leider nicht kochen konnten, weil die Hütte erst später geöffnet wird. Also nutzen einzelne, und auch ich, die Zeit, und wir gehen noch weiter nach oben in Richtung Gipfel. Warum? Nun, wir KuSis sind seit drei Wochen auf Meereshöhe und innerhalb von ca. sechs Stunden gehen wir auf eine Höhe von etwa 3260 Metern, auf der nur noch ein Luftdruck von 720 hPa gegenüber 1000 hPa herrscht. Zur weiteren Vorbeugung der Höhenkrankheit und für einen besseren Schlaf gehen wir eben nochmal 100 Höhenmeter nach oben, und anschließend wieder nach unten.

Beim Abendessen auf der Schutzhütte „Refugio“ sehe ich viele KuSis „Kus-kus“ (Couscous) konsumieren, meist gelöst in Brühe, und auch ich löffle zu meinem Brot ein paar Tassen dieser Suppe. Während die Temperaturen draußen in die Minusgrade fallen, hören wir im Warmen bei einer Tasse Tee und einem Gute-Nacht-Keks einen interessanten Vortrag über Vulkangestein von unserem Geolehrer Tobi. Danach überwiegt bei den meisten und auch bei mir die Müdigkeit und wir schlüpfen in unsere gemütlichen Hüttenbetten. Immer wieder hört man einen dumpfen Schlag und ein „ah“, da weiß man: es hat sich wieder jemand den Kopf an den tiefhängenden Hölzern gestoßen. Langsam wird die Welt um mich dunkler, dafür eine andere heller. Eine Welt voller Abenteuer und Geschichten, voller Fantasie und voller feuerspeiender Drachen, die nur darauf warten besiegt zu werden. Ich habe also einiges zu tun, bis es morgen wieder weiter den Teide hinauf geht. Gute Nacht!

*Dieser Text wurde an dem Tag geschrieben, als „I bims“ zum Jugendwort 2017 gewählt wurde. Übersetzung: Hallo, ich bin es, der Teide.

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