So haben wir den Sozialismus erlebt

Datum: 14.02.2019
Autoren: Emilia, Gereon
Ort: Havanna

Unser Landaufenthalt in Kuba begann mit einer riesigen Putzaktion für die Einklarierung. Vergangene KUS-Jahrgänge berichteten uns von Soldaten, bewaffnet mit Maschinengewehren, die auf der Thor die Einklarierung bewachen und von hohen Beamten, die das Schiff praktisch auseinandernehmen.

Doch als wir perfekt vorbereitet die Behörden empfingen, ergab sich ein komplett neues Bild: die Offiziellen waren entspannt und lachten sogar teilweise. Auch haben sie die Thor weniger genau unter die Lupe genommen als befürchtet. Nach der Überprüfung unserer Körpertemperaturen durch die Ärztin, einer Pass- und Zollkontrolle und einem gemeinsamen Gruppenfoto ist sie auch schon vorbei, die groß angekündigte Aktion. Das war unsere erste Erfahrung, die gezeigt hat, wie sehr Kuba im Wandel ist.

Dennoch bemerkt man immer noch regelmäßig die sozialistische Ausrichtung Kubas, zum Beispiel in der Schule in Pinar del Río, wo in jedem Klassenzimmer Fotos von den Nationalhelden Fidel Castro, Che Guevara und José Martí hängen, kombiniert mit sozialistischen und revolutionären Parolen. Ein weiteres eindrucksvolles Erlebnis auf Kuba war das Treffen mit der Tochter Che Guevaras, das ein Vertreter von ICAP, dem kubanischen Institut für Völkerverständigung, einleitete.

Er verriet uns sein Gehalt, umgerechnet 22 € monatlich. Das ist somit genau so hoch wie das eines Bauers, eines Arztes oder eines Busfahrers. Würde der Sozialismus in Kuba funktionieren, dann würde bekanntlich jeder und jede ein Gehalt in dieser Höhe erhalten, doch spätestens auf unseren Kleingruppenexkursionen konnten wir sehen, wie ungleich die Reichtümer über das Land verteilt sind. Die Besitzer der Casa Particulares, in denen wir übernachtet haben, erhalten mit einem Doppelzimmer ungefähr 25 € pro Nacht (wovon sie allerdings einen Teil wieder abgeben müssen).

Das erklärt auch, warum das Land zwei Währungen eingeführt hat: Mit den nationalen Pesos und Lebensmittelmarken können die Einwohner das Nötigste an Lebensmitteln erhalten, doch alles was darüber hinausgeht, wie Duschgel, Zahnpasta oder Waschmittel, sind Luxusgüter, die vom normalen staatlichen Lohn nicht bezahlt werden können.

Diese extremen Gegensätze waren auch in Havanna zu spüren. Die Straßen der Hauptstadt werden von wunderschönen, aber baufälligen Kolonialbauten geziert. Zwei Querstraßen weiter befindet sich ein 5-Sterne-Hotel für mehrere hundert Euro die Nacht. Jeder kann sich selber erklären, dass diese ganze Branche nur auf ausländische Touristen ausgelegt ist. Da viele Einrichtungen dem Staat gehören, kann es schnell vorkommen, dass sich niemand für die Pflege dieser Häuser verantwortlich fühlt, was besonders bei unserem Hotel etwas außerhalb Havannas spürbar gewesen ist. Zudem leidet der Staat darunter, dass durch das US-amerikanische Handelsembargo kaum Baustoffe vorhanden sind und dies somit ein weiterer Grund ist, warum die Häuser sehr baufällig sind.

Aber durch den Sozialismus hat Kuba in zwei Bereichen eine klare Vorreiterrolle in Lateinamerika: der kostenlose Zugang zum vergleichsweise sehr guten Gesundheitssystem für alle ist ein Privileg, den ein Großteil der restlichen lateinamerikanischen Bevölkerung nicht genießen kann. Auch die Schulbildung ist gänzlich kostenlos und es wirkt, als wäre die kubanische Bevölkerung in einigen Bereichen – wie zum Beispiel den Englischkenntnissen – weitaus besser gebildet als die panamesische.

Ein Symbol für den Wandel in Kuba ist die Wahl zur neuen Verfassung am 24. Februar, die beispielsweise die Ehe für alle ermöglicht und allgemein sehr viel liberaler ist als die vorherige. Doch auch dort ist merkbar, dass es sich um ein sozialistisches Land handelt: In jedem Restaurant, auf jeder Anzeigetafel und auf jedem Bus steht die Parole „Yo voto sí“ („ich stimme für ja“), eine Gegenparole konnte man nicht finden.

Kuba ist (noch) ein sozialistischer Staat, der immer liberaler wird. Doch es gestaltet sich schwierig, die Spaltung zwischen den einheimischen Arbeiterinnen und Arbeitern auf der einen Seite und den Touristen, den Angestellten in der Touristenbranche und den Einheimischen mit ausländischen Kontakten auf der anderen Seite zu überwinden, um den Sozialismus auf Kuba zu erhalten.

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