Eins und Alles
Datum: 31.03.2026
Mittagsposition: 43°54,9‘N; 022°56,8’W
Etmal: 146 sm
Wetter: Lufttemperatur: 13,7 °C, Wassertemperatur: 13,5 °C, Windrichtung und Stärke: SSW 3
Mein Finger verharrt über der Weitertaste in der Luft, als ich das auf dem Bildschirm aufgetauchte Foto erkenne.
Die ehemalige Wache 4, meine erste Wache auf der ersten Etappe der Reise, die durch einen Rettungsring in die Kamera grinst. Fast sechs Monate ist es her, dass das Foto in einer abenteuerlichen Balance-Übung mit Rettungsring und Kamera und dem bekannten geschlossene-Augen-Problem geschossen wurde. In dieser Zeit waren mir die Tampen noch immer ein Rätsel, Rudergehen eine manchmal überfordernde Aufgabe, Schulunterricht weit in den Tiefen meines Gedächtnisses verschwunden und Backschaft gleichbedeutend mit einem siebzehn-Stunden-Tag gefangen in der Kombüse.
„Warschau Backschaft!!“, schallt es da durch die Messe und reißt mich aus meinen Gedanken. Ein mit Schürze und einem Haufen Teller und Besteck beladener KUSi sieht mich abwartend an und ich wechsle die Bank, damit er das Geschirr dort verstauen kann. „Oben wird gerade schon die Kombüse abgenommen!“, verkündet er allen am Tisch und grinst erledigt. Ich sehe ihn leicht entgeistert an. Es ist gerade mal kurz nach acht Uhr – was haben wir denn auf der ersten Etappe noch gemacht, als wir immer bis spätabends am Abspülen waren?
Vollbesetzte Wachen, mittags warmes Essen, tagsüber eineinhalbstündige Lernsessions und Ölzeug als tägliches Outfit auf dem Achterdeck lassen den Alltag aus der ersten Etappe wieder auf der Thor Einzug halten. Und doch hat sich unfassbar viel verändert: Segelaction in der Nacht ist kein Problem mehr, beim täglichen Reinschiff schaue ich mich schon nach zwanzig Minuten ratlos nach verbliebenem Schmutz um, während wir anfangs mit der einen Stunde nur knapp auskamen, und in der Backschaft weiß man gar nicht, was man mit der unerwarteten Freizeit anfangen soll. Die vollbesetzten Wachen sorgen für ungewohnt viel Pause und ausgedehnte Gespräche auf dem Achterdeck, nachdem wir in den Zeiten des Unterrichts teilweise zu dritt zwischen Rudergehen, Ausguck und Maschinenronden rotiert sind. Die Anzahl der scheinbar an der Reling angewachsenen Seekranken nach jedem Auslaufen sind auf ein Minimum geschrumpft und nach ein oder zwei Tagen ist die Crew spätestens wieder voll einsatzbereit.
Bei längerem Nachdenken und in Erinnerungen schwelgen, fällt mir wieder ein, wie planlos wir zuerst noch an den Tampen standen und nur die Kommandos unserer Wachführer/ -innen befolgen konnten, ohne zu begreifen, was genau wir eigentlich bewirkt haben. Im täglichen Nautikunterricht mit eben diesen Wachführerinnen und Wachführern entstanden bald mehr oder weniger unübersichtliche Zeichnungen der Segel, während wir uns mit rauchenden Köpfen das thor’sche Segelneuland einzuprägen versuchten.
Jetzt heißt es in der Wache eher: „Wir wollen die Mars setzen – Inga, schnappst du dir ein paar Menschen und machst das?“
Während ich so in der Messe sitze und mir Fotos anschaue, laufen immer wieder KUSis vorbei, kitzeln mich im Vorbeigehen oder setzen sich für ein paar Minütchen dazu, um mir über die Schulter zu schauen. Nach sechs Monaten zusammen auf diesem Kahn kennen wir uns gegenseitig so gut wie sonst vermutlich wenig andere. Jede Scheu, jeder Wunsch, bloß gut bei den anderen anzukommen, ist verflogen. Stattdessen belagern wir zu dreizehnt Viererkammern und quatschen, bis die Kammer zum Schlafen zurückgefordert wird, machen Kitzelschlachten auf dem Gang, Wecken an Karneval die gesamte Stammcrew mit spontanen Verkleidungen und der stibitzten Projektmusikbox, veranstalten in Horta eine ausgelassene Party an Deck und hecken gemeinsam Streiche für den ersten April aus.
In den vergangenen vier Etappen haben wir uns also nicht nur zu tatsächlich brauchbaren Deckshänden gemausert, sind Profis im Abspülen und Putzen auf der Thor geworden und haben diese bis in die Bilgen und Unterunterkojen kennengelernt. Nein, wir sind alle anders geworden, sind, so kitschig das auch klingen mag, zu einer Crew geworden, die wie eine riesige Familie die Thor mit Leben füllt.
KUS-Ticker
Montag, 30.03.2026
- 12:30-12:45 Uhr: Schiffsversammlung
