35 Objekte: Der Allzweckbeutel. Für alle Zeit und jeden Zweck – der Allzweckbeutel ist perfekt

Datum: 28.03.2019
Mittagsposition: Horta, Faial
Wetter: Lufttemperatur: 17 °C, Wassertemperatur: 17 °C
Autorin: Romy

Hier soll es heute um einen Standardgegenstand unserer heutigen Wegwerfgesellschaft gehen, einen Artikel von geringer finanzieller Bedeutung, der uns ganz selbstverständlich in der Kombüse zur Seite steht.

Jeder von uns hatte ihn schon einmal in der Hand, in der ein oder anderen Ausführung, vom Branchenführer oder als No-Name-Produkt. An Bord wohnt er in der Kombüse, in der achteren unteren Schublade, die dauerhaft klemmt. In drei Größen erfüllt er die unterschiedlichsten Anforderungen, sodass seine Nützlichkeit seinem Stil in nichts nachsteht. Sein ästhetischer Zipverschluss verleiht ihm mit seiner azurblauen Färbung passend zum Rest einen modern-spartanischen Touch.

Bestimmt wissen Sie spätestens nach „Zipverschluss“, wenn nicht schon lange aus der Überschrift, auf welchen Gegenstand hier angespielt wird. Es handelt sich um den Allzweckbeutel, der an Bord genauso zuhause ist wie in den meisten Küchen an Land.

Bei der Ausführung an Bord wird dezent in weiß auf dem ansonsten praktisch durchsichtigen Beutelverschluss darauf hingewiesen, wie der Zipper korrekt zu bedienen ist (international verständlich auf Englisch und mit Hilfe eines Piktogramms), außerdem ist die Vorderseite des Beutels erst durch die Literangabe in Großbuchstaben vollständig, die von 1 über 3 bis auf 6 „L“ ansteigen kann, gut geeignet für unterschiedliche Verwendungszwecke. Die kleinste Ausführung misst dabei 100 mm x 160 mm, die größte ist leider ausgegangen, und die mittlere glänzt mit praktischen 255 mm x 265 mm.

Gefertigt wird der Beutel wohlbekannterweise aus Plastik und Namen trägt er viele. Man könnte ihn, allerdings fälschlicherweise, als Gefrierbeutel betiteln; Zip- oder Allzweckbeutel sind wohl die gängigeren Varianten. Kreativer sind kürzere Varianten wie „Zippi“ oder das universale „Dings“ in all seinen Abwandlungen.

Das offizielle, ursprüngliche Wort Beutel leitet sich vom mittelhochdeutschen „biutel“ ab, was soviel bedeutet wie Beutel, Tasche oder kleiner Sack. Ebenfalls aus dem Mittelhochdeutschen stammt Zweck, abgeleitet vom damaligen „zwec“, einem Nagel aus Holz oder Eisen. Ursprünglich stand das Wort aber für einen gegabelten Ast und wandelte sich dann zur Bezeichnung für Aufhängepunkt oder Mittelpunkt einer Zielscheibe. Daher rührte dann die Bedeutung von Zweck, die wir heute kennen, nämlich die Verwendung vor allem als Synonym für Absicht und Sinn einer Sache. Zusammengesetzt wäre „Allzweckbeutel“ wortlautgemäß dann eine Tasche mit Sinn, was die Wortbedeutung wirklich gut beschreibt.
Wenn man diese „Tasche“ jetzt noch einmal mit allen Sinnen genau unter die Lupe nimmt, stellt man Dicke und Glanz des stabilen Plastiks fest, wobei einem der leichte Geruch nach Chemie und industrieller Fertigung in die Nase sticht. Das gilt allerdings nur für den neuwertigen Zustand. Bereits benutzt, etwa als Brotdosenersatz zum Teideaufstieg oder als Spucktüte, kann der Geruch sich durch unentfernbare Reste ziemlich festsetzen.

Das bringt uns ziemlich gut zu seiner konkreten Verwendung an Bord, die auch durch unseren Experten Philip im Interview bestätigt wurde: Größtenteils wird der Beutel für Tagesausflüge genutzt, so erinnert Philip sich beim ersten Anblick an den Teideaufstieg, als sie zum ersten Mal als Brotdosenersatz oder -ergänzung ausgegeben wurden. Er gibt freiheraus zu, dass er seine eigene Brotbox erst ein einziges Mal verwendet hat, und das auch nur, weil er nicht fragen wollte, ob er noch eine neue Packung voller Beutel aufmachen darf. Das Problem von Plastiktüten zur Lunchverpackung kam praktisch bei allen Lunchpaketen unterwegs auf: Jedes Mal gibt es das gleiche Ärgernis, dass beim Frühstück kein Kusi seine Box mitbringt, sondern alle versuchen, die Kombüsenbeutel zu ergattern.

Die Standardausrede lautet, die Box sei in der Unterkoje, und das ist nach der Unterunterkoje der so ziemlich unzugänglichste Platz an Bord, zumal im normalen Bordalltag auch meistens noch jemand darauf schläft, was die Entnahme oft so weit verkompliziert. Man verzichtet dann lieber darauf, als kopfüber im Halbdunkeln nach diesem Gegenstand zu wühlen. Nachvollziehbar ist auch, dass die wenigsten ihren Pausenboxen einen Platz in ihren Fächern einräumen, wenn sie etwa nur einmal im Monat gebraucht werden – und die einigen Male kommt man auch ohne aus, wie die (Bord-)Geschichte gezeigt hat. Im Gedächtnis bleibt aber auf jeden Fall die Verbindung zum frühen Aufbruch morgens zu tollen Touren, egal ob es um den Teide, die Kleingruppenexpedition in Grenada oder zuletzt den Pico ging, man verbindet so einige schöne und einmalige Erfahrungen mit diesen einfachen Beuteln.

Zusätzlich gibt es das weitere Anwendungsgebiet als Hilfe zum Speiseröhrentraining (auch bekannt als Seekrankheit). Die normalen Gefrierbeutel für außergewöhnliche Umstände unter Deck sind während der Reise nämlich knapp geworden, sodass der Allzweckbeutel als Ersatz herhalten musste. Darum gab es gleichzeitig als weiteres Highlight neben den stylishen Zipbeuteln für Seekranke auch die Ansage in Form einer Tafelanschrift: Bitte ausspülen und wiederverwenden!
Was sich nach einer guten Idee zur Müllvermeidung und Ressourcenschonung anhört, stellte sich in der Praxis jedoch, um auf den Bordslang zurückzugreifen, nachvollziehbarerweise als ziemlich „ranzig“ dar.

Mittlerweile hat sich die Lage wieder entspannt, es gibt jetzt neue Beutel von den Azoren an Bord.

Aber an sich bleibt der Punkt bestehen: Die Beutel werden oft nur einmal verwendet, vor allem als Kotztüten, und wandern dann verdreckt sehr schnell in den Restmüll. In ihrer Bauweise sind sie auch nicht auf längere Verwendung ausgelegt, sondern genau auf dieses kurze Leben als Wegwerfgegenstände. So stehen sie letztlich für eine oft einfach vermeidbare Art von Müll, wie im Falle der Brotzeitverpackung, bei der sich viele Personen an Bord Ausnahmen in Bezug auf die Brotdosenverwendung gönnen. Eigentlich sollte die Bordbesatzung es besser wissen, vor allem nach den erschreckenden Müllsammelaktionen auf Faial und den San-Blas-Inseln, bei denen am Strand jede Flut eine neue Plastikspur hinterlässt. Trotzdem sieht man, dass man oft nur aus Faulheit den einfacheren Weg wählt.

In Bezug auf den Allzweckbeutel könnte man sagen, dass er an Bord diese Zivilisationskomponente des sinnlos produzierten Mülls vertritt, der auf der Thor zwar in geringeren Mengen, aber dennoch immer existiert. Müll ist ein großes Thema auf den 50 Metern Schiff, gerade auf längeren Seeetappen, wo jeder Milchkarton einzeln ausgespült und minimiert wird. Dieser Beutel verdeutlicht, wie schwer es ist, Lebensmittel umweltfreundlich verpackt zu kaufen oder selbst zu verpacken, und vielleicht erinnert der Anblick in Zukunft nicht nur auf der Thor Menschen an diese Thematik und motiviert sie zu kreativen Lösungen, bei der Tupperdose angefangen. Doch manchmal bleibt diese Art Müll schwer vermeidbar, denn Spucktüten möchte sicherlich niemand wiederverwenden.

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