Übung für den Ernstfall

Datum: Dienstag, 10.11.2020
Mittagsposition: 44° 37,1´N, 007° 40,7´W
Etmal: 140,6 sm
Wetter: Lufttemperatur: 15.5° C, Wassertemperatur: 15°C, Wind: WSW 3
Autor: Jonas

„Thor Heyerdahl, Thor Heyerdahl, Thor Heyerdahl”, ertönte es am Dienstagnachmittag rauschend aus dem Funkgerät. Jannik, unser Steuermann, meldete sich zurück mit den Worten „Delta Kilo Quebec Hotel (unser Rufzeichnen) hört“. Wir wurden von einer Person von der Küstenwache aus La Coruña angefunkt, die mit uns sprechen wollte. Eine kurze Zeit später war der Funkkontakt hergestellt und es meldete sich eine Frauenstimme, die fragte, ob es möglich wäre, die Thor als Ziel einer Seenotrettungsübung zu nutzen. Ruth, die gerade daneben stand und mitgehört hatte, gab nickend ihr ok und Jannik gab es über Funk an die Küstenwache weiter. Dann wurden noch die weiteren Details der Übung besprochen und wir sollten uns gegen 17: 50 Uhr für das Eintreffen des Helikopters bereithalten.

Die Nachricht verbreitete sich rasend über das ganze Schiff und traf oft auf überraschte Gesichter. Für das Gelingen der Übung mussten aber noch ein paar Dinge erledigt werden, dazu gehörte, dass der Besan (das hinterste Segel über dem Achterdeck) ausgebaumt werden sollte, das heißt möglichst weit zur Seite gedrückt werden musste, um genug Platz für die Übung zu schaffen. Auch unsere Fahrt mussten wir etwas verlangsamen und dafür die Maschine etwas drosseln. Um 17:30 Uhr klingelte die Schiffsglocke und die ganze Besatzung versammelte sich auf dem Hauptdeck, wo unser Kapitän Detlef, der schon Erfahrung mit solchen Übungen hatte, weitere Anweisungen gab. Wir Schülerinnen und Schüler sollten uns auf dem Deckshaus verteilen und auf dem Achterdeck übernahm ab diesem Zeitpunkt die Stammbesatzung. Mittlerweile war es draußen komplett dunkel geworden und wir warteten alle gespannt auf das Eintreffen des Helikopters.

Pünktlich um 17:50 Uhr war ein näher kommendes Motorengeräusch zu hören und einige Augenblicke später waren mehrere helle Lichter am Himmel und ein Suchscheinwerfer, der sich auf uns zubewegte, auf dem Wasser zu sehen. Der Helikopter kam immer näher und flog dann ungefähr 20m hinter uns in der Luft. Das Deck war durch die Scheinwerfer fast taghell erleuchtet und der Lärm nahezu ohrenbetäubend. Der Pilot flog nochmal ein Stück näher heran und war für unsere Wahrnehmung teilweise sehr nah am schwankenden Mast. Von oben wurde nun ein Seil, mit einem roten Licht am Ende, zu uns heruntergelassen und von zwei Leuten in Empfang genommen und festgehalten. Eine Verbindung zwischen Helikopter und Schiff war nun also hergestellt.

Oben am Helikopter erschien daraufhin eine Person in orangenem Anzug und einem Helm auf dem Kopf. An den Armen hatte der Anzug grüne Leuchtstreifen befestigt mit der sich die Person durch verschiedene Bewegungen mit den Armen mit dem Pilot verständigen konnte. Als die ganz in orange gekleidete Person mit ihren Leuchtstreifen für uns unverständliche Zeichen hoch zu dem Piloten machte, gab es bei uns kurze Unklarheit, was sie vorhatte. Sie begann sich dann aber tatsächlich bei Nacht und unter lauten Motorengeräuschen an einem ca. 30m langen Seil abzuseilen, das unten nur von zwei Personen gehalten wurde, aus einem Helikopter, der knapp neben unserem schwankenden Mast in der Luft flog, auf offener See. Für uns boten sich Szenen wie aus einem Horrorfilm. Für die Seenotretter ist das natürlich Alltag, aber wir waren in diesem Moment ganz schön beeindruckt.

Kurz darauf stand die Person dann sicher bei uns an Deck. In der Zwischenzeit war im Helikopter eine zweite Person erschienen, diese tat es ihrem Vorgänger gleich und seilte sich ebenfalls zu uns ab. Als Letztes wurde noch eine Übungspuppe an einem Seil zu uns heruntergelassen, die den Verletzten in der Übung darstellte. Dann wurde die Verbindung wieder getrennt und alle Seile hochgezogen. Der Helikopter drehte wieder ab und flog in die Richtung, aus der er gekommen war, um den Ernstfall möglichst detailgetreu zu simulieren. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, in dem wir die zwei Seenotretter, die da bei uns an Bord gekommen waren, das erste Mal richtig in Augenschein nehmen konnten. Ihre Anzüge wurden ja bereits beschrieben, aber genauso gehörten Flossen, die sie um die Beine geschnallt mit sich führten, und eine Taucherbrille, die am Helm befestigt war, zu ihrer Ausrüstung, um bei extremen Wetterverhältnissen den Zustieg übers Wasser zu ermöglichen.

Die zwei Seenotretter begannen sich dann auf Spanisch vorzustellen, wovon die meisten aber nur grob „Hallo wir sind die Leute aus dem Helikopter“ verstanden. Im Nachhinein wurde dann von jenen unter uns, die Spanisch sprechen, erzählt, dass sie sich in erster Linie bedankten, aber auch ein bisschen von ihrem Beruf erzählten, und dass sie fast täglich Übungen dieser Art flogen. Segelschiffe, wie unseres, sind bei solchen Übungen wohl besonders attraktiv, aufgrund der Masten und der damit hergehenden Schwierigkeit der Übung.

Nach 5 Minuten kam der Helikopter dann zurück und es wurde erneut eine Verbindung mit dem Schiff hergestellt und diesmal ein Korb aus Gitterstäben heruntergelassen. Unten angekommen verfrachteten die Retter die Übungspuppe mit geübten Handgriffen in den Korb. Nachdem das geschehen war, wurde einer der zwei Retter wieder hochgezogen, um den Korb entgegenzunehmen. Danach wurde das Seil wieder heruntergelassen und der Korb mit der Puppe nach oben gezogen. Die Puppe wurde oben angenommen, nun hakte sich auch die letzte Person ins Seil ein und wurde unter Applaus hochgezogen. Als alle Verbindungen wieder getrennt waren, drehte der Helikopter ab und nach wenigen Augenblicken war nur noch ein entferntes Dröhnen zu vernehmen.

KUS-Ticker

11.11.2020

  • 08:00 Wecken
  • 08:30 Frühstück
  • 09:15 Segel packen, damit unser Schiff schön für den Hafen ist
  • 11:00 Anlegen in La Coruña
  • 11:00 Schiffsversammlung
  • 12:00 Mittagessen (Tawröner)
  • 14:00 Nautische Theorie über Kreuzpeilung
  • 16:00 Geburtstagskaffe von Keana und Paula
  • 16:20 Reinschiff
  • 17:30 Kleine Sporteinheit an der Pier
  • 18:15 Abendessen (Brotzeit)

12.11.2020

  • 07:30 Wecken
  • 08:00 Frühstück
  • 08:45 Reinschiff
  • 10:00 Unterricht (Deutsch, Spanisch, Geschichte)
  • 12:40 Mittag (Lunchpakete)
  • 13:45 Unterricht (Mathe, Chemie)
  • 15:40 Kaffee
  • 16:00 Freiarbeit
  • 18:15 Abendessen (Labskaus)