35 Objekte: Die Ruderstandsanzeige

Datum: 18.04.2019
Autorin: Vivian

Das Rauschen des Meeres, brechende Wellenkämme und Wind in den Segeln – der Traum eines jeden Seglers. Doch genauso wie die Akku-Anzeige eines Mobiltelefons heutzutage beinahe überlebensnotwendig ist, ist auch die Ruderstandsanzeige für ein Schiff unabdingbar.

Die Ruderstandsanzeige, oder auch Ruderlagenanzeige genannt, ist eine technische Vorrichtung auf Schiffen und Booten, die in bestimmten Räumen wie der Kommandobrücke, dem Steuerhaus oder dem Steuerstand die tatsächliche Stellung beziehungsweise den tatsächlichen Ausschlag des Ruders in Grad anzeigt. Am Ruderschaft der Ruderanlage befindet sich eine Rückmeldung, die den Ist-Wert des Ruderwinkels auf dem Ruderlagenanzeiger wiedergibt. Ruderlagenanzeiger sollten in angenäherter Echtzeit funktionieren. Die Übertragung des die Ruderstellung beinhaltenden Signals kann mechanisch, elektromechanisch oder elektrisch erfolgen.

Wenn man allerdings an der Herkunft des Wortes interessiert ist, so sollte man sich vorerst mit dem Wort „Ruder“ beschäftigen. Ursprünglich war das „Steuerruder“, auf Latein auch gubernaculum („Leiteinrichtung“) oder clavus („Nagel“) genannt, einfach ein besonders großer, am Heck oder auch an anderer Stelle der Schiffswand befestigter Riemen und die übrigen, der Fortbewegung dienenden „Riemen“ (lat. remus), die im Prinzip dieselbe Form wie das zum Steuern verwendete Ruder besaßen, wurden davon sprachlich nicht unterschieden. Von daher lässt sich „Ruder“ im allgemeinen Sprachgebrauch bis heute unproblematisch als Sammelbezeichnung für Steuerruder und Fortbewegungsruder (Riemen) auffassen.

Um ein Segelschiff tatsächlich an den gewollten Ort zu bringen, muss man selbstverständlich auch wissen, wie man seinen Kurs hält, also geradeaus fährt. Wenn man ein kleines Segelschiff betrachtet, also beispielsweise eine Jolle oder einen Hobiecat, so könnte man meinen, dass dies durchaus einfach sei, doch auf der „Thor Heyerdahl“ ist alles anders. Die gesamte Ruderanlage besteht aus mehreren einzelnen Bestandteilen. Wie zu erwarten, bildet das klassische Steuerrad den Anfang. Mit ihm bestimmt man die Richtung und bringt das Schiff auf Kurs. Damit zusammenhängend muss man selbstverständlich auch den Kompass betrachten, von ihm können die verschiedenen Kurse in Gradzahlen abgelesen werden und er ist in den meisten Fällen die Orientierung fürs Segeln. Die Bewegung des Ruders wird im Ruderkasten mechanisch übersetzt und sorgt letztendlich dafür, dass das Ruderblatt so liegt, wie man den Kurs verändern will.

Um herauszufinden, wie es momentan ausgerichtet ist, genügt glücklicherweise ein Blick auf die Ruderstandsanzeige. Sie besteht aus einer etwa 1,5 Meter hohen, aus dem Boden empor kommenden Säule aus Messing, auf dessen oberen Ende eine Platte liegt. Dabei kann man erkennen, wie ein spitzer Pfeil auf elf kleine, in das Messing eingearbeitete Striche ausgerichtet ist und Werte von 25° Backbord bis 25° Steuerbord anzeigen kann. Allerdings gibt es bei Manövern eine Besonderheit, denn es kommt nicht selten vor, dass Kommandos wie „hart Steuerbord“ oder „hart Backbord“ gerufen werden. In diesem Augenblick muss der Rudergänger das Steuerrad in zügigem Tempo bis zum Anschlag in die entsprechende Richtung kurbeln. Auf der Ruderstandsanzeige kann man dabei beobachten, wie die Spitze über die eingravierten Einkerbungen hinaus ausschlägt.

Um den Kurs auch bei erschwerten Wetterbedingungen halten zu können, muss man das Ruderblatt so weit ausrichten, dass es die Strömung und den Segellateraldruck ausgleicht. Dies ist tatsächlich ein sehr heikles Thema, da besonders bei Wind und Welle sehr viel Wert darauf gelegt wird, dass der Kurs so genau wie möglich gehalten wird. Robin, einer unserer motiviertesten Rudergänger, meint dazu: „Zu Beginn dieser Reise hätte ich mir niemals ausmalen können, wie essentiell die Ruderanzeige für unser Bordleben sein könnte. Ich persönlich schaue zwar beim Rudergehen auf den Kompass, allerdings im Anschluss auch direkt auf die aktuelle Ruderlage. Dies ermöglicht mir sogenanntes ‚Minimalrudergehen‘, dabei handelt es sich um möglichst genaues Steuern durch so wenig Steuerbewegung wie möglich. Außerdem wird bei der Übergabe des Ruders neben dem Kurs auch die aktuelle Rudernulllage – also die benötigte Ausrichtung des Ruderblattes in Grad, um geradeaus zu fahren – angesagt, um dem folgenden Rudergänger auch bei viel Wind und Wetter möglichst schnell so genaues und effektives Steuern zu ermöglichen. Tatsächlich ist es für uns alle inzwischen eine Art Ritual geworden und es ist jedes Mal eine Art Zeremonie, das Ruder zu übernehmen oder zu übergeben.“

Man könnte meinen, dass ein Gegenstand, der einen festen Ort hat und unmöglich bewegt werden kann, nicht wirklich relevant für den Bordalltag sei, doch die Ruderstandsanzeige beweist das Gegenteil. Das Rudergehen ist im Allgemeinen die einzige Aktivität, die 24 Stunden, sieben Tage die Woche gemacht werden muss. Das Gefühl, die Thor nur durch das Rumreißen des Steuerrades zu bewegen, ist so unglaublich eindrucksvoll, doch wirklich nicht immer ganz so einfach. Vor allem wenn wir auf der Thor tatsächlich segeln und die Maschine aus ist, so kann man spüren, wie sich die Windrichtung und Stärke auf die Ruderlage auswirkt. Je stärker der Wind, desto mehr muss man darauf achten, auf Kurs zu bleiben und wenn man die passende Ausrichtung kennt, so ist es gar nicht mehr so schwer, auf Kurs zu bleiben. Wenn man nun Schwachwind oder gar komplette Flaute hat und unter Maschine läuft, so ist die Rudernulllage meist (nahe) mittschiffs.

Doch nicht nur um mit der Thor Kurs zu halten, sondern auch um Manöver zu fahren oder Anzulegen ist das Rudergehen essentiell. Während einer Halse, also wenn man mit dem Heck durch den Wind dreht, spürt man als Rudergänger den Moment, in dem der Wind von der anderen Seite kommt. Genau zu diesem Zeitpunkt muss man als Rudergänger darauf eingestellt sein, dass sich die Ruderlage verändert und man muss Ruder legen. Ähnlich ist es auch bei der Wende, also wenn man mit dem Bug zuerst durch den Wind dreht. Wenn der Wind um das Achterliek des hintersten Segels kriecht und genau dann die Segel umschlagen, so muss man gegensteuern. Außerdem wird bei Anlegemanövern hart Ruder gelegt, um so das Heck der Thor gegen die Pier zu drehen und sicher festzumachen.

Man kann also unschwer erkennen, dass die Ruderstandsanzeige sehr wichtig für den Bordalltag ist und einiges mitmacht, doch damit sie auch lesbar bleibt und gut aussieht, sollte sie täglich poliert werden. Dazu besitzen wir auf der Thor ein Poliermittel, welches den Namen „Poliboy“ trägt. Es gab bereits einige Diskussionen darüber, welche denn nun die richtige Methode sei, um sauber zu machen, doch letztendlich sind wir uns einig geworden, dass man am besten mit einer alten Socke oder einem Lappen und einer Zahnbürste bewaffnet mit einem Klecks Poliboy beginnt zu polieren und abschließend mit einem blauen Lappen und klarem Wasser die Putzreste abwischen kann. In der vergangenen Zeit hat sich dies tatsächlich als die effektivste Methode herausgestellt und wir können uns daran erfreuen, beinahe täglich frisch poliertes Messing bewundern zu dürfen.

Die Ruderstandsanzeige, einer der wichtigsten Faktoren, um das gewünschte Ziel zu erreichen, ist, wie man sehen kann, ein äußerst komplexer, aber dennoch bedeutender Bestandteil unseres Bordalltages. Für uns alle hat sie einen besonderen Stellenwert, da wir uns an ihr orientieren und ohne sie es kaum möglich wäre, bei Wind und Wetter auf Kurs zu bleiben.

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