Glück, wo existiert es?

Datum 08.11.2018
Mittagsposition: Teneriffa
Wetter: Lufttemperatur: 23 °C, Wassertemperatur: 20 °C, Wind: NE1
Autor: Simon

Donnerstag. Stinknormal in der Heimat, aber hier auf der Thor gibt es ja natürlich den Seemanns-Donnerstag! Und dieser Donnerstag, der einzige, welchen wir auf Teneriffa verbringen, war vollgepackt von spannnenden, lustigen und interessanten Erlebnissen.
Das besondere am Seemanns-Donnerstag ist Folgendes: beim Essen gibt es immer etwas Nettes oder Spezielles (Porridge, Nutella, Erdnussbutter, etc…), welches die Backschaft des jeweiligen Tages für uns vorbereitet.
Jedoch wurde bei diesem „Frühstück“ schon fast ein wenig übertrieben.
Wir durften ausschlafen bis um 08.30, was für jeden von uns schon ein reinster Luxus war. Ich lag in meiner Koje, Gedanken flogen mir streu durch den Kopf. Dann setzte sich ein genauer Gedanke fest: Was ist Glück, und wie nimmt man es wahr? Wir hatten etwas darüber gesprochen in dem Schreibworkshop mit Jakob, einem Mitglied unserer Stamm-Crew und einem sehr guten Freund. Glück konnte man in sehr vielen Formen bestaunen, aber wie, wo und wann? Nach 15 Minuten im Bett herumlungern ging es gemütlich nach oben an die frische Luft.
Gefolgt wurde dieser langsame Start von einem Brunch, welcher Frühstück und Mittagessen ersetzte. Unsere Backschaft, bestehend aus Lukas, Theresa und Ben Re hatte für uns eine sehr große Auswahl vorbereitet: Spiegelei (eine seltene Feinheit an Bord wegen des Mangels an frischen Eiern), Brownies (eine Premiere für die diesjährige Reise), Obstsalat in Hülle und Fülle (sogar mit drittem Nachschlag), Tomate mit Mozzarella (etwas Gesundes und Schmackhaftes am Morgen) und viel Baguette (am Morgen aus der lokalen Bäckerei geholt). Ein wahrhaftiger Festschmaus! Konnte man dies als Glück beschreiben? Naja, mein Magen gab mir auf jeden Fall eine klare Antwort!
Nach diesem gemütlichen Anfang zum Tag bekamen wir eine Stunde Landgang und durften nochmal durch die wunderschöne Stadt von Santa Cruz stromern.
Am Mittag traf der gebuchte Reisebus ein, um uns zum eigentlichen Programmpunkt des Tages zu bringen. Dieser war nämlich der Besuch des Thor-Heyerdahl-Museums und der von Thor Heyerdahl erkundeten Tempelanlage in der zentral liegenden Stadt Guimar.
Unterwegs waren wir mit Detlef, da unser Kapitän in seinen jungen Jahren den norwegischen Abenteurer höchstpersönlich auf seiner berühmten Tigris-Expedition begleitete, und sich uns damit die Möglichkeit bot, ihn mit Fragen regelrecht zu löchern.
Angekommen im Museum wurden wir zuerst in die Bibliothek eingeladen, ein von Thor Heyerdahl selbst gestalteter Raum, um uns Jens‘ Referat über den Wissenschaftler und Abenteurer anzuhören. Hierbei wurden viele interessante Fakten genannt, und die angespannte und interessierte Stimmung, welche uns alle durchfuhr, legte sich kein bisschen. Hauptsächlicher Grund dafür waren die unmittelbare Nähe zu den Fußstapfen dieses berühmten Forschers und die Vorstellung, dass er einmal an gleicher Stelle mit ähnlichen Gedanken stand und sich Sorgen um die Zukunft machte. Das war so beeindruckend, dass man nahezu vor Bewunderung erstarrt wäre. Erstarrt ist als Begriff etwas übertrieben, aber es war ein einmaliges Gefühl und Erlebnis.
Im Anschluss an das Referat durften wir einen Kurzfilm schauen, welcher uns die Motivation und den Antrieb von Thor Heyerdahl erklärte sowie eine kleine Einführung in seine verschiedenen Expeditionen gab.
Interessanter Fun-Fact: Bei der Expedition der Ra hatte die Mannschaft einen speziellen Gast dabei – und das war nicht die Filmcrew, welche mitreiste, um das Abenteuer zu dokumentieren, sondern die beiden Bordmaskottchen: ein Affe und eine Ente, welche die große weite Welt miterleben wollten. Der Affe wurde sogar so gut trainiert, dass er beim Segelsetzen mithelfen konnte, indem er an verschiedenen Tampen zog.
Nach dem Film führte uns Detlef um den Tempelkomplex und durch die verschiedenen Ausstellungen, erzählte beeindruckende Geschichten über seine Reise auf der Tigris und konnte unsere Neugier fast gar nicht bremsen. Unsere Gruppe hatte durch die Begleitung unseres Kapitäns VIP-Status im Museum und wir durften uns in bereits geschlossene Ausstellungen hineinschmuggeln. Wieder der Gedanke: ist es Glück? Kann Wissen der Sinn und das Ziel des Lebens sein, wo man immer wieder Freude spürt? In diesem Moment kam es einem auf jeden Fall als Option vor.
Abends gegen 18:00 reisten wir wieder mit dem Bus von Guimar los, in Richtung der Heimat, welche im Hafen liegt. Viele von uns waren so erschöpft von diesem anstrengenden, aber doch spannenden Tag, dass wir direkt im Bus eingeschlafen sind. Doch eine Überraschung erwartete uns noch: die „Pelican of London“!
Eine kurze Erklärung für diejenigen die sich jetzt gerade fragen, was ein Vogel aus England auf Teneriffa tut: die Pelican ist, so wie die Thor, ein Dreimast-Segelschiff und trägt, so wie die Thor, auch Jugendliche durch die Welt auf einem Abenteuer. Während „Klassenzimmer unter Segeln“ ein sehr traditionelles Projekt ist, fährt das Projekt Ocean College momentan erst seinen zweiten Törn, ähnelt unserer Reise aber sehr. Die Pelican hatte in unser Abwesenheit an dem Hafenliegeplatz vor uns angelegt, und nun stürzten wir hinüber, um die anderen Schüler kennenzulernen. Ein paar von uns kannten sich bereits, ob von der Summerschool, vom Probetörn oder ganz außerhalb von der Segelwelt. Innerhalb weniger Minuten hatten wir uns alle an der Pier versammelt und tauschten uns aufgeregt aus, jeder mit Neugier über das Leben und schwimmende Zuhause des anderen. Wir verstanden uns (und verstehen uns immer noch) perfekt, da wir viele gleiche Interessen und Erlebnisse teilen. Jedoch trennte uns auch eine große Menge, zum Beispiel die Verschiedenheit der beiden Schiffe. Nach ungefähr zwei Stunden Tratschen wurden beide Mannschaften von ihren jeweiligen Crews zurück auf ihre Schiffe beordert, doch wir verließen uns mit dem Versprechen, uns am nächsten Tag wieder zu treffen.
Nach dem Abendessen lag ich in meiner Koje und dachte nochmals über die vielen Geschehnisse des Tages nach. Freude, Spaß und auf jeden Fall viel Action. Man liebt echt jeden Moment, und diesmal ist es keine Übertreibung. Ein letztes Mal in diesen 24 Stunden durchquerte die Frage des Glücks meine Gedanken. Ich hatte meine Antwort gefunden. Glück existiert, es bringt Freude. Man entscheidet selber wo, wie und wann. Man diktiert selbst sein Glück. In diesem Moment lief ein einziger Gedanke mir immer wieder durch den Kopf: Was für ein Glück habe ich, bei diesem unglaublichen Abenteuer dabei zu sein!

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