Ein normaler Sonntag auf See?

Datum: Sonntag, der 26.11.2017
Mittagsposition: 17° 53,8‘ N; 022° 56,5‘ W
Etmal: 115 sm
Wetter: Lufttemperatur: 27°C, Wassertemperatur: 25,5°C, Wind: NE 3-4
Autor: Michi

Als ich heute morgen um 9.00 Uhr aufstand (man muss erwähnen, dass ich erst um halb 3 ins Bett kam, und ab 7.00 Uhr regelmäßig durch laute KUSis auf den Gängen geweckt wurde), war irgendetwas anders als sonst. Ich sah mich um. Nein, alles wie gewohnt. Zwar nicht mehr ganz so ordentlich wie nach Großreinschiff am Samstag, aber die Kammer konnte sich sehen lassen. Ich ging auf den Gang hinaus, an Deck, zum Frühstück, und da realisierte ich, was anders war als sonst. Ich lauschte und hörte – nichts!
Natürlich muss man „nichts“ definieren, als „nichts außer Wellen, redenden Leuten, Musik aus der Kombüse und hin und wieder das Knarzen der Masten“. Aber sonst fast Stille! Und das bedeutet: keine Maschinenunterstützung mehr! Nach Tagen des Gegenwinds oder der Flaute spürte man endlich ein wenig den Passatwind aus Nord-Ost und sogar die Skysegel (Segel oberhalb des Bramsegels am Schonermast) waren gesetzt. Schließlich sind wir schon auf 17° N, und damit schon bald bei den kapverdischen Inseln. Die Butter schmilzt schon, und nach Detlef´s Spruch „in den Süden, bis die Butter schmilzt und dann rechts abbiegen“ hätten wir schon vor ein paar Tagen den Kurs ändern sollen und in Richtung Karibik segeln. Das Problem ist, dass wir aufgrund des Maschinendauerbetriebs bereits 4000 Liter Diesel seit Teneriffa verbraucht haben und eine Möglichkeit des Bunkerns vor der Atlantiküberquerung nicht allzu schlecht wäre. Deshalb segeln (!) wir jetzt nach Palmeira auf Sal, einer kapverdischen Insel, und verweilen dort ein paar Stunden. Wir werden dort Diesel bunkern und – weil weder die Thor noch Detlef je dort waren – die Insel erkunden. Dazu bildeten wir vier Exkursionsgruppen und werden morgen die unterschiedlichsten Gebiete der Insel entdecken. Darauf freuen wir uns alle schon.

Seit Teneriffa hat sich der Sonntag auf See ein bisschen verändert. Nun haben je vier Leute einen halben Tag Brotbackschaft, das heißt, sie fertigen Sauerteig nach original KUS-Rezept und backen (natürlich leckere) Brote für die nächste Woche. Heute geschah dies unter professioneller Anleitung von Willi und Ferdi – die circa 60 fertigen Brote am Abend konnten sich wirklich gut sehen lassen. Jetzt müssen sie nur noch bis nächsten Sonntag reichen.
Auch gibt es am Sonntag keinen Unterricht und keine Praktika. Das bedeutet wir fahren in voller Wachbesetzung (bis auf Backschaft, Brotbackschaft und Lehrer/innen), was die Wachen natürlich deutlich entspannter macht. Und es ist schön auch mal wieder den anderen Teil seiner Wache zu sehen, da man mit der anderen Unterrichtsgruppe nicht so viel zu tun hat.
In unserer heutigen Tagwache war ich Wachprinz. Das heißt, ich organisierte die Wache und teilte den anderen mit, wann sie welche Aufgaben bitte erledigen sollen. Unsere Wache wurde vom Mittagessen und von Kais Referat über traditionelle Navigationsmethoden unterbrochen. Das war sehr interessant und auch Detlef war begeistert. Zum Kaffee gab es leckere Nussecken von Julia und Wassermelone, was wir draußen in der Sonne genossen. Dabei setzte unsere Englischlehrerin Henni durch, einen Englishtable einzurichten, an dem ausschließlich Englisch gesprochen werden sollte. Das war recht lustig, aber seltsam einmal wieder etwas anderes als Spanisch zu üben. („Our English wasn‘t the yellow of the egg, but it went.“) Zum Abendessen zauberte die Backschaft Steak mit Ofengemüse und wirklich alle waren begeistert. Danach hielten Paul, Thomas und ich einen kurzen Vortrag über die kapverdischen Inseln und Sal.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Sonntag an Bord der Thor Heyerdahl wirklich ein besonderer Tag ist, an dem es meist leckeres Essen gibt, man auch mal Zeit für sich und seine Hobbys hat und alles ein bisschen lockerer abläuft. Zudem haben wir seit ein paar Tagen vorne auf der Back (=Vordeck) unser Trimmdich-Rad stehen. Deshalb sieht man immer öfter fleißige KUSis darauf trainieren und sich danach unter der neuen Seewasserdusche zu erfrischen. Wir freuen uns alle auf die Expeditionen morgen und müssen dafür jetzt Schlaf tanken. Gute Nacht!

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