Der Teide und die Weltenwanderer

Datum: 6. und 7.11.2018
Ort: Teneriffa/Teide
Autor: Christoph

Vor nicht all zu langer Zeit, nämlich am sechsten Tage des Novembers im Jahre 2018, geschah es, dass sich eine Gruppe aus genau 33 Weltenwanderern und 5 ihrer Begleiter auf den Weg zum Teide machte. Dieser wurde damals als größter und schönster Berg der Kanarischen Inseln gepriesen. Und so beschlossen sie, dass der Hügel auf jeden Fall zu ihrer Reise gehören sollte.
Schon bald, am Abend vor dem großen Aufbruch, besuchte sie also ihr Oberst, ehrfürchtig Ruth genannt, und sie bekamen wertvolle Instruktionen. Wie wertvoll, das würde sich schnell zeigen.
Ausgerüstet und voll frohen Mutes standen sie nun dem Berg zu Füßen. Ob der enormen Größe und seiner unwirklichen Ausstrahlung knickten jedoch einige der Weltenwanderer ein und begannen gesenkten Hauptes ihren Marsch. Vollgepackt mit vielem, was ihnen Ruth geraten hatte, mit vielem, was sie selbst als nützlich erachteten, und mit vielem, was sie für alle mit sich schleppten, setzte sich der Tross gen Teidespitze, dem Pico del Teide, in Bewegung. Zu Beginn, so meinten sie, verflogen die Meter und Meilen nur so unter ihren dick besohlten Stiefeln. An ihrer ersten Rast erklärte eine besonders Weise unter ihnen, deren Name Theresa war, warum es den Teide überhaupt gab. Sie redete von Vulkanismus und Plattentektonik; natürlich völliger Humbug, das wussten sie alle, denn natürlich war es Guajota, der Geist des Berges, der den Teide durch seine eigene Kraft und Magie auferstehen hatte lassen. Durch diese so unvorsichtigen Bemerkungen schien unsere kleine Gruppe den Zorn des Geistes auf sich gezogen zu haben, nur so erklärten sie sich später die kleinen und großen Probleme, vor die sie der Berg selbst zu stellen schien.
Sie zogen also weiter: Sie gingen weiter, sie liefen weiter, sie kletterten weiter, sie krochen weiter, sie schlenderten weiter, sie schnauften weiter. Nicht lange dauerte es, da traf sie schon die Missgunst des Berges: die ersten unserer Weltenwanderer bekamen eine seltsame Krankheit. Erneut bemühte sich eine der Weltenwanderer, Vivi, der Gruppe diese zu erklären. Ihre Ausführungen ergaben durchaus Sinn; und dennoch wird diese eine den Gipfel nie erreichen, das beschloss Guajota sofort. Nun, der Geist kennt keine Gnade. Er hatte schließlich schon eine der Weltenwanderer vor der Wanderung in die Knie gezwungen; sie musste zuhause bleiben, da sie sich am Fuß verletzt hatte.
Weiter trotteten sie ihres Weges; er wurde steil, er wurde rutschig und ihr Schnaufen wurde vernehmbar und deutlicher. Der Berggeist freute sich, er glaubte schon lange nicht mehr, dass die Gruppe den Gipfel erreichen würde und er ließ die Nacht hereinbrechen. Mit dem Abend kam natürlich die Dämmerung und, viel schlimmer, auch die Kälte. Die 33 waren ausgelaugt und erschöpft, einige waren sogar in ein unheimliches Zittern verfallen, als der Kopf der Truppe einen Unterschlupf für die Nacht entdeckte. Überschüttet von Glück warfen sie ihre Rucksäcke von sich und, ohne das Gewicht, das ihr Haupt zusätzlich belastete, flogen sie förmlich den Langsameren entgegen und überbrachten die frohe Botschaft. Sie übernahmen die Rucksäcke der Schwächeren und gemeinsam trafen sie an der Hütte ein. Überwältigt von den Strapazen des langen Tages entledigten sie sich ihrer Rucksäcke und gaben sich der wohligen Wärme und Geborgenheit ihrer überraschenden Unterkunft hin.
Einer sorgte für einen wohlgefüllten Magen und bereitete etwas zu, das in ihrer eigenen Sprache KUSKUS genannt wird. Alle gierten auf die warme Mahlzeit und nur die eine, die die Bergkrankheit herabgewiegelt hatte, wollte wegen einsetzender Magenkrämpfe zunächst nichts essen. Schnell überwog aber auch ihr Hunger und sie aß mit Appetit. Für viel mehr als das und einen hastigen Abwasch reichten jedoch selbst die übernatürlichen Kräfte der Weltenwanderer nicht aus. Manche versuchten ihren Mut durch Sternegucken zu erneuern. Von viel Erfolg waren sie nicht gekrönt. Bald war die Hütte wieder wie ausgestorben; nur die guten Ohren einer Teidemaus vernahmen noch ein sanftes Schnarchen.
Nach kurzer und sehr tiefer Ruhe wurde das gleichmäßige Atmen der Weltenwanderer von einem ihrer Wischkästle zunichte gemacht. Dabei hatte erneut Guajota seine bösen Finger im Spiel, denn die Weckmelodie wurde eine Stunde zu früh gespielt. Damit hatte er die schlaftrunkenen Weltenwanderer hart getroffen. Um vier Uhr schließlich, also erst kurz nachdem der Sternenhimmel seine volle Schönheit zur Schau gestellt hatte, verließen sie ihre Schlafstätten. Kurz darauf wand sich erneut eine Schlange, diesmal aus vielen einzelnen Lichtpünktchen, eines für jeden Weltenwanderer, den Anstieg hinauf. Nach wenigen Metern schon siegte zu ihrem Leidwesen der Geist des Teides zum ersten Mal: die eine, die gestern noch vorwitzig versucht hatte, die Bergkrankheit zu erklären, war so von ihren Magenkrämpfen gebeutelt, dass sie sich schweren Herzens dazu entschied, umzukehren und sich auf den Abstieg zum Unterschlupf machte. Der Rest der Karawane zog schweigend weiter. Immer und immer steiler wurde der Pfad, bis sie sich schließlich auf allen Vieren den Fels hinaufmühten. Guajota sah mit Entsetzen zu; so musste er doch, wenn tatsächlich jemand sein Zuhause erreichte, Platz machen und sogar denjenigen beglückwünschen.
Schweren Herzens machte er sich bereit, sein Spiel zu spielen. Und sobald die ersten der 33 Weltenwanderer auf der äußersten Spitze angelangt waren, blies er seinen Berg; Schwefelfontänen schossen in die Höhe und die Sonne begann sich aus dem Wolkenmeer zu seinen Füßen erheben. Sie malte den Schatten auf die Wolken und färbte den Horizont blutrot. Die Gruppe war ausgelassen und zufrieden; sie alle hatten ihr Ziel erreicht. Trotzdem froren sie, obgleich jeder einzelne mehrere Schichten Kleidung trug. Da begann einer Brot aufzuschneiden. Die gute Proviantzauberin Mirte hatte an sie gedacht und ihnen ihr magisches Bananenbrot in die Rucksäcke gesteckt. Auf einen Schlag waren ihre Kräfte wieder hergestellt und zügig machten sie sich an den Abstieg. Beschwipst von ihrem Glück, von der Höhe und von Guajota selbst, sprangen sie den Boden hinunter. Guajota, noch immer vergrault, sah seine Chance und ergriff sie beim Schopfe; keine Sekunde zögerte er. Sein Opfer strauchelte, knickte um und stürzte zu Boden. Für Katie war an diesem Tag nicht mehr an weitergehen zu denken. Sechs andere erbarmten sich ihrer und trugen sie stetig den kurzen Weg zur Hütte. Dort beratschlagten sie sich lange, wie sie weiter vorgehen sollten. Schlussendlich mussten sie ihre Kameradin verlassen und auf Hilfe von außen warten. Das Herz schwer und voller Sorgen vollendeten sie ihren Heimweg. Währenddessen geschah ein Wunder: Daheim, in ihrem schwimmenden Zuhause, wartete die Verletzte auf sie.
Und so kann man mit Gewissheit sagen, dass sie auch heute noch leben.

Anmerkung: Dieses Märchen ist mit viel Kreativität und Übertreibung geschrieben worden. Trotzdem ist im Grunde alles so passiert, wie es in der Geschichte erzählt wird. Sogar der Berggeist Guajota existiert in den Geschichten der Kanarier! Katie hatte nur einen verknacksten Fuß, und es geht ihr inzwischen wieder gut.

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