Segelmanöver aus der Sicht eines Kobolds

Datum: 18.02.2019
Mittagsposition: 27° 25,4`N; 075° 20,2`W
Etmal: 187 nm
Wetter: Lufttemperatur: 27 °C, Wassertemperatur: 26,5 °C, Wind: SSW3
Autorin: Anna K.

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Kaspar, ich bin ein Kobold und lebe schon seitdem ich denken kann an Bord der Thor Heyerdahl.

Den größten Teil meiner Zeit verbringe ich naschend in der Kühllast oder schlafend auf dem Zwischenboden. Nur manchmal, wenn ich das Gefühl habe, etwas Spannendes passiert, komme ich an Deck und schaue ein bisschen zu, was die Menschen so machen. So wie zum Beispiel gestern vor dem Mittagessen.

Bereits am Morgen wurden diverse Kisten auf den Zwischenboden geräumt, weshalb ich den Vormittag über im Halbschlaf vor mich hin döste und von Zeit zu Zeit durch das Hin- und Herschieben von Kisten geweckt wurde.

Gegen 10 wurde einmal kurz geklingelt, das machen die Menschen immer dann, wenn sie sich treffen wollen, um etwas zu besprechen. Ich hatte das Gefühl, dass es dieses Mal nicht die übliche Wetter- und Routenvorstellung sein würde und deshalb bin ich ein wenig schlaftrunken an Deck gestolpert. Dort hatten sich schon alle KuSis, das sind diese kleinen Menschen, die derzeit hier an Bord wohnen, und der gesamte Segelstamm, das sind die größeren Menschen, die auch hier wohnen und die ich in den letzen Jahren schon öfter hier gesehen habe, rund um Johannes versammelt, das ist der, der hier scheinbar das Sagen hat und der etwas von einer so genannten Wende erzählt hat. Weil ich absolut keine Ahnung hatte, von was er da spricht und das eigentlich ganz interessant klang, habe ich mich einfach, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, dazu gesellt.

Johannes hat erklärt, dass man bei einer Wende das Schiff so fährt, dass es mit dem Bug durch den Wind dreht, sodass der Wind dann anschließend von der „anderen“ Seite des Schiffs weht.

Dann wurde ausführlich erklärt, was man mit welchen Segeln anstellen muss, um diese Drehbewegung zu begünstigen und nicht zu behindern und weil dabei so viele Fachbegriffe gefallen sind, die ich noch nie gehört und inzwischen schon wieder vergessen habe, bin ich dabei vielleicht ein wenig in der Vormittagssonne eingedöst. Ein wenig später, ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verstrichen war, tönte Johannes laut vom Achterdeck: „Klar zur Wende vorn und achtern!“

Auf dieses Signal hin haben sich alle kleinen und großen Menschen auf die verschiedenen Segel oder besser an die dort festgemachten Leinen (die Menschen nennen das Tampen) verteilt und weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen soll, bin ich einfach Kathrin, die sich immer so lieb um die kleinen Menschen kümmert, wenn diese bei zu viel Schaukeln des Schiffes über der Reling hängen, nach vorne Richtung „Back“ gefolgt (gebacken haben die Menschen zwar dort noch nie, vielleicht heißt das aber auch nur so, weil da dieses Fahrrad steht, auf dem sie strampeln gehen, wenn sie das Gefühl haben, sie hätten in letzter Zeit zu viel Gebackenes gegessen.)

Als Kathrin das Gefühl hatte, dass sich die kleinen Menschen, die ihr auch gefolgt sind, alle schön an den Tampen der Vorsegel verteilt hatten (die heißen so, weil sie ganz ganz vorne am Schiff sind), hat sie zu Johannes „Vorsegel klar zu Wende“ zurückgerufen.

Nicht nur Kathrin hat das mit dem Zurückrufen gemacht, sondern die anderen großen Menschen auch, und als Johannes dann von allen Segeln einmal den Namen gehört hatte, hat er gerufen „Ree!“
Auf dieses Signal hin ist unglaublich viel gleichzeitig passiert. Zum einen hat Ben Re. auf ein besonderes Signal von Johannes (das hab ich nicht verstanden, weil ich ja ganz vorne stand) angefangen, wie wild an diesem „Ruder“ zu drehen, zum anderen hat Kathrin gerufen „Fier auf die Schoten“ und ein paar kleine Menschen haben angefangen, ihre Seile locker zu lassen.

Gleichzeitig haben auch Vera und Jakob ihren kleinen Menschen, die sich um Groß- und Schonersegel kümmern (keine Ahnung, wieso die so heißen, die sind nämlich ungefähr gleich groß), das Gleiche nochmal zugerufen und manche haben dann angefangen, ein paar Tampen locker zu lassen.

Nur David, der sich um den Besan gekümmert hat (das ist das letzte „große“ Segel, das ganz hinten in der Nähe des Ruders ist), hat seinen kleinen Menschen etwas von „hol durch an der Schot und am langen Bullen, fier auf am kurzen Bullen“ zugerufen und noch etwas von „Geien fieren und holen“ (total verwirrend, ich dachte, wir hätten das Fleisch nur in der Tiefkühllast und von einem Tier namens Gei habe ich auch noch etwas gehört).

Vielleicht habe ich das auch alles falsch verstanden, da in diesem Moment die Vorsegel bei Kathrin wie wild angefangen haben zu flattern, was einen Höllenlärm verursacht hat. Normalerweise finden es die Menschen immer total schrecklich, wenn die Segel anfangen zu flattern, weil die dadurch kaputt gehen und der Bootsmann Laurent dann mehr Arbeit hat, aber Kathrin hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, also scheint das richtig gewesen zu sein.

Ich habe dann langsam gemerkt, dass sich das Schiff dreht und in dem Moment, als der Wind genau von vorne gekommen ist und mir mein krauses rotes Koboldhaar aus dem Gesicht geweht hat, hat Kathrin gerufen „fest an den Schoten“ und auch von Vera und Jakob hab ich etwas gehört, was ganz ähnlich klang. Die kleinen Menschen haben darauf hin die Tampen, die sie vorher locker gelassen hatten, wieder zu sich hin gezogen und der Wind hat dann von der anderen Seite in die Segel geblasen. Ich fand, das sah total seltsam aus, da der Wind in diesem Moment von Steuerbord (das sagen die Menschen zu rechts) kam, die Menschen an Steuerbord die Seile ganz fest gehalten haben und die Segel einen Bauch nach Backbord (links) geschlagen haben. Normal ist es so, dass die Segel auf Backbord sind, der Wind von Steuerbord kommt und die Segel sich dann auch nach Backbord wölben oder anders herum. Aber dass Segel und Wind auf der gleichen Seite sind, das ist außergewöhnlich (ich habe im Nachhinein erfahren, dass das „die Segel stehen back heißt“). Back, Backbord, Segel stehen back. Die Menschen haben hier echt einen Hang zu Kuchen…

Als der Wind dann lang genug von der „falschen“ Seite in die Segel geblasen hatte, kam von Johannes das Kommando „hol über die Schoten und Brassen“, was einen wirklichen Tumult ausgelöst hat. Alle haben angefangen, an irgendwelchen Tampen zu ziehen bzw. locker zu lassen, was den Effekt hatte, dass die Segel irgendwann so standen, dass der Wind wieder von der richtigen Seite kam.

Die KuSis haben dann die Aufgabe bekommen, alle Tampen, die sie verwendet haben, wieder schön „aufzuschießen“ (so aufzuräumen, dass keiner mehr darüber fällt) und anschließend haben sich alle nochmal mit Johannes getroffen, um das, was sie gerade angestellt hatten, noch einmal zu besprechen.

Insgesamt scheint er wohl recht zufrieden gewesen zu sein, trotzdem wollte er noch ein paar dieser Wenden fahren, zum Üben.

Als ich hörte, dass die Menschen das noch drei Mal machen wollen würden (einmal sollte Martin, einmal Matthias und einmal Jakob die Kommandos geben), habe ich für mich beschlossen, mich wieder auf meinen geliebten Zwischenboden zu verkriechen. Es war schon ganz interessant, die so genannte Wende zu sehen, aber vier Mal brauche ich das dann doch nicht.

Vielleicht frage ich Johannes das nächste Mal, ob ich mal diese Kommandos geben könnte… Mit den Gedanken an eine Wende, die ich ganz allein leite, hab ich mich dann in ein Stück Segeltuch eingerollt und bin mit einem Lächeln auf meinen Koboldlippen eingeschlafen.

Anmerkung der Autorin

Nur, weil niemand von den KuSis den kleinen Kobold Kaspar während der vier Wenden gesehen hat, heißt es nicht, dass er nicht vielleicht doch zwischen ein paar Kisten auf dem Zwischenboden schlummert und gelegentlich herausklettert…

P.S: Liebe Johanna, lieber Luca! Ich wünsche euch beiden alles Gute zu euren Geburtstagen und drücke euch ganz fest!

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