Ein etwas anderer Sonntag

Datum: 18.11.2018
Mittagsposition: 20° 59,9´ N, 028° 17,3´ W
Etmal: 142 nm
Wetter: Lufttemperatur: 23,5 °C, Wassertemperatur: 25 °C, Wind: NE4
Autorin: Vivian

Kaum zu glauben, aber heute ist der erste „komplette“ Sonntag auf See, nachdem wir die Leinen in Teneriffa losgemacht und Kurs auf die Karibik gesetzt haben. Der Sonntag hat bei uns an Bord eine ganz besondere Stellung: Es gibt Nutella, Erdnussbutter und Eier zum Frühstück, alle Reinschiffstationen (außer Sanitär) haben frei und es gibt keinen Unterricht. Der Sonntag ist nun mal auf der Thor, also nicht anders als Zuhause, unser „Ruhetag“. Naja, zumindest normalerweise .…

Heute ist der 35. Tag unserer Reise und da ist es klar, dass gewisse Anforderungen an unsere fachmännischen Segelkentnisse erfüllt werden müssen. Und was könnte wohl wichtiger zu wissen sein, als die Funktionen der einzelnen Tampen (also der Seile, mit denen die einzelnen Segel bedient werden)? Natürlich, die Namen und ihr Aufenthaltsort! Es wäre doch sehr ärgerlich, bei einem Manöver eine Anweisung nicht befolgen zu können, weil man nicht weiß, wo man hin muss oder welches der vielen Taue gemeint ist. Dies ist der Grund, weshalb heute der berühmte Thor-Tampen-Contest ansteht.

Aber was genau muss man bei diesem Wettbewerb eigentlich machen? Im Großen und Ganzen sind die Regeln recht simpel: Man geht einmal übers gesamte Deck und benennt dabei so schnell wie möglich die ganzen Tampen. Wenn man bedenkt, dass von uns heute die Namen von 120 Fallen, Schoten, Hälsen, etc. abgefragt wurden, kann man sich vorstellen, wie schwer es ist, jeden Namen auswendigzulernen. Noch dazu kommt, dass einige Tampen mit relativ identischen Bezeichnungen versehen wurden, sich aber bei der Benennung in kleinen Feinheiten unterscheiden und es so für den Prüfling extra schwer machen, die Zungenbrecherbezeichnungen fehlerfrei auszusprechen, wie zum Beispiel das Top-Wort unserer Tampenrunde: Back-/Steuerbord-Großstengestag-Schotblock/Holepunkt-Versetzer.

Als ich heute morgen, wie jeden Tag, pünktlich zur Wache um 4.30 geweckt wurde, unterschied sich mein Morgen eigentlich gar nicht so stark von den anderen. Man konnte nämlich mich, und auch alle anderen, dabei beobachten, wie wir jede freie Sekunde damit verbrachten, übers Deck zu gehen und zu üben, alle Tampen zu benennen. Als dann letztendlich auch der Rest des Schiffes auf den Beinen war, war es also nicht mehr nur noch meine Wache, sondern auch die restlichen Kusis, die man beim Üben sah. Man konnte die Köpfe förmlich rauchen sehen und wie sich unsere angestrengten Gesichter darauf konzentrierten, eventuelle Wissenslücken aufzufüllen, so effizient es ging.

Als es dann endlich so weit war und wir unser Wissen beweisen konnten, fing es plötzlich an zu regnen. Ich als Brillenträgerin musste an dieser Stelle mit der Tatsache kämpfen, dass ich mehrmals während der Tampenrunde nichts mehr sehen konnte und anhalten musste, um die dichten Regentropfen von meiner Brille zu entfernen. Dennoch hat es unglaublich viel Spaß gemacht und man muss zugeben, dass es sehr zufriedenstellend war, wenn man, ohne allzulang überlegen zu müssen, die Tampen schnell und korrekt hintereinander benennen konnte. Nachdem die ersten Kusis durch waren, konnte man eigentlich relativ schnell erkennen, wer die Tampenrunde schon hinter sich gebracht hatte, da ein Großteil der Kusis triefend nass, aber mit strahlendem Gesicht unter Deck saß. Sieger des Contests war übrigens Philip mit einer Zeit von genau fünf Minuten, gefolgt von Renée und Robin.

Obwohl unser erster „Atlantiksonntag“ etwas anders verlief und vielleicht auch aufregender war als sonst, muss man doch zugeben, dass es unglaublich lustig war und dass es sich äußerst schön angefühlt hat, zu sehen, wie viel man in so kurzer Zeit lernen kann. Mit dem Abschluss unseres Tampen-Contests und unserem bisherigen Wissen haben wir einen großen Schritt in Richtung Seemann/-frau gemacht und sind alle gespannt und aufgeregt, mehr zu lernen und die Thor von Tag zu Tag noch besser zu kennen.

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