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Datum: 27.04.2019
Ort: Poing
Autor: Leo

Heute ist Samstag, eine Woche nach unserem Einlaufen in Kiel. Als ich meinen Blick letzten Samstag aus dem Rigg über die Schwentine schweifen ließ, sah ich die vielen bunten Flaggen der Länder, die wir besucht hatten, im Wind tanzen, ein riesiges Buffet aus lauter Köstlichkeiten und sogar den Kieler Delfin, der uns grüßte. Eine Frühlingsbrise pustete mir durch die Haare.

Verrückt, nach meinem Zeitgefühl hätte es jetzt Winter werden müssen, denn wir kamen ja aus dem Sommer und die letzten Wochen wurde es immer kälter auf See. Ich blickte weiter über unser Hauptdeck und bemerkte, wie ich mit jedem Detail bestimmte Erlebnisse verbinde: Jeder Belegnagel, jeder Tampen, aber auch Teile des Riggs, kurzum alles bedeutet nun etwas für mich. Als ich im Oktober letzten Jahres an Bord kam, schrieb ich in mein Tagebuch: „… Ich stand am Klüverbaum und versuchte mir bewusst zu machen, dass dort noch die halbe Welt vorbeiziehen sollte …“. Und als ich dann das letzte Mal dort stand, erinnerte ich mich an meinen Eintrag und konnte es kaum fassen, dass hier tatsächlich die halbe Welt vorbeigezogen war.

Wie ich nun weiter ins Rigg und über Deck blickte, sah ich natürlich auch uns KuSis. Ich schaute in die Gesichter von Freunden, mit denen ich so unbeschreiblich viel erlebt hatte: All das zu verarbeiten wird gewiss noch einige Zeit dauern. Einerseits lachten wir und freuten uns, unsere Lieben wieder zu sehen. Andererseits herrschte jedoch erfahrbar auch eine gewisse Nachdenklichkeit, denn um unsere Lieben zu sehen, mussten wir ja unsere neuen Lieben zurücklassen. Ich sah uns auf das schauen, was nun plötzlich wieder vor uns lag: die Heimat. Unsere alte und künftige Heimat, die Heimat eines jeden einzelnen. Unsere neue gemeinsame Heimat, die Thor, „our common home“, wie Jojo als Chorleiter so schön mit uns zum Abschied sang, mussten wir allerdings zurücklassen. Was würde uns wohl Zuhause erwarten?

Jetzt sitze ich zuhause, ich habe gerade ein ganzes Glas Orangensaft getrunken (für alle, die es noch nicht wissen: Auf der Thor gibt es ein halbes Glas pro Person pro Frühstück…). Ich habe auch schon eine Nacht durchgeschlafen, sogar mehr als sechs Stunden. Ich würde also fast sagen, der Alltag hat mich wieder. Gottseidank gibt es dann doch gewisse Konstanten, die sich nicht verändert haben: Ich war wieder im Training und mit meinen Kumpels unterwegs, es regnet natürlich und es gibt viel für die Schule zu tun. Scheinbar ist alles wie immer – aber nur fast alles. Denn egal, was ich tue, immer klingt ein anderer schöner Moment der Reise mit, an den ich mich gerade erinnere. Als ich in den letzten Tagen geweckt wurde mit den Worten: „Leo, es ist 04.30 Uhr, in einer halben Stunde hast du Wache!“, versuchte ich, aufzustehen und stellte fest, dass es 09.00 Uhr war und meine Katze mich daran hinderte, meine Beine auch nur einen Zentimeter zu bewegen.

Als ich gestern im Regen stand und mir der Wind gegen die Stirn klatschte, hörte ich irgendwo in meinem Kopf jemanden nach dem Kurs fragen: „Was liegt an?“. Aber ich stand nicht am Ruder auf der Thor, sondern mitten in einem schlammigen Feld. Und als ich mich unter einen alten Baum setzte, anfing Gitarre zu spielen und sang, war ich in Gedanken sofort umgeben von KuSis, die mit mir sangen, so vertraut wie immer.

Es mag also sein, dass wir die Thor zurückgelassen haben. Aber unsere gemeinsamen Erlebnisse und Erinnerungen bleiben, egal, was jetzt vor uns steht.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes Ankommen und Zurechtfinden Zuhause, viele dieser wunderbaren Momente, in denen wir aneinander denken und vor allem, dass es uns gelingt, unser Vertrautes mit unserer neuen Gemeinschaft zu verbinden und diese in die Zukunft zu tragen!

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