35 Objekte: Der „Leichenfänger“

Datum: 18.04.2019
Autor: Robin

Kling, Klingkling, Kling. Mittagessen auf der Thor Heyerdahl. Es ist schönes Wetter, also hat die Backschaft das Essen an Deck vorbereitet. Alle versammeln sich langsam und es wird gespannt auf die Ansage gewartet, was es zu Essen gibt. Manche sitzen auf dem Messeniedergang, manche auf den Backskisten daneben und auch ein paar auf den Nagelbänken am Hauptdeck.

Kling. Stille Minute. Eine Zeit zum Herunterkommen und Insichgehen. Viele machen die Augen zu und die Menschen auf den Nagelbänken am Schanzkleid lehnen sich entspannt zurück in die Sicherheitsnetze.

Diese „Leichenfänger“, die zwischen allen Wanten gespannt werden, wenn die Thor Heyerdahl auf See ist, erinnern ein bisschen an Volleyballnetze. In Bezug auf ihre Funktion ist das ironisch, da sie dafür sorgen sollen, dass bei Sturm niemand von einer Welle über Bord gespült wird, es soll also eben nichts über dieses Netz gehen. Warum diese Netze Leichenfänger genannt werden, wird später genauer erklärt.

Da der Leichenfänger zwischen den Wanten aufgespannt wird, ist er circa zehn Meter lang. Die feineren Kunststoffmaschen des allgemein eher grobmaschigen, rechteckigen Netzes sind silber-gräulich meliert, an manchen Stellen schwarz und nur einen halben Zentimeter dick. Sie sind durchsetzt von dickerem, weißen und gedrehtem Tampen, der das Netz in mehrere Vierecke einteilt. Umrandet wird das Netz von einem halbdicken Tampen, der grau ist und in den Rillen, die durch die Drehung den Tampen entstehen, ist der Tampen schwarz. Außen sind die einzelnen Kadele, die zu dem Tampen gedreht werden, etwas abgewetzt. Dieser umrandende Tampen macht den Leichenfänger in seiner eigentlich rechteckigen Form etwas unförmig und runder. An den vier Ecken sind braune Zeiser befestigt, mit denen man das Netz an den Wanten befestigt und dann spannt. Gespannt hat der Leichenfänger eine herrlich rechteckige Form.

Leichenfänger riechen etwas modrig-nass und salzig, aber nur sehr schwach.

Leichenfänger sind Sicherheitseinrichtungen. Sie verhindern das Über-Bord-Gehen von Bordmitgliedern der Thor Heyerdahl, aber auch auf vielen anderen Traditionsseglern. Sie werden in den Backskisten auf dem Hauptdeck aufbewahrt und immer beim Auslaufen auf- und beim Einlaufen abgebaut. Als Detlef nach dem Nord-Ostsee-Kanal die Anweisung gab, die Leichenfänger zu spannen, waren die Kusis doch etwas schockiert. Aber eigentlich sind sie eine ganz normale Sicherheitseinrichtung.

Der Begriff, der vielleicht zuerst etwas makaber klingen mag, ist ein sehr altes Segler*innenwort. Er setzt sich zusammen aus den Worten „Leiche“, bei der es sich um einen toten Körper, in diesem Fall eines Menschen, handelt, und „Fänger“, beziehungsweise „fangen“, wo es um das Aufhalten eines Gegenstands geht. Zusammen bilden sie also den Kontext, dass diese Netze vor dem Ins-Meer-Gelangen schützen. Das Wort Leiche wurde früher vermutlich genutzt, weil man, wenn man über Bord ging, quasi sicher tot war. Heutzutage ist es etwas veraltet, weil oft genug „Person over Board“-Manöver geübt werden und es mittlerweile viele moderne Rettungsmittel gibt.

Zu diesem, meiner Meinung nach, sehr kreativen Schutzmittel habe ich unseren Bootsmann Laurent befragt. Er findet diese Sicherheitseinrichtung sehr interessant, weil er meint, sie sei eine der wenigen, die flexibel handhabbar seien, und je nach Wetterlage gespannt werden, oder in ihrer Backskiste bleiben. Kontrovers sieht Laurent die komplette Vertrauenswürdigkeit der Netze. Nicht, dass sie sich nicht bewährt hätten, gibt er zu; aber wenn man in einer Welle stehe, merke man, wie einfach man über Bord gespült werden könnte. Seine Vermutung zur Herstellung dieses Produkts ist, dass die Grundstruktur maschinell vorgefertigt wird und dann die jeweiligen Bootsmänner der Traditionsschiffe kleine Anpassungen an das eigene Schiff unternehmen. Bei der Thor vermutet er, dass die Zeiser an den Ecken und die umrandende Leine selbstgemacht sind. Laurent mag an den Leichenfängern, dass sie elastisch sind und man sich gut daran anlehnen kann.

Das ist vermutlich auch bei vielen anderen der Fall, da die Nagelbänke beim gemeinsamen Essen beliebte Plätze sind, auch wenn man Gefahr läuft, nass zu werden, wenn eine Welle über das Schanzkleid kommt. Insofern spielen die Leichenfänger für die Stimmung an Bord eine bedeutende Rolle, weil sie Teil eines sehr schönen, entspannten und manchmal mit bombastischen Sonnenuntergang verbundenen Teils des Tages sind, an dem alle herunterkommen und sich über den Tag austauschen können.

Bei einem solchen Sonnenuntergang, oder der metallisch glänzenden Farbtönung des Meeres kurz danach, blendet man das Netz vor der Netzhaut sehr einfach aus. Und doch zeigt er einem immer wieder klar, dass man auf einem Schiff ist und dort Sicherheit extrem wichtig, zum Beispiel für eine erfolgreiche Atlantiküberquerung. Sicherheit ist aber auch sonst immer sehr präsent und relevant. Die Netze geben direkt das Gefühl, auf See zu sein. Im Hafen oder vor Anker existieren sie nicht. Das macht viel im Kopf aus.

Kling. Die Stille Minute ist vorbei und alle holen sich essen, während etwas entfernt ein Delfin aus dem Wasser und im Gittermuster ein Kästchen weit springt.

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