49,83 Schritte über die Thor Heyerdahl
„Bonjour! C’est un bateau très joli.“ („Hallo! Das ist ein schönes Schiff.“) in Brest.
„Buenas Tardes. De dònde eres?“ („Guten Tag. Woher kommt Ihr?“) auf Teneriffa.
„Hallo. Ich kenne die Thor Heyerdahl von vor 20 Jahren. Dürfen wir an Bord kommen?“ auf den San Blas-
nseln.
„Kobe.“ – „Miga. Les puedo dar un tour.“ („Hallo.“ – „Hallo (als Antwort der Naso-Indigenen). Ich gebe euch eine Führung.“) in Panama.
„Hallo, wir sind von der Johann Smidt, der Yacht von Ocean College, einem der anderen deutschen Schulprojekte. Zeigt ihr uns die Thor?“ auf Bermuda.
Und auch auf den Azoren, sowohl auf Flores als auch an der Pier in Horta, trafen wir interessierte Menschen sowie einige andere Schulprojekte und Traditionssegelschiffe. Da ist es nicht selten, dass wir sie auf ihren Schiffen besuchen und wiederum ihnen die Thor zeigen. Anfangs hat das häufig eine Person der Hafenwache gemacht. Nun sind es ganz verschiedene Crewmitglieder – jede Person, die Lust und Zeit hat.
„Wir sind auf unserem geliebten Dreimast-Toppsegel-Schoner, benannt nach dem norwegischen Wissenschaftler und Entdecker Thor Heyerdahl, unterwegs. Sie ist 49,83 Meter lang und 6,52 Meter breit. Das so viel auf so geringem Platz passt, kann man kaum glauben.“
Meistens starten wir achtern am Ruderstand. Wir reden nicht von hinten, sondern von achtern. So wird das hinterste Deck auch Achterdeck genannt. Hier hält sich die aktuelle Fahrwache auf. Deshalb wird teilweise auch von der „Brücke“ gesprochen. Deshalb findet ihr das Steuerrad, den Ruderstand und Ruderkasten sowie das Maschinenhäuschen und „Olgas“ Auspuff hier. Olga ist unsere geliebte und schon etwas in die Jahre gekommene Maschine. Über die erfahrt ihr später noch mehr.
Unser Steuerrad hat einen Durchmesser von circa einem Meter. Wenn wir auf dem Ruderstand stehen, geht es uns bis zur Brust. Wir haben keinen Autopiloten, was bedeutet, dass rund um die Uhr jemand Ruder geht. Vorderlich von dem Ruderstand ist das Maschinenhäuschen. An Steuerbord (in Fahrtrichtung rechts) ist außerdem der Niedergang zur Navi und zum Salon.
In der Navi findet ihr alle nötigen Utensilien, um uns sicher von A nach B zu manövrieren. Neben einem Computer und zwei UKW-Funkstellen und einer Kurz-und-Grenzwellen-Funkstelle gibt es ein AIS-Gerät, Radar und GPS sowie ein Barometer (ein Luftdruckmessgerät). Zentral ist unser Kartentisch, auf dem immer die aktuelle Seekarte ausliegt, in die wir stündlich die Position eintragen. Zudem können wir im achterlichen Bücherregel direkt auf die wichtigsten Bücher sowohl zur Bestimmung von Seevögeln und Meeressäugern als auch das Regelbuch für den Sport-Küsten-Schein (für den Nautikunterricht) und auch alle Bücher für Astronavigation sowie nautische Fachbücher zugreifen.
Der Salon ist der Arbeits- und Versammlungsort unserer Stammbesatzung. In einem kleinen Nebenraum an Steuerbord ist das Büro. Dort befindet sich neben Ordnern, Dokumenten und Textutensilien auch unser allseits beliebter Drucker. Ich habe häufig das Gefühl, er funktioniert als pädagogische Herausforderung extra nicht. Gegenüber vom Büro ist der Apothekenschrank. Dieser ist gerade so groß, dass alle Medikamente und die Trage mit guten Tetris-Kenntnissen reinpassen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie unsere Bordärzte und -sanitäter den Überblick behalten.
Ganz achtern sind zwei große Zweier-Kammern, in denen meist die Schiffsführung (Kapitän/-in und Steuerleute) und die Projektleitung schlafen. Die Hospis sind zwei weitere, kleinere Zweier-Kammern, der achtere Eingang ist an Backbord (in Fahrtrichtung links) des Salons. Der vordere Eingang ist übers Hauptdeck zu erreichen. Die Hospis haben ihren Namen von ihrem früheren Verwendungszweck, denn das vordere Zimmer war das Krankenzimmer und das hintere ein Badezimmer.
Unser Achterdeck ist circa eineinhalb Meter erhöht, sodass zwei Niedergänge zum Hauptdeck führen. An der Achterkante des Hauptdecks geht ein Schott (wasserdicht-verschließbare Metalltür) zu unserer Maschine ab. Diese befindet sich eine Etage unter dem Salon. Sie ist aus dem Baujahr 1953 und war ein ehemaliger Flughafennotaggregat. Olga besteht aus sechs Zylindern mit insgesamt 400PS. Mit 3 Metern Länge, 1,5 Metern Breite und 1,75 Metern Höhe ist sie ein richtiges Monstrum.
Vor allem während der wärmeren Etappen verbrachten wir auf dem Hauptdeck viel Zeit. Hier fanden Unterricht und auch die Mahlzeiten statt. Das ist besonders für die Backschaft angenehm, denn unsere Kombüse ist direkt im Deckshaus vorderlich des Hauptdecks, sodass sie das Essen aus den beiden Bulleyes direkt ausgeben kann.
In das Deckshaus kommen wir durch zwei Schotten an jeder Seite. Zur einen Seite (achterlich) geht es in die Kombüse. Von dort schallt immer Musik heraus. Diese hört man auch im Sanitärbereich auf der anderen Seite. Wir haben drei Toiletten, ein Pissoir und zwei Duschen. Zwischen den Achterkabinen gibt es noch eine Badewanne bzw. Dusche und eine Toilette. Eine weitere Toilette ist zwischen der Navi und dem Salon zu finden. Diese wird hauptsächlich von der Wache und den Personen, die achtern wohnen, benutzt.
Wir können auch auf das Deckshaus klettern. Hier saßen wir häufig an die festgezurrten Kanus gelehnt und lasen oder unterhielten uns. Am Deckshaus vorbei kommen wir zur Ladeluke. Wenn wir auf See sind, ist an Steuerbord das Rescueboot zu finden. An Backbord konnten wir bei gutem Wetter mit unseren Isomatten schlafen. Und auch tagsüber haben wir hier gerne Zeit verbracht. Der Zweck der Ladeluke wird aber schon durch ihren Namen verraten. Wir können die verschalkten Holzplatten öffnen und den unterliegenden Zwischenboden beladen. Das ist eine der Aufgaben unseres Bootsmannes Henry. Bis Kuba waren hier hauptsächlich die Fahrräder, die wir als Spende dabeihatten, verstaut. Nun nutzen wir den freigewordenen Platz gerne als Gruppentreffpunkt. Zum Beispiel das Musikprojekt, wenn sie mal wieder einen Song für einen anstehenden Geburtstag umdichten, trifft man hier.
Nun sind wir schon fast ganz vorne angekommen. Vorderlich von der Ladeluke ist der Schonermast (unser vorderlichster Mast). Zwischen der Ladeluke und dem Mast haben sich Toke und Alma bei unserem riesigen Versteckspiel vor den San Blas-Inseln unter mehreren Fendern versteckt und wurden dort als Letzte nach über einer Stunde gefunden.
Alles vor dem Schonermast wird als Vordeck bezeichnet. Der ganz vorderliche, etwa 30 Zentimeter erhöhte Teil wird als Back spezifiziert. Von dem Vordeck gehen gleich drei Schotten ab. An Backbord ist das Kabelgatt. Dort werden alle möglichen Kabel, aber vor allem auch Feuerschläuche sowie unser Ankerlicht und -ball aufbewahrt. Das ist so gut wie immer geschlossen. Das mittlere Schott dagegen ist, wenn es geht, immer auf, denn hier geht es runter ins PK (die Personalkammer). An diesem Ort schlafen sechs Stammis, jeweils drei auf jeder Seite. Die oberste Koje ist aufgrund des wenigen Platzes auch als „Briefschlitz“ bekannt. Das letzte Schott an Steuerbord ist der Notausgang des Generatorenraums. Bei starkem Seegang oder viel Wasser an Deck benutzen ihn die PK-Bewohner/-innen gerne, denn ihr Ölzeug hängt im Deckshaus und so ist es die beste Möglichkeit, um halbwegs trocken dorthin anzukommen.
Auf der Back sind unser Ankerspill sowie viele aufgeschossene Vorleinen. Hier kann man bei gutem Wetter super sitzen und hinausschauen. Besonders ist es, wenn spielfreudige Delfine um die Thor herum und in unserer Bug-Welle schwimmen (der Bug ist die vordere Spitze des Schiffskörpers). Dann stehen wir alle versammelt über das Schanzkleid gebeugt und bestaunen diese atemberaubenden Tiere in ihrer freien Wildbahn.
Nun kennt ihr sowohl die Thor über Deck als auch achtern unter Deck. Da fehlt noch ein großer Teil: Mittschiffs. Das beschreibt hauptsächlich den mittleren Teil des Schiffes unter Deck. Bei uns: unser Wohnbereich.
Es gibt zwei Niedergänge: Der eine ist der Messeniedergang. Er führt von dem Hauptdeck aus in die Messe. Der zweite geht vom Deckshaus aus mittschiffs. Da er durch den Sanitärbereich läuft, nennen wir ihn den Sanitärniedergang. Die Messe ist unser Hauptaufenthaltsraum. Sie besteht aus sechs Tischen (jeweils drei pro Seite). Diese sind noch von der alten Thor (vor der Grundsanierung von 2007 bis 2009) und wir achten deshalb genau darauf, dass wir keine kantigen Dinge oder Kisten darauf abstellen. Die Messe ist so gut wie immer mit Menschen gefüllt. Morgens beginnt die Backschaft schon vor 07:00 Uhr fürs Frühstück einzudecken. Auch die anderen Mahlzeiten finden, seit es wieder kälter ist, hier unten statt. Außerdem ist hier Lernzeit angesagt. Sowohl die Schülis, die Unterricht haben, sitzen an Steuerbord als auch die, die Freiarbeit haben. Zum Abend hin werden die Tagebücher, Bastelsachen und Spiele ausgepackt.
Wenn wir den Gang weiter nach vorne laufen, kommen wir an den Kammern vorbei. Die ungeraden Zahlen (Kammer 1, 3, 5, 7 und 9) sind an Steuerbord und die geraden (Kammer 2, 4, 6, 8 und 10) an Backbord. Je größer die Zahl, desto weiter achtern ist die Kammer. Kammer 1 und 2 sind unsere beiden Sechser-Kammern. Sie bieten ordentlich Platz und man trifft so gut wie immer Menschen an. Die Kammern 4 bis 8 sind Vierer-Kammern. Dabei unterscheiden sich Kammer 7 und 8 von den anderen, denn sie sind um einiges kleiner. Es ist immer kuschelig, aber Platzmanagement ist gefragt. Kammer 9 und 10 sind die Zweier-Kammern. Kammer 10 ist als einzige Kammer mittschiffs von zwei Stammis bewohnt. Dadurch, dass wir jede Etappe möglichst in eine andere Kammer umziehen, haben alle mal die Vor- und Nachteile der verschiedenen Kammern und ich muss zugeben, man kann alle lieben lernen.
Jetzt ist vielleicht aufgefallen, dass ich eine Kammer ausgelassen habe. Kammer 3 existiert nämlich so gar nicht. Hier ist mein persönlicher Lieblingsraum, die Bibliothek, beheimatet. Hier ist ähnlich viel los wie in der Messe. Alle drängen sich auf kleinen Raum und lesen, lernen, schreiben Tagebuch oder unterhalten sich.
Noch weiter nach vorne gelaufen, landen wir in der Last. Der Begriff ist groß gefasst, denn hier lagert vieles. An Steuerbord ist unsere begehbare Kühllast, auch Kühlfrank genannt, und an Backbord die Tiefkühllast (TK). An Backbord vorderlich ist dann noch die letzte Proviantlast: die Trockenlast (TL). Hier sind in ganz vielen roten Kisten alle möglichen Lebensmittel gelagert. Von dort geht außerdem die E-Last ab, in der alles Elektronische gelagert und verschalten wird. Wenn wir um das offene TL-Schott herumschauen, entdecken wir noch die Putz- und Waschecke mit unserem tollen Farbsystem für Lappen und Eimer sowie der Waschmaschine, Waschmarianne, und unserem Trockner, der unseren Waschaufseher Lukas ordentlich auf Trapp hält, denn er meckert gerne mal oder geht kaputt… Als letztes fehlt noch Steuerbord vorderlich: Dort ist der Generatorraum mit unseren zwei Diesel-Generatoren. Sie sind als Generatonis bekannt.
Die Last selbst ist das Reich unseres Bootsmanns Henry und des Lastlords (unsere Klabauterfrau), der hier wohnt, isst, musiziert, kocht und schläft. In der Mitte ist die Werkbank und überall ist Werkzeug und Tauwerk zu finden. Außerdem stehen in der Last noch die Osmoseanlage, die Salzwasser zu Süßwasser wandelt, und die Pumpenecke. Pumpenecke. Alles in allem findet man hier alles.
KUS-Ticker
Mittwoch, 25.03.2026
Ganztägig: Kleingruppenexpedition
