Einlaufen in Porto Santo – auf Piratenart

Datum: Dienstag, der 30.10.2018
Mittagsposition: 34° 02,9‘ N; 015° 13,1‘ W
Etmal: 150 nm
Wetter: Lufttemperatur: 20 °C, Seewassertemperatur: 21,5 °C, Wind: NW5
Autorin: Melina

Ich kann mich noch genau erinnern, als wir eines schönen Tages nach acht Tagen auf See, wenn sich mein altes Seemannshirn nicht täuscht, an der kleinen portugiesischen Insel namens Porto Santo vor Anker gingen.
Ein Jedermann stürmte sofort an die Reling unseres treuen Schiffs Thor Heyerdahl und blickte gebannt in die Ferne, als unser Ausguck, der bedrohliche Ben, „Land in Sicht auf zwei Strich Steuerbord!“ verkündete.
Es war ein wahrhaft paradiesischer Anblick, wie die so unberührt scheinende Insel im Nebel vor uns auftauchte. Auf unseren letzten Seemeilen wurden wir sogar von einer springenden Schar Delfine begleitet. Ihre glänzenden Körper glitten schwerelos durch das klare, funkelnde Wasser, bevor sie aus einer Welle geschossen kamen und uns schon fast anlächelten. Die Felsen erstrahlten in der Abendsonne in den schönsten Rot- und Orangetönen und die Stadtlichter funkelten mit dem Meeresleuchten und den Abendsternen um die Wette. Voller Vorfreude, festes Land unter den Füßen zu haben, stimmte unsere Piratencrew ein Seemannslied an.
Nach dem „Signal K“, dem All-Hands-On-Deck-Manöver, bei dem alle Seemannshände tatkräftig mit anpackten und halfen, die Segel zu packen und alles fürs Ankern bereit zu machen, ließen wir den Abend noch entspannt ausklingen und nutzten die Zeit für Dinge, die man als Pirat so zu tun hat, wie in meinem Fall Wäsche waschen, Ukulele spielen und die Lichter der kleinen Hafenstadt bewundern. Ein großer Vorteil des Ankerns ist die Ankerwache, die im Vergleich zur gewöhnlichen Wache um einiges entspannter verläuft. Sie wird zu zweit angetreten und sie dauert nur halb so lange wie sonst, also eineinhalb Stunden.
Am nächsten Tag, nach der Ankerwache mit der tückischen Theresa, brachen wir mit dem Dinghi auf – und ich, die mutige Melina, machte das Städtchen gemeinsam mit der raubenden Romy, der heftigen Helen, der angsteinflößenden Anna-Lena und zu guter Letzt auch der tückischen Theresa unsicher. Nach der etwas wackeligen Dinghi-Überfahrt von der Thor zur Pier waren wir alle größtenteils durchnässt und ziemlich hungrig, also machten wir uns zur Futtersuche auf. Unsere stolze Beute an diesem Abend war eine warme Pizza Hawaii, die vor Fett nur so triefte, und Pommes. So kommt ein echter Pirat nun mal zu seinen Kräften.
Von dem Ort am Strand, wo wir unser Essen verspeisten, hatten wir perfekte Sicht auf die untergehende Sonne und den kilometerlangen Sandstrand, dessen Bucht gleichzeitig auch der Ankerplatz unserer lieben Thor war. Somit konnten wir auch beobachten, wie sie zwei Mal verholt wurde, weil Gerüchten zufolge der portugiesische Präsident zu Besuch war. Unser unglaublich gefährlicher, piratenartiger Anblick passte wohl nicht zu dem Hintergrund, den sich die Fernsehleute für diesen besonderen Anlass wünschten.
Da wir in Porto Santo nicht in den Genuss von modernen Kommunikationsmedien kamen, war es uns nicht möglich, unsere Liebsten Zuhause mit einem Mobiltelefon oder dergleichen zu kontaktieren. Wie in guten alten Zeiten wurden deshalb einige Briefe oder die an der Promenade erhältlichen alten, ausgeblichenen Postkarten verschickt. Wir hoffen, dass diese trotz der etwas verlassen wirkenden Poststelle gut bei den Empfängern angekommen sind.
Unser letzter Raubzug führte uns noch zum ortseigenen Supermarkt, um unsere Reserven bis nach Teneriffa, unserem nächsten Ziel, aufzufüllen. Dazu gehörten dann, wie meistens, Schokolade, Nüsse, Cornflakes, Gummibärchen, Kekse, Tortillas, Chips, Schokoladencreme und alles, was unser Piratenherz sonst noch so begehrt. Das mag sich in dem Moment viel anhören, aber ein guter Kumpane teilt alles mit seiner Crew.
Um das Dinghi noch zu erwischen, das uns wieder zur Thor bringen sollte, rannten wir zur Pier. In dem Moment, unter dem rosa Himmel und den motivierenden Rufen der Einheimischen, fühlten wir uns wie wahre Piraten – und dann war die ganze Geschichte vielleicht doch nicht so überzogen, wie sie sich angehört hat.

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