Schwappschaft
Datum: 04.03.2026
Mittagsposition: 36°59,6‘N; 056°40,3’W
Etmal: 128 sm
Wetter: Lufttemperatur: 17,5 °C, Wassertemperatur: 18,5 °C, Windrichtung und Stärke: SSE6
„Clara! Clara, aufstehen! Es ist 6:00 Uhr und du hast heute Backschaft. Clara, bist du wach?“ Ich gebe ein grunzendes Geräusch von mir. Wieso habe ich heute Backschaft?
Meine Vorfreude Backschaft zu gehen, hielt sich auch schon am Morgen in Grenzen, aber da war mir das komplette Ausmaß der ganzen Geschichte noch gar nicht bewusst.
Aber ganz von vorne: Es fing halbwegs normal an.
Wir hieven die Frühstückskiste aus der Kühllast in die Kombüse und fangen fröhlich, an Obst zu schnibbeln. Wusch!! Die rote Kiste schlittert durch den gesamten Raum und kracht auf der anderen Seite gegen die Wand. Das ist unsere erste Erinnerung daran, dass wir auf einem Schiff kochen. Auf einem Schiff mit ganz schön viel Seegang. Wir laschen alles fest und machen uns weiter an die Arbeit. Doch der stärkere Seegang als sonst macht uns immer mehr zu schaffen. Alles – alle Bretter, Messer, Töpfe und wir selbst müssen festgehalten werden. Wir schlittern hin und her und lachen dabei ganz schön viel. Das Frühstück der frühen Wachen geht noch einigermaßen unspektakulär über die Bühne, doch während die späteren Wachen frühstücken, beginnt der Seegang zuzunehmen. Unbemerkt und schleichend. Ich war gerade mit einer vollen Geschirrkiste den Niedergang hochgetaumelt und stehe in der Kombüsentür, als eine besonders große Welle übers Schanzkleid schlägt, eine graue Kiste voller Geschirr durch die Kombüse fliegt und sich so laut scheppernd über dem Boden verteilt, dass selbst unser Kapitän auf dem Achterdeck es hört, und gleichzeitig die besagte Welle von außen gegen die Bullaugen schlägt und wie bei einer undichten Waschmaschine durch die Seitenritze spritzt. Chaos beherrscht uns. Verzweifelt versuchen wir alles festzuhalten und das verstreute Geschirr wieder einzusammeln. Wie durch ein Wunder ist kein einziges Porzellanteil zu Bruch gegangen.
Das ist der Moment, in dem ich realisiere: Das wird noch anstrengend. Aber um dem wenigstens ein bisschen entgegenzuwirken, spannen wir ein Strecktau quer durch die Kombüse, um etwas mehr Halt zu bekommen. Und dann wird weiter gemacht. Die Musik wird lautgedreht und damit steigt die Laune auch wieder. In einem bühnenreifen Schauspiel versuchen wir die Zwiebeln, Pilze und Zucchini im Bräter zu einer Soße zu verarbeiten und gleichzeitig beide Töpfe auf dem Herd zu halten, während wir sie mit kochendem Wasser aus den Wasserkochern füllen, denn heute soll es Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße geben.
Gerade noch pünktlich schwanken Paula und ich mit einem riesigen Topf Nudeln in die Messe und vervollständigen so die angerichtete Essensausgabe auf der Mittelinsel. Die Essensausgabe gleicht einer Achterbahn. Alle Töpfe und Teller müssen zu jedem Zeitpunkt vom durch die Luft fliegen gehindert werden. Und auch wir vier aus der Backschaft sind oft kurz davor, den Kontakt zum Boden zu verlieren. Kein Wunder also, dass wir heilfroh sind, als alle satt und zufrieden ihre Teller wegräumen. Endlich Pause. Nein, warte, ich habe ganz vergessen, dass es nach dem Essen ja direkt weiter geht. SPÜLEN. Es klingt simpel, ist aber gar nicht mehr so einfach, wenn das Spülwasser beim Spülen das Becken verlässt. Während zwei von uns sich um die Berge an dreckigen Tellern kümmern, machen die anderen beiden sich an die Aufgabe, den Pudding fürs Kaffeetrinken vorzubereiten. Eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Dachten wir. Doch selbst das will heute nicht funktionieren. Denn der Pudding will einfach nicht zähflüssig werden. Noch 10 Minuten bis zum verabredeten Zeitpunkt. Flüssig. Noch 5 Minuten bis zum Kaffee und Kuchen. Flüssig. 2 Minuten nach der vorhergesehenen Zeit. Flüssig. Naja egal, heute gibt´s Vanillemilch als erwärmendes Special. Die Milch kommt erstaunlich gut an, doch auf unsere Stimmung schlägt der Misserfolg schon.
Wir merken langsam, dass das ständige Geschaukel uns fordert. Aber da müssen wir durch. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird sogar die Musik leise gedreht und in einer müden, konzentrierten Atmosphäre ziehen wir noch einmal durch. Das Abendbrot wird in einer genauso waghalsigen Aktion wie das Mittagessen verteilt und die anschließende Putzaktion in der Kombüse wird zu einer reinen Rutschpartie. Wir werden hin und her geschleudert, doch wir haben uns alle unserem Schicksal ergeben. So ist das halt auf dem Nordatlantik. Und dann kommt der erlösende Moment. Hannah nimmt die Kombüse als sauber ab und wir können endlich das Licht ausschalten.
Diese Backschaft war eine Erfahrung, die man mal machen muss. Aber nach all den Höhen und Tiefen, nach all dem Hin und Her, freue ich mich schon sehr darauf, mich in meine Koje kuscheln zu können.
KUS-Ticker
Mittwoch, 04.03.2026
- 17:00 Uhr: Referat zum Thema „Seeungeheuer“ von Lili Sol
