Die Reise im Spiegel

Datum: 10.03.2019
Mittagsposition: 34° 12,0‘ N; 051° 51,6‘ W
Etmal: 126 sm
Wetter: Lufttemperatur: 18 °C, Wassertemperatur: 19,5 °C, Wind: E2
Autor: Robin

An diesem Punkt beschloss eine höhere Instanz im Weltgefüge, in die Reise der Kusis einen großen Spiegel zu setzen. Auf einer unbestimmten Breite zwischen Panama und Kuba befindet sich nun eine schillernde Wand, die die Reise spiegelt. Teneriffa und Bermuda spiegeln sich in ihrem Charakter, weil sie die Inseln vor den Atlantiküberquerungen sind. Die Atlantiküberquerungen sind die beiden langen Seeetappen. Grenada und die Azoren sind die Aussicht auf Land während der drei Wochen umgeben von Wasser. Kuba und Panama gleichen sich als große Landaufenthalte, sind aber in ihrem Wesen sehr verschieden.

Wir befinden uns wieder in Teneriffa. Der erste große Landaufenthalt. Alles ist sehr aufregend. Santa Cruz mit seinen beleuchteten Straßen bei Nacht. Der Teide als erster gemeinsamer großer Gruppenausflug und die erste bedeutende Schweißnaht in der Gruppe. Und die deutsche Schule, die den ersten direkten Kontakt mit Menschen in anderen Ländern verkörpert. Gleichzeitig ist Teneriffa der letzte Halt in Europa.

Demgegenüber steht Bermuda als letzter Landaufenthalt in Amerika. Dort ist alles recht teuer und wir sind relativ kurz da. Die freie Zeit wird mit Telefonaten nach Zuhause und der Aufarbeitung von Erfahrungen aus Mittelamerika verbracht. Langsam denkt man mehr an die Ankunft in Kiel. Der große Gruppenausflug ist die Fahrradtour mit der „Befahrung“ des Leuchtturms als höchstem Punkt Bermudas.

Wir befinden uns nun auf dem Atlantik. Auf dem Weg nach Grenada. Die Gedanken an Bord richten sich nun auf Lateinamerika. Viele beschäftigen sich mit verschiedensten Aspekten des unbekannten Kontinents. Die Historie einzelner Länder, lateinamerikanische Musik und mit dem Spanischunterricht auch die am weitesten verbreitetete Sprache dort. Viele haben das Gefühl, dass alles noch vor uns liegt und ich persönlich habe die Überquerung auf dem Trimmdich-Fahrrad, im Pool und mit Gedanken an meine Ziele und an Themen, die mich beschäftigen, verbracht. Der Atlantik ist ruhig, es ist warm und der Unterricht beginnt, mit Aussicht auf den ersten Test in Physik. Am Ende steht die erste Schiffsübergabe. Dabei lernen viele mehr über sich selbst, wie zum Beispiel, dass Anleitung viel mit Klarheit im Kopf zu tun hat.

Wir befinden uns wieder auf dem Atlantik. Auf dem Weg zu den Azoren. Die Gedanken an Bord richten sich nun stärker auf Zuhause. Viele beschäftigen sich damit, wie es sein wird, wieder im gewohnten Umfeld zu sein. Erinnerungen von vor der Reise kommen hoch. Manche freuen sich einfach auf ihr eigenes Bett. Und andere sind vielleicht auch unsicher ob eventueller Veränderungen im Freundeskreis. Der Atlantik ist aufgewühlt, meterhohe Wellen, ein bisschen Erinnerung an die Biscaya in der ersten Etappe, es ist kalt und der Unterricht endet bald, mit Aussicht auf den letzten Test in Mathe.

Es folgt Grenada. Der erste Aufenthalt in Lateinamerika und der erste größere Stopp nach dem Atlantik. Die eintägige Kleingruppenexpedition als Highlight und natürlich die recht wuselige Hauptstadt St. George`s mit dem Markt mit leckeren Früchten und Muskatnussschokolade in der Schokoladenfabrik.

Komplementär sind die Azoren, die jetzt vor uns liegen. Sie sind der erste Stopp wieder in Europa und ebenfalls der erste Halt nach dem Atlantik. Wichtig ist hier, dass dies der letzte große Aufenthalt vor Kiel ist und somit die Rückkehr nun langsam für alle zur Realität wird, die gar nicht mehr so weit weg ist.

Lateinamerika setzt den ersten großen Spiegel in unsere Reise. Die großen Landaufenthalte Panama und Kuba spiegeln sich dabei auch in manchen Punkten, sind aber in ihrem Geist sehr verschieden: In Panama lag der Fokus eindeutig auf der Natur, mit den indigenen Stämmen der Kuna und Nasos und dem Regenwald. In Kuba wiederum fokussierten wir uns auf die Menschen. Die Fahrradtour über Land, der Schulbesuch in Pinar del Rio und schließlich auch die Kleingruppenexpeditionen, in denen es weitaus einfacher war, mit Leuten auf der Straße in Kontakt zu kommen, weil man nicht eine riesige, laute Gruppe war, die Außenstehende vielleicht abgeschreckt hat. Gemeinsam haben die beiden Aufenthalte, dass wir Kusis viel mitgestalten und -organisieren konnten.

Die größte Änderung in dem Spiegelbild ist die Besatzung der Thor Heyerdahl. Die Erlebnisse, die sie jetzt prägt, ihre Gedanken und die Segelerfahrung nach zwei Schiffsübergaben. Stück für Stück sind wir immer mehr zusammengewachsen und haben gemeinsam das Schiff auch bei der zweiten Schiffsübergabe bei sehr viel härteren Bedingungen sicher nach Bermuda gebracht. Momente, wie manche Besanschot-An-Feiern auf dem offenen Meer und die Ankunft auf der Thor nach drei Wochen Land verbinden uns. Ich persönlich weiß mittlerweile viel besser, was mir gut tut und was mir wichtig ist als auf der ersten Atlantiküberquerung. Viele haben sich jetzt sehr an den Bordalltag gewöhnt und eine eigene Ruhe darin gefunden. Dazu gehörte für manche auch, dass sie merken, wenn ihnen etwas zu viel wird und sich dann einfach ausruhen. Das Interesse für die direkte Umgebung ist größer geworden. Ob es sich dabei um nautische Erkenntnisse handelt oder um den Sozialismus auf Kuba – oder um einfache Dinge, die man für alle tun kann.

Ab der Biscaya auf dem Weg nach Falmouth werden die Spiegelbilder wieder gleich – nur, dass wir uns nun auf die Ankunft in Kiel konzentrieren. Vor vier Monaten dachten wir viel mehr an die bevorstehenden Erlebnisse. Es spiegeln sich sehr unterschiedliche Gesichter. Alle sehen viel älter aus und haben vielleicht nicht mehr die allgemeine Aufregung über alles auf dem Schiff im Gesicht stehen, dafür aber weiterführende Gedanken, die sich auf der Reise individuell bei allen entwickelt haben.

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