Ein zweites Mal auf der Thor einziehen
Datum: 30.3.2026
Mittagsposition: 43°54,9‘N; 022°56,8’E
Etmal: 146 sm
Wetter: Lufttemperatur: 13,7 °C, Wassertemperatur: 13,5 °C, Windrichtung und Stärke: SSW3
Fast ein Jahr lauter Vorbereitungen, der Traum einmal über den Atlantik zu segeln und dann das Ankommen nach 6,5 Monaten in Kiel. Danach bin ich um viele Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse und Freundschaften reicher. Das ist es, was ich mir gewünscht habe. Das Abenteuer unseres Lebens, wie es KUS auch nennt. Wie das Leben aber manchmal möchte, läuft vieles oft etwas anders als gedacht.
Aufmerksame Leser haben vielleicht gemerkt, dass nicht mehr von 50 Leuten geschrieben wurde, sondern von weniger. Warum?
Das Leben entscheidet manchmal einfach über den eigenen Kopf hinweg und so musste ich leider aus gesundheitlichen Gründen früher als gedacht für eine begrenzte Zeit nach Hause fliegen. Wobei, wirklich nach Hause?
Als klar war, dass ich zurückkehren würde, war es wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte das Gefühl, das geht einfach nicht, denn mein Zuhause ist doch gerade hier auf der Thor.
Wenn man so darüber nachdenkt, ist unser Zuhause in Deutschland während der Reise oft sehr weit weg. Wir leben hier so stark in unserer eigenen Welt, dass ich oft vergesse, was um uns herum passiert. Es klingt vielleicht ein bisschen hart, aber der Humor und wie wir miteinander umgehen, hat sich so an unsere Gemeinschaft angepasst. Einige, die anfangs sehr distanziert waren, sind schon fast zu kleinen Kuschelbären geworden. Man entwickelt sich eben weiter, lernt und wächst immer mehr zusammen. Wahrscheinlich war es das, was mir Sorge bereitete, als ich nach Deutschland flog: So wie wir bis jetzt alles zusammen gemacht haben, war nun klar, dass wir den nächsten Monat unabhängig voneinander erleben werden. Die KUSis an Bord sind eine Gemeinschaft und ich bin in Deutschland und esse Unmengen an Joghurt und kann literweise Orangensaft trinken – eben ganz anders als auf der Thor.
Zurück auf der Thor wirkte für mich dann aber doch alles wieder so vertraut und normal. Wobei, was heißt auf der Thor schon normal? Dennoch fallen mir Unterschiede auf.
Die Menschen haben sich verändert, mit ihnen die Gemeinschaft und so auch die Dinge, die einem mal ein kleines Lächeln entlocken können. Als sich die gesamte Messe darüber freut, dass es Kakao mit heißem Wasser gibt, fragt man sich schon kurz, wo man eigentlich gelandet ist. Es bringt mich ein bisschen zu dem Gedanken, dass das Leben in Deutschland im Gegensatz zum Leben auf der Thor durch reinen Konsum geprägt ist. Ich persönlich habe erst auf der Thor gemerkt, in welchem Luxus wir in Deutschland leben. Die Themen, über die geredet werden, sind nicht „Schlafmangel“, „der Tampen-Contest“, „Bilgen putzen“ und „die nächste Backschaft“, sondern es bilden sich oftmals nur oberflächliche Gespräche über die Schule, die neue Trendfarbe oder andere belanglose Dinge. Als ich die neuesten Trends und Themen erzählt habe, wurde ich teils ein wenig doof angeschaut, weil auf der Thor dann wohl doch Streifen statt Orange schick sind.
Es ist echt schwer zu erklären, aber jeder, der in so einer Gemeinschaft gelebt hat, merkt, dass man zu einer eigenständigen Familie zusammenwächst – die KUS-Familie, von der so oft die Rede ist.
Jetzt nach einer Art Pause muss ich mich erst wieder einfinden. Es ist ein wenig wie bei einem Familientreffen. Eigentlich kennt man sich schon in- und auswendig. Wenn man sich aber nach einer Weile wieder sieht, muss man sich erst wieder aneinander gewöhnen. Genauso geht es mir auch.
Aufstehen, wenn es eine Oma (Obstsalat mit allem) gibt und jeden Tag eine Stunde putzen. Es ist ein Leben, in welchem wir uns Anfang Oktober zurechtfinden und einleben mussten. Der Prozess dauerte damals ein wenig und irgendwie kam ich jetzt mit dem Gedanken zurück ,,Es wird wie immer sein, bzw. wie davor“.
Man lernt nie aus und, dass sich jeder und alles ein Leben lang verändert, durfte ich nach meiner Rückkehr auf der Thor auch lernen.
Alles hat sich dennoch nicht verändert. Der Geruch von unserer Last ist immer noch sehr besonders und eine abendliche Kuschelrunde ist einfach wahnsinnig schön.
Wir alle, aber vor allem ich persönlich, habe diese Sachen mehr schätzen gelernt als zuvor und bin unglaublich dankbar für alles, was ich sowohl in Deutschland als auch auf der Thor erlebt und dadurch gelernt habe.
