Ein Ort für alles und nix
Datum: 08.03.2026
Mittagsposition: 37°09,5‘N; 047°18,9’W
Etmal: 120,3 sm
Wetter: Lufttemperatur: 17,5 °C, Wassertemperatur: 18 °C, Windrichtung und Stärke: SSE 4-5
Die Tür ist geschlossen und ich lege mein Ohr daran, um herauszufinden, was drinnen passiert und ob ich reinkommen kann. Ich höre Gelächter und trete in die viel zu warme Bibliothek. Zwölf KUSis quetschen sich auf einen Raum von vielleicht fünf Quadratmetern und die Luft ist mehr als stickig, weil es zwar ein Oberlicht gibt, es aber wegen der Bücher nie geöffnet wird. Mit mir kommt also auch ein Schwall Frischluft herein und alle atmen erleichtert tief ein. Erst wenn die Tür aufgeht, merkt man immer, wie wenig Sauerstoff wirklich vorhanden ist.
Hier herrscht geschäftiges Treiben: Es wird gelesen, Buchempfehlungen werden getätigt und Bildbände angeschaut. Ich glaube, mittlerweile hat jede/-r hier den Bildband „40 Jahre Thor Heyerdahl“ von Detlef Soitzek durchgeblättert. Wir haben ca. 700 Bücher verschiedener Genres: viele coole Krimis, Sachbücher, Biografien und Romane, auch auf Englisch. Besonders ist die große Sammlung an Nautikbüchern, die vor der Schiffsübergabe von den Bewerber/-innen der Schüli-Schiffsführung zur Vorbereitung genutzt wurden und es gibt auch viele Segelgeschichten, die sehr beliebt sind. Genauso findet man bootsmännische Lektüren, beispielsweise das „Handbuch für den Schiffserhalt“, und, wenn man dann doch mal was für die Schule machen möchte, gibt es eine große Auswahl an Schulbüchern.
Alle durften jeweils zwei Bücher ihrer Wahl von daheim mitbringen, sodass wir uns gegenseitig unsere Lieblingsbücher zeigen und die Buchauswahl mitgestalten können. Aber nicht nur im Wandregal an Steuerbord und im Hängeregal an Backbord finden sich Bücher, auch unter den Sitzbänken stapeln sich die Schmöker. Jedoch nicht überall: Genauso werden hier Filme, Druckerpapier, „die Boutique“ (der Thor Heyerdahl- und KUS-Merch) und ganz viele Materialien für „Auftakeln“ gelagert. Darunter buntes Bastelpapier, Häkel- und Strickgarn, Stoffe, Farben und Nähmaschinen – alles, was man fürs Basteln, Malen, Nähen und Werkeln eben noch so braucht.
Hinter der Tür kann man ein kleines Whiteboard entdecken. Zum Anfang der Reise haben sich ein paar von uns dort zu jedem Namen abgewandelte Thorbegriffe ausgedacht – zum Beispiel ClaRah-Segel, KUStus oder Rettlef.
Das Musikprojekt ist in der Bibliothek ein viel gesehener Gast. Bei den Projektetreffen bleibt man immer kurz vor der Tür stehen und lauscht den Stimmen, die wunderschöne Geburtstagssongs proben oder laut lachen. Auch unabhängig vom Projekt wird hier viel musiziert, besonders mit dem Keyboard entstehen hier teilweise Konzerte, bei denen man sich einfach dazusetzen und mitsingen kann. Dann schnappen wir uns eines der „das Ding“- Liederbücher und singen das, was uns gerade anlacht – also alles von „Dancing Queen“ oder „All of me“, über „Skandal im Sperrbezirk“ bis hin zu „Hey, Pippi Langstrumpf“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“.
Hin und wieder sind wir hier auch richtig produktiv, oder tun zumindest so. Es werden Referate und Vorträge vorbereitet und mit anderen zusammen finden sich schnell kreative Einstiege oder Visualisierungsideen. Besonders vor Tests muss man beim Betreten der Bibliothek vorsichtig sein, weil man, wenn man zu laut ist, das konzentrierte Lernen stört, das zu diesem Zeitpunkt tatsächlich stattfindet. In der Freiarbeit setzt man sich auch gern hier herein, weil es zum einen meist ruhiger ist als in der Messe und zum anderen wird der Freiarbeitsordner mit Aufgaben aus den verschiedenen Fächern hier gelagert. Manchmal kommen auch kleine Unterrichtsgruppen (wie zum Beispiel der Spanisch-Fortgeschrittenen-Kurs) herein oder es werden Tests nachgeschrieben. Dann hängen da teilweise Schilder mit „Nicht stören! Stopp Sören!“ auch noch Tage später an der Tür.
Das schon erwähnte Whiteboard wurde auf der ersten Etappe immer wieder für den Nautikunterricht genutzt, der hier manchmal stattfand, und es entstanden sehr fantasievolle Zeichnungen (zum Beispiel von der Brahm) darauf.
Wenn man hier seinen Blog schreibt, so wie ich in diesem Moment, wird er zwischendurch von anderen KUSis Probe gelesen und man bekommt hilfreiche Tipps – wusstet ihr zum Beispiel, dass es bei Word einen Synonymfinder gibt?
Das Tollste an der Bibliothek der „Thor“ sind aber immer noch die Gespräche. Oft sitzt man einfach den ganzen Abend hier, versucht vergebens Tagebuch zu schreiben und quatscht über alles Mögliche: Darüber wie die Wende lief, was im Mathetest drankommt, was wir unbedingt essen wollen, wenn wir wieder daheim sind (dabei werden meist die Bilder in den Kochbüchern angeschmachtet), wie viele Menschen in eine Koje passen (momentaner Rekord: 10) und generell über nicht öffentlichkeitstaugliche Themen, die ich jetzt nicht thematisieren werde. Wie man sich denken kann, führen diese Gespräche häufig zu viel Spaß, ausufernden Lachflashs und damit zu Bauchschmerzen, aber zu guten.
Mittlerweile ist es spät geworden und nach und nach hat sich die Bibliothek geleert. Auch ich werde mich gleich auf den „langen“ Weg zu meiner Koje machen, doch davor suche ich mir noch ein neues Buch. Also stehe ich vor unserer von Lili Sol mit Liebe geordneten Bücherwand und weiß mal wieder nicht, wo ich anfangen soll, denn am liebsten würde ich sie alle lesen.
KUS-Ticker
Samstag, 07.03.2026
- 09:00 Uhr: Wende mit Maschinenunterstützung
Sonntag, 08.03.2026
- 15:30 Uhr: Geburtstagskaffee für Toke
