Von Tanzabenden und Domino mit Elan
Unsere Radkolonne bahnt sich ihren Weg über einen leergefegten Vorplatz, vorbei an der meterhohen Statur eines Mannes, der ausnahmsweise mal nicht Fidel Castro oder Che Guevara ist. Wir biegen ein letztes Mal rechts ab. Dann ein letztes Mal links. Vor uns liegt der riesige Gebäudekomplex eines kubanischen Gymnasiums. Auf dem Stückchen Weg vor dessen Eingangsbereich stehen hunderte Schüler/-innen Spalier. Sie brechen in lauten Jubel aus und verfallen in ohrenbetäubenden Beifall, als wir zwischen ihren Reihen näher zur Schule fahren. Als Antwort lassen wir unsere Fahrradklingeln erklingen und winken. Die zwei, die ganz an der Spitze unserer Gruppe fahren, haben die kubanische Flagge in der Hand. Im Eingangsbereich beginnt eine erste Tanzgruppe uns zu Ehren eine Choreo aufzuführen. Es ist ein merkwürdiger Moment. Einerseits ist es schön zu sehen, wie sehr sich die kubanischen Jugendlichen freuen, dass wir da sind; andererseits werden wir gefeiert, als hätten wir etwas Besonderes geleistet. Dabei sind wir vielleicht einfach nur durch Zufall in einem anderen Land, in eine andere Lebenssituation hineingeboren und haben somit die Chance bekommen, schon in ihrem Alter den Atlantik zu überqueren und Länder zu sehen, die so weit weg sind, dass daheim alles schon schläft, wenn bei uns aktuell helllichter Tag ist.
Uns bleibt nicht viel Zeit, länger darüber nachzudenken. Wir versuchen auszublenden, wie unangenehm uns das Ganze in mancher Hinsicht ist und lassen uns von der Lebensfreude der Schüler/-innen, die schon jetzt zu spüren ist, mitreißen. Nachdem wir unsere Fahrräder in einem kleinen Innenhof geparkt haben, werden wir in besagtem Eingangsbereich vor eine bühnenartige Fläche gezogen. Die Menge, die mittlerweile ganz still geworden ist, ist nun hinter uns. Wir bewundern vier Flamencotänzerinnen, die uns mit wehenden Röcken und mit im Takt der Musik klackernden Schuhen schon jetzt erahnen lassen, dass die Kubaner/- innen auf jeden Fall eines können: Tanzen. Unsere Ahnung wird spätestens Gewissheit, als nach einer Begrüßungsrede der Direktorin, einer Dankesrede von Corinna und Lilly und einer Rede von Otto (unsere Begleitung vom kubanischen Völkerverständigungsinstitut), die nächsten zwei Tanzgruppen ihr Können zum Besten geben. Ein Chor singt „We are the world“ und irgendwie ist dieser Song so passend, dass wir fast ein bisschen gerührt sind.
Man könnte meinen, das wäre bereits genug des ausgiebigen Empfangs gewesen. Aber wer davon ausgeht, kennt die riesige Gastfreundlichkeit der Kubaner/-innen nicht. Es folgt eine offizielle Begrüßung in der „dirección“ – dem (das ist sogar fast ohne Sprachkenntnisse machbar) Direktorat der Schule. Zusammen mit einer ausgewählten Gruppe der hiesigen Schüler/-innen sitzen wir um einen großen Konferenztisch herum, werden erneut willkommen geheißen und stellen uns gegenseitig vor. Dafür zeigen zuerst sie ein Video über ihr Schulleben und anschließend wir ein paar Fotos unseres Bordalltags. Bei den Anwesenden handelt es sich – neben der Direktorin und ein paar Lehrer/-innen – um die Vertretung der Schülerschaft und Jugendliche zum Übersetzen, die sich in der Vergangenheit schon bei zahlreichen Englischwettbewerben innerhalb Kubas durchgesetzt haben.
Es folgen zwei Tage voller neuer Eindrücke und Bekanntschaften. Zwischendurch lauschen wir aufmerksam Leos Vortrag über den Mann, den die besagte Statur darstellt. Er, Friedrich Engels, war es, der einst sein Leben der kommunistischen Idee und dem Journalismus widmete und schließlich Namensgeber der Schule wurde. Wir besichtigen die schuleigenen Museen, essen in der Kantine und gehen mit in den Unterricht. Jedes Mal ist es das Gleiche: Sobald wir innerhalb des Schulgebäudes von A nach B geführt werden, reagieren unzählige Schüler/-innen auf uns wie auf waschechte Promis. Wir werden gefilmt, andauernd nach Fotos gefragt oder ob wir Spanisch sprechen. Und schon wieder ist es auf der einen Seite unglaublich schön zu sehen, wie neugierig und offen uns begegnet wird, auf der anderen Seite haben wir manchmal Angst, wir würden als die reichen Europäer/-innen wahrgenommen werden, die wir ja tatsächlich im Vergleich sind. Auch in der Kantine wird für uns richtig aufgetischt und das ist – vor allem in der aktuellen Versorgungslage – ein Privileg gegenüber dem Alltag der Schüler/- innen. Für das sind wir zwar dankbar, aber wir würden auch gerne darauf verzichten.
Wie privilegiert wir sind, merken wir auch, als wir am Abend des Tages die Schlafsäle der Internatsschüler/-innen besichtigen. Dicht an dicht stehen 30 sehr einfach gehaltene Stockbetten nebeneinander. Neben der schmalen Liegefläche steht jedem Jugendlichen die Hälfte eines metallischen Spindes zur Verfügung. Einen ziemlich großen Kontrast zu diesen tristen Zuständen, stellt der anschließende Tanzabend dar. Sobald die Musik angeht, gibt es kein Halten mehr. Die Selbstverständlichkeit mit der die Kubaner/-innen sich bewegen und ihre Lebensfreude zum Ausdruck bringen, ist bewundernswert und bald steht auch von uns niemand mehr neben der Tanzfläche. Das ist der Start eines unvergesslichen Abends, bei dem wir zu kubanischen Songs neue Tanzschritte gezeigt bekommen und lernen, wie wichtig der Hüftschwung beim Tanzen ist. Es dauert eine Weile, bis wir den Dreh raus und die deutsche Steifheit abgelegt haben, aber dann können wir gar nicht mehr aufhören. Als wir abends müde in die Hotelbetten fallen, sind wir immer noch aufgedreht und bekommen all die lateinamerikanischen Rhythmen nicht mehr aus unseren Köpfen.
Der nächste Tag an der Schule beginnt mit dem politischen Vortrag eines Geschichtslehrers und zweier Jugendlichen. Sie erklären uns die aktuelle Lage, vor allem bezüglich des US-Embargos und geben uns Raum, all unsere Fragen zu stellen. Anschließend bekommen wir von Kora und Elias etwas über „Das kommunistische Manifest“ und „José Martí“ zu hören, bevor wir uns erneut zum Essen in die Kantine begeben. Immer wieder machen wir neue Bekanntschaften, unterhalten uns lange – teils mit unseren neu erworbenen, immer besser werdenden Spanischkenntnissen – und tauschen Nummern aus; stets in dem Wissen, dass wir uns ziemlich sicher nie wieder sehen werden. Wir besuchen den Musikunterricht einer sehr alten, ganz schön ikonischen Lehrerin, die wir alle von Anhieb ins Herz schließen und die uns immer wieder erklärt, wie sehr Musik verbindet, studieren gemeinsam ein kubanisches Kinderlied ein und singen ein paar von den Songs, die bei uns auf der Thor andauernd in der Kombüse laufen. Den Nachmittag verbringen wir mit einigen Partien Schach oder dem typisch kubanischen Dominospiel, bei dem man die Spielsteine mit sehr viel Elan auf den Tisch knallen muss, wie uns die Jugendlichen erklären. Als wir das Ganze versuchen, brechen aber selbst sie – Tradition hin oder her – in Gelächter aus. Bevor es zurück in das Hotel geht, versuchen wir uns am Sportunterricht, müssen aber bald einsehen, dass wir im Volleyball, Fußball oder Basketball den wendigen Kubaner/-innen deutlich unterliegen. Trotzdem, der Wille zählt und wir haben alle unseren Spaß, wie wir so über die verschiedenen Felder rennen. Wir verabschieden uns vorerst, sind aber nicht wirklich traurig, sind es doch nur drei Tage, bis wir uns alle wiedersehen.
Tatsächlich fällt dieses Wiedersehen ziemlich euphorisch aus, weil es beinahe so etwas wie Freundschaften sind, die in der kurzen Zeit entstanden. Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht für überschwängliche Begrüßungen, steht doch die große Gala bevor. Neben der Übergabe unserer Fahrräder und Spenden, die bevorsteht, wollen wir nämlich auch nochmal den Austausch unserer Kulturen so richtig ausleben. Dafür haben wir fleißig geübt, schließlich ist es gar nicht so leicht mit dem kubanischen Gefühl für Tanz und Musik mitzuhalten. Immer abwechselnd führen wir und die kubanischen Jugendlichen etwas auf. Unser Musikprojekt hat sich mal wieder richtig ins Zeug gelegt und auch die Kubaner/-innen beeindrucken uns aufs Neue mit ihren Tanzchoreografien und Songs. Je näher das Ende der Gala rückt, desto mehr steigt die Aufregung unsererseits. Die ganzen letzten Tage hatten wir damit verbracht den Linedance „Footloose“ einzustudieren und sogar mit Soloeinlagen zwischen den Refrains aufzuwerten. Zwar war die Generalprobe davor noch ziemlich chaotisch, aber umso größer ist der Erfolg, mit dem wir jetzt für unsere Anstrengungen belohnt werden. Man könnte fast behaupten, wir sind so etwas wie synchron und zumindest lauter Beifall bleibt nicht aus.
Irgendwann ist es dann tatsächlich so weit, „Tschüss“ zu sagen. Widerwillig verlassen wir die Tanzfläche, auf der schon längst wieder große Partystimmung ausgebrochen ist. Wir trennen uns von unseren Fahrrädern, die uns treu über die holprigen, kubanischen Straßen getragen haben und freuen uns ihnen hier an der Seite anderer Schüler/-innen ein neues Leben schenken zu können. Hoffentlich werden sie hier noch tausende Schlaglöcher überstehen! Wir setzen zur letzten Verabschiedung an – dieses Mal endgültig. Und als der Bus die Auffahrt entlang weg von der Schule rollt, sind wir so voller Eindrücke, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird, bis wir die Lebensrealität dieser wunderbaren Menschen, die wir schon jetzt zu vermissen beginnen, wirklich begreifen und einordnen können.
