Das Märchen von Hannah, Bene und den zwölf Gordingen
Es war einmal vor kurzer Zeit auf einer weit, weit entfernten Inselgruppe im Nordatlantik…
Eines schönen Tages beschloss eine bunt gemischte Truppe junger Abenteurer ihre sieben Sachen zu packen, um auf eigene Faust die sagenumwobene Vulkaninsel „Pico“ zu erkunden. Dafür machten sie sich des morgens voller Tatendrang los zum Fährhafen, wobei ihre mit Zelten, Kochern, Kleidung und Proviant beladenen Rucksäcke im Takt von Wiener Punkmusik wippten. Als ihr Schiff und Horta bald darauf in der Ferne immer kleiner wurden, spürten sie aufgeregt, wie ihnen der Fahrtwind die köstliche Freiheit der kommenden Tage entgegentrug.
Nicht einmal die geschlossene Reisenden-Auskunft in Madalena konnte die Abenteuerlust der Gordinge dämpfen und so zogen sie los, immer an der steinigen Südküste entlang, vorbei an labyrinthartigen, ehemaligen Weingärten, hin zu einigen großen Steinbrocken, wo sie bei einer ersten ordentlichen Brotzeit den Blick über die wilde Küstenlandschaft schweifen lassen konnten. Weiter ging es hinauf in das bewaldete Vulkanvorland, durch ein uriges Örtchen, wo ein netter Dorfbewohner die fleißigen Wanderer mit üppigen Zitronen aus seinem Vorgarten beschenkte. Beim folgenden Aufstieg wurde die Laune der Gruppe von den schnell schwindenden Kräften hart auf die Probe gestellt, bis jemand auf die glorreiche Idee kam, laut das Hörbuch zu „Eragon“ über die saftigen Wiesen schallen zu lassen, woraufhin sie, gebannt lauschend, ihre Anstrengung kurzzeitig vergessen konnten.
So erreichten unsere Helden bei tiefstehender Sonne einen Bauernhof, wo sie nicht nur mit frischem Wasser, sondern auch mit einem Schlafplatz auf einer verlassenen Kuhweide belohnt wurden.
Nachdem sie voller Euphorie im Sonnenuntergang die auenlandartigen Hügel hinuntergerollt waren, wurden schnell die fünf Dreier-Zelte am Waldrand aufgeschlagen, während die Abendbackschaft flugs fabelhafte Gemüse-Fladen zauberte. Völlig erschöpft legten sich die Gordinge beim ersten Mondenschein zur Ruhe, bis sie am nächsten Morgen von der Sonne spät aus ihrem Jahrhunderts-Schlaf gelacht wurden.
Nach einem recht kargen Frühstück aus Haferbrei und Äpfeln begannen sie gemütlich ihr Nachtlager abzubauen und erkundeten einen verwunschenen Orangengarten, bevor sie sich auf den Weg ins nächste Dorf machten. Dort führte ein ebenfalls unzureichendes Mittagsmahl zu einigem Unmut und Zwist, welcher glücklicherweise durch einen Besuch beim lokalen Dorflädchen gelöst werden konnte.
Wie es das Schicksal wollte, wurden die Gordinge aus heiterem Himmel von einem überaus hilfsbereiten Einheimischen angesprochen, welcher sie zu einer hoch über der Steinküste gelegenen Weide führte, wo sie begeistert ihr Nachtlager aufzuschlagen planten. Zuvor stiefelten sie jedoch pflichtbewusst zum nächstgelegenen Haus, um sich die Erlaubnis des Besitzers einzuholen.
Und ein weiteres Mal wurden sie vom Schicksal reichlich belohnt, denn das Haus gehörte der wohl liebenswertesten und hilfsbereitesten Person der ganzen Insel:
Robert sprach die Jugendlichen direkt auf Deutsch an und folgte ihnen zu ihrem Lager, um sich vorzustellen und ihnen seine Hilfe in allen Belangen anzubieten. Dankend begann die Gruppe daraufhin die Zelte zu errichten und einige von ihnen holten heißes Wasser aus Roberts Küche, während sie ihn gebannt mit Fragen zu seinem vielbewegten Leben löcherten. Nach Einbruch der Dunkelheit kuschelten sich die Gordinge schließlich um ein atmosphärisches Lagerfeuer, wo sie Marshmallows und Stockbrot aus Roberts Mehl schnabulierten. Diesen luden sie zum Dank ebenfalls ein, welcher sich daraufhin mit einigen lokalen Spezialitäten im Gepäck den restlichen Abend zu ihnen gesellte. Nach einer weiteren gemeinsamen Mahlzeit am nächsten Morgen beschenkte Robert sie zum Abschied überdies mit frischen Brötchen und traditionellem Käse und versprach sich zu melden, wenn er das nächste Mal in Deutschland sei.
Unfähig ihre unendliche Dankbarkeit in Worte zu fassen, verabschiedeten sich die Gordinge von ihrem neuen Freund und zogen des Mittags weiter durch die azoreanischen Wälder bis zum nächsten Küstenörtchen, wo sie sich nach einem neuen Schlafplatz umschauten. Nach einigem Umherfragen wurden sie schließlich bei einem kleinen Kiesplätzchen fündig, neben dem steile Steinstufen zu einem von spitzen Felsen abgegrenzten Teil der Bucht führten, wo sich die Wanderinnen und Wanderer im eiskalten Wasser die Strapazen der letzten Tage abwaschen konnten. Beim anschließenden Abendessen bot ihnen der Blick aufs offene Meer ein großartiges Naturschauspiel aus Delfinschulen und blasenden Walen, welche sie aufgeregt zu bestimmen versuchten. Nach einem äußerst unterhaltsamen Spieleabend zogen sie sich nach und nach in ihre Zelte zurück, um am nächsten Morgen direkt nach dem Frühstück eine kleine, private Holzkunst-Galerie zu besuchen, welche sie am Vortag entdeckt hatten. Dort bestaunten sie die unzähligen Wal-, Rochen- und Seevogel-Skulpturen, bevor sie zum nächsten Örtchen weiterzogen und dort vor einer „Bushaltestelle“ genug Zeit hatten, um das bisher Erlebte zu verdauen. Zurück in Madalena machten sie es sich gerade in einem leckeren Café gemütlich, als niemand geringeres als Robert durch die Pforte schritt und sich zu ihnen gesellte. Die Freude über dieses unverhoffte Wiedersehen war natürlich gigantisch und die folgende Zeit bis zur Abfahrt der Fähre verging wie im Flug.
So verabschiedeten sich die Gordinge ein weiteres Mal von ihrem alten Freund und machten sich auf den Rückweg nach Horta. Dort ließen sie ihr Zuhause allerdings links liegen und bestiegen den nächstgelegenen Hügel, um dort ihre letzte Nacht zu verbringen. Oben angekommen, trafen sie auf einige bekannte Gesichter, welche offensichtlich dieselbe Idee gefasst hatten. Nach Sonnenuntergang setzten sich Bene, Hannah und die zwölf Gordinge dann ein letztes Mal zusammen und erzählten einander von ihren Erfahrungen der letzten Tage, während sie genüsslich ihre letzten süßen Stimmungsaufheller vergenussferkelten. Auf diesen würdigen letzten gemeinsamen Abend folgten ein ebenfalls letztes gemeinsames Frühstück und ein letzter gemeinsamer Abstieg zum Hafen. Dort trafen unsere Protagonisten schließlich wieder auf die anderen Gruppen und prompt wuselten alle wild durcheinander, fielen sich in die Arme und lauschten begeistert den Geschichten der anderen, denn sie alle hatten von spannenden Abenteuern zu berichten.
Und so endete das Märchen von Hannah, Bene und den zwölf Gordingen und zwar da, wo es begonnen hatte: Auf einem Schiff, das sie schon sehr bald zum nächsten Abenteuer tragen sollte. Und wenn sie nicht gesunken sind, dann segeln sie noch heute…
