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Schiffsarbeiten

schueler.johannesDatum: Dienstag, der 29.03.2016
Mittagsposition: Hafen von Horta, Faial, Azoren
Etmal: –
Wetter: Lufttemperatur: 15 °C, Wind: N 4-5
Autor: Johannes (Steuermann)

Zu jedem Hafenaufenthalt gehört mindestens ein Tag, der den ‚Schiffsarbeiten‘ gewidmet ist. Eigentlich ist das missverständlich: Natürlich wird nicht nur an jenem Tag an und auf der Thor gearbeitet, sondern viel öfter, zum Beispiel von der Bootsfrau Laura und vielen anderen Stammmitgliedern. Aber dieser eine Tag, oft der letzte vor dem Auslaufen, ist eben speziell für eine Vielzahl von Arbeiten vorgesehen, und vor allem sind wir alle daran beteiligt. Also ist heute erst mal „Schluss mit lustig“, keiner kann sich drücken, keine Ausflüge, kein Landgang, oder nur am Abend, wenn alles geschafft ist. Bei diesem Aufenthalt hat das Wetter allerdings einen fetten Strich durch unsere ursprüngliche Rechnung gemacht. Mittwoch, der Tag vor dem Auslaufen, ist der einzige mit annehmbarem Wetter für eine Besteigung des Pico. Also heute Schiffsarbeiten, morgen Ausflüge…

Nach dem Frühstück geht’s los. Kurze Schiffsversammlung. Detlef steht schon mit der laaaangen Liste der zu erledigenden Arbeiten da und wartet ein wenig ungeduldig, dass nun endlich alle zur Arbeitsbesprechung mit Einteilung aller „Arbeiterinnen und Arbeiter“ erscheinen. Zuerst die Vorarbeiter – die sind in der Regel Mitglieder des Stamms. Was haben wir denn heute: Farbarbeiten draußen (ein Dauerbrenner!), Farbarbeiten innen, Rigg und Takelage, Proviantübernahme, Maschine, Pläne und Planung, Navigation und Karten. Dann werden alle übrigen Besatzungsmitglieder zugeteilt. Für manche Aufgaben gibt es schon Spezialisten: Die Projektleitungsassistenten sind für die Erstellung der Pläne – davon haben wir seeehr viele – zuständig, und auch für die Seekarten, mein Bereich als Steuermann, sind schon Helfer eingeteilt: Christoph und Leonhard werden mir auf der kommenden Etappe dabei helfen, unseren Kartensatz aktuell zu halten und immer die gerade benötigten Seekarten herauszusuchen. Mit den beiden kann ich also heute rechnen!

Wie praktisch, denn natürlich hab ich nicht nur eine Aufgabe zu erledigen… In der Last (Werkstatt, Waschküche, Laderaum und Lebensraum der Bootsfrau zugleich) wartet noch der Wäschetrockner, ein essentielles Element unserer Bordmaschinerie, darauf, mit den neuen Ersatzteilen, die aus Kiel gekommen sind, endlich „richtig“ repariert zu werden… Schon seit Kuba schwächelte er vor sich hin, aber ohne die originalen Miele-Ersatzteile, die auf den Bermudas natürlich nicht spontan zu bekommen sind, gab es nur eine „Bastellösung“ – immerhin, sie hielt bis hierher. Also beginnen wir damit: Wäschetrockner ausbauen und auf die Werkbank stellen, das geht nur zu mehreren.

Dann ist Zeit, Christoph und Leonhard in die Kartenkorrekturen einzuführen. Wie immer kann man nicht direkt beginnen, sondern muss erst die Vorarbeiten erledigen: in unserem Fall eine Matrix erstellen, welche Korrekturen aus welchem Korrekturheft in welche unserer Karten eingefügt werden müssen. Das können die beiden selbstständig erledigen, währenddessen ich ganz in Ruhe den Trockner… usw. Unterdessen verwandelt sich das Schiff in einen bienenstockesken Ort – überall brummt und hämmert es (das sind die Rostklopfer…), es stapeln sich Kisten und Arbeitsmaterialien, die Unordnung nimmt exponentiell zu… So ist es immer, wenn 50 Leute über die arme Thor herfallen.

Kaum hab‘ ich die Hälfte der Ersatzteile eingebaut, stehen meine beiden Assistenten wieder auf der Matte: „Fertig!“ Verkünden sie strahlend. OK – dann muss ich mir den nächsten Schritt ausdenken, den sie selbstständig erledigen können. Aber kein Problem: Im Laufe der letzten Wochen ist die Ordnung in unseren Kartenschubladen ziemlich auf der Strecke geblieben. Das muss sowieso sortiert werden…

Rechtzeitig zum Mittagsessen läuft der Miele wieder. Jedenfalls sieht es so aus! Ich bin vorsichtig geworden mit meinen Prognosen, denn beim letzten Mal, der „Bastelreparatur“, funktionierte er zwar weitgehend, aber manchmal auch nicht. Diesmal aber sieht es gut aus. Ein, zwei Probeläufe bewältigt er spielend – freigegeben zum Probebetrieb! (Wäsche zum Trocknen ist bei uns stets reichlich vorhanden!)

Währenddessen sieht es in den Kartenschubladen der Navi aus, als ob die Heinzelmännchen eine Extraschicht eingelegt hätten. Alle Karten sind sortiert und liegen Stoß an Stoß ordentlich in ihren Schubladen. Super. Erst einmal Mittagessen und dabei die Sonne genießen, die inzwischen rausgekommen ist!

Nach dem Essen kann es nun richtig mit dem Korrigieren losgehen. Zu dritt machen wir die ersten Korrekturen: Hier ein Leuchtturm streichen, dort eine Tiefenangabe ändern, hier ein Naturschutzgebiet einzeichnen, dort eine neue Ölplattform einzeichnen… Und das meistens an Stellen, die wir sehr wahrscheinlich niemals erreichen werden. Aber die Frage der Sinnhaftigkeit kann hier nicht gestellt werden. Spätestens bei der nächsten Kontrolle werden wir froh sein, wenn unser Kartensatz auf dem aktuellen Stand ist.

Unterdessen schreitet der Nachmittag voran. Kaffeezeit ist vorbei, es geht auf vier Uhr zu. Da wir noch einiges an Programm für heute Abend vorgesehen haben, sollen alle Baustellen bis 4 fertig werden, damit wir das Schiff noch sauber bekommen, bevor es morgen auf die Ausflüge geht.
Und so endet an dieser Stelle ein produktiver Arbeitstag. Und auch die Unordnung an Bord ist weitgehend verschwunden. Nicht immer läuft alles so geordnet und erfolgreich ab.
Nordatlantik, wir kommen!

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