LOADED

Mittagsposition: GESUCHT! – Astronavi bei Detlef

schueler-josephDatum: Montag, der 28.11.2016
Mittagsposition: 21° 47,7′ Nord, 046° 39,8′ West
Etmal: 110 sm
Wetter: Lufttemperatur: 25°C, Wassertemperatur: 26,5°C, Wind: NE2
Autor: Joseph

„Achtung!“, Josef und Carla sitzen beide über der auf den Punkt genau gestellten Armbanduhr und verfolgen dem Sekundenzeiger. Schließlich darf der Zeitpunkt der Messung um kein bisschen falsch liegen. „Null!“, um 10 Uhr 9 und 58 Sekunden Bordzeit wurde von Detlef ein Winkel von 30 Grad und 53,5 Minuten von der Sonne zur Horizontebene der Erde mit dem Sextanten geschossen. Mithilfe dieser Daten wird später die Standlinie für unsere Mittagsposition herausgefunden. Dasselbe wird dann auch um 12 Uhr und 53 Minuten Bordzeit gemacht, die Zeit an der die Sonne ihren Höchststand erreicht hat. Dazwischen liegen natürlich noch der Bio- und Spanischunterricht und ein leckeres Mittagessen. Nach weiteren zwei Schulstunden bei Judith und Nele ist es nun endlich so weit: astronomische Navigation bei Detlef. Wir sollen in Kleingruppen unsere Mittagsposition bestimmen. Na dann mal los! Ich bin mit Jan und Christoph in einer Gruppe. Wir schreiben die an die Tafel geschriebenen Zahlen ab, nachdem wir sie eine Zeit lang planlos angestarrt haben, ohne uns darüber im Klaren zu sein, was wir mit ihnen anfangen sollen:

Sextant-Ablesung der Sonne zur Zeit der Kulmination an Bord: 46 Grad 37,5 Minuten
Sextant-Indexberichtigung: – 3,0
Sextant-Ablesung der Sonne um 10-09-58: 30 Grad 53,5 Minuten
Ortskoppelung um 8 Uhr: 21 Grad 53,5 Minuten Nord
46 Grad 25,8 Minuten West
Höhe über dem Meeresspiegel: 4 Meter
Kurs: 250 Grad
Geschwindigkeit: 3 Knoten

Moment, wie war das nochmal? Zum Eintragen unserer genauen Mittagsposition in die Karte benötigen wir drei Linien: Kurslinie, Mittagsbreite und mindestens eine Standlinie. Dafür werden uns zwei Wälzer mit endlos langen Zahlentafeln zur Verfügung gestellt: Das nautische Jahrbuch und die H.O.-Tafeln. Die Kurslinie ist leicht, da muss man nicht viel nachdenken. Im Grunde muss man nur eine vorherigen Position in die Karte einzeichnen und von dort aus die Kurslinie ziehen, also von dem gekoppelten Ort um 8 Uhr eine Linie nach 250 Grad Westsüdwest. Die Mittagsbreite gibt den Breitengrad, auf dem man sich zum Zeitpunkt des Höchststandes der Sonne befindet, und das ist schon etwas komplizierter: Hierfür brauchen wir die Zenitdistanz der Sonne und die Deklination der Sonne zur jeweiligen Jahreszeit. Ein Zenit liegt vor, wenn die Sonne im rechten Winkel über einem Ort liegt, und was die Deklination betrifft, habt ihr vielleicht schon einmal davon gehört, dass die Sonne im Laufe des Jahres eine Sinuskurve zwischen den zwei Wendekreisen zeichnet. Am 21.3. ist sie direkt über dem Äquator, am 21.6. über dem nördlichen Wendekreis, am 21.9. wieder über dem Äquator und am 21.12. über dem südlichen Wendekreis. Die Deklination gibt an, wo genau sie sich momentan befindet. Zur Zenitdistanz muss diese dann addiert oder subtrahiert werden, je nachdem ob man sich auf derselben Halbkugel wie die Sonne befindet oder nicht. Perfekt!
Jetzt haben wir eine Breite von 21 Grad und 47,2 Minuten Nord zur Zeit des Höchststandes der Sonne, was bei uns um 12.55 Uhr war. Das kann auch gleich in die Karte eingezeichnet werden- Und jetzt – last but not least – die Standlinie. Diese Linie steht senkrecht über dem Azimut (ein Winkel zwischen der Vertikalebene eines Gestirns, in diesem Fall die Sonne, und der Südhälfte der Meridianebene, gemessen von Süden über Westen, Norden und Osten) und schneidet sich mit unserer Mittagsbreite. Wir brauchen jetzt viele verschiedene Tabellen aus beiden Büchern… wenn sie doch bloß da wären! Es gibt von beiden jeweils nur eins und bei drei Kleingruppen muss man schließlich teilen. Jan, Christoph und ich warten ein paar Momente, bis wir wieder dran sind und gehen ran an die Sache: Rechnen, Blättern und ganz genau lesen sind für die nächste Viertelstunde angesagt. Eine falsche Nachkommastelle kann mehrere Seemeilen Abweichung ausmachen. Zu dritt grübeln wir hochkonzentriert, schlagen in Tabellen mit klitzekleinen Zahlen nach und legen uns Geodreiecke an, damit wir uns nicht verlesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit haben wir nun endlich die vier Werte, die wir zum Eintragen unserer Standlinie benötigen. Wir grinsen uns gegenseitig an und waren kurz davor, den Bleistift anzulegen, als Detlef uns auf die falsche Höhendifferenz hinweist.
Och nee!
Hätte Christoph den Fehler nicht gefunden, hätten wir unsere ganzen Berechnungen genauso gut in den Papierkorb werfen können. Hier muss alles sehr genau sein, sonst taugt das nichts! Mit der jetzt richtigen Höhendifferenz tragen wir die korrekte Standlinie ein. Zu guter Letzt müssen wir die Mittagsbreite und die Standlinie nur noch an der Kurslinie so verschieben, dass der Schnittpunkt dieser zwei Linien unsere Position um 12 Uhr angibt, denn die Mittagsbreite gilt für 12.55 Uhr, der Zeitpunkt des Höchststandes der Sonne, und die Standlinie für 10.09 Uhr und 58 Sekunden, als Detlef heute früh die Sonne mit dem Sextanten „geschossen“ hat. Kurz darauf vergleichen wir unsere astronomisch navigierte Mittagsposition mit der, vom GPS angegebenen. Gespannt beugen wir uns über die Karte: „Wow, eine Abweichung von nur einer Seemeile. Das ist echt gut!“, sagt Christoph und wir drei klatschen ab. „Für den Anfang ist das mehr als gut!“, lobt uns Detlef. Erschöpft wie wir sind kommt das Klingeln zum Abendessen genau richtig. Es gab Hähnchen mit Kartoffelpfanne. Nach dem Abendessen setze ich mich noch ein bisschen in die Bibliothek und fange an meinen Blog zu schreiben. Doch heute gehe ich früh ins Bett, denn morgen habe ich Backschaft. Es war schon aufregend, eine Mittagsposition ausschließlich mit zwei Büchern, einem Sextanten und der Sonne zu ermitteln. Natürlich wird dies den Steuermännern in der zweiten Schiffsübergabe von großem Nutzen sein, da hier ausschließlich astronomisch navigiert wird. Ich gehe noch zu unserer Backschaftsvorbesprechung und gleich danach ins Bett.

PS: Alles, alles Gute zum Geburtstag, Mama. Ich hoffe ihr habt schön gefeiert und hattet einen schönen Tag.
-Yannic

Menu