Delfine

Datum: 29.10.18
Mittagsposition: 32º 51,9′ N; 016º 17,3′ W
Etmal: 97 sm
Wetter: Lufttemperatur: 20,5 ºC; Wassertemperatur: 22 ºC; Wind: NNE 2
Autor: Leo

Er scheint zu lächeln.
Seine Schnauze gleitet lautlos durch das tiefe Blau der Biscaya. Irgendwo unter ihm zwitschert ein anderer. Er zwitschert zurück. Ein Schiff soll in der Nähe sein. Immer mehr grau-weiße Schönheiten pflügen mit ihm auf den roten Rumpf des Seglers zu. Es ist nicht irgendein Rumpf. Es ist der Rumpf der Thor Heyerdahl. Genüsslich schnaubend taucht er auf, flutet seine Lungen mit der frischen Seeluft und verschwindet mit einem wohligen Prickeln im Blasloch wieder in den Fluten. Er will spielen.
Und nur kurz hat er der Welt dort oben einen Blick auf die Eleganz des Ozeans gewährt. Doch ausgereicht hat es: Für ein lautes „Delfine an Backbord!“ des Ausgucks über das Achterdeck der Thor. Er steht dort, die Hand an die Stirn gepresst, um gegen die Sonne zu sehen. Schnell füllt sich das Hauptdeck mit Menschen, jedem steht die Aufregung ins Gesicht geschrieben. Überall folgen begeisterte Blicke den flinken Flossenschlägen.
Delfine! Und wie viele es sind!
Wie mühelos sie um den trägen Schiffsrumpf jagen. Wie elegant sie mit der Bugwelle gleiten. Wie sehr sie doch Eins sind mit dem Meer. Jede Bewegung stimmt mit der nächsten Welle überein, als wären sie selber die Welle. Dort ist wieder er. Er freut sich mit den anderen und schnellt als Teil einer Dreierkette immer wieder hervor. Seine Finne spaltet die Gischt in kleine Wölkchen. Platschend schließt sich das Meer wieder über ihm.
„Auch an Steuerbord!“, tönt es vom Vorschiff. Vierzig Augen wechseln den Standpunkt. Obwohl, vierzig? Nein, es sind weniger. Die ersten haben sich nämlich von dem Schauspiel trennen können, um ihre Kameras zu zücken. Jetzt mischt sich unter die melodischen „Aaahs“ und „Oooohs“ das monotone Klicken der Kameras. Mittlerweile wurde der Rudergänger (also derjenige, der das Schiff steuert) ausgewechselt, damit er die Delfine auch sehen kann. Bald sind auch die fleißigen Köche aus der Kombüse für einen Moment an der Reling zu sehen. Inzwischen sind manche von dem Treiben an Deck aufgewacht und sind ebenfalls an der Reling zu sehen. Auf dem Schiff sind eigentlich nie alle gleichzeitig wach. Normalerweise besetzt die Fahrwache das Achterdeck und die Backschaft bekocht die Mannschaft. In der Messe, dem Raum für Essen, Spielen, Unterricht, Versammlungen, sitzen normalerweise ein paar muntere Kartenspieler. Aber heute ist alles anders.
„Jetzt auf beiden Seiten!“ Er taucht unter dem Schiff hindurch, andere tun es ihm gleich. Auf beiden Seiten der Thor tummeln sich nun Delfine im Wasser und Menschen an der Reling. Seit fast einer Dreiviertelstunde schon wird die Thor begleitet. Und wenn es am schönsten ist… Nach und nach verschwinden sie wieder; die Delfine im Wasser und die Menschen von der Reling. Aus dem emsigen Treiben an Deck wird ein kleiner Trupp, der bis zum Schluss dabei ist. Bis auch der letzte Delfin wieder abtaucht.
Er ist es. Lautlos gleitet seine Schnauze durch das tiefe Blau der Biskaya.
Er scheint zu lächeln.

P.S. Ois Guade, Jannik!

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