Atemzüge
Datum: 15.04.2026
Mittagsposition: 55°25,2‘N; 006°42,2‘E
Etmal: 132 sm
Wetter: Lufttemperatur: 8,5 °C, Wassertemperatur: 9 °C, Windrichtung und Stärke: SE 3
Ich schaue nach unten auf meinen Collegeblock, auf meine beiden von der Seeluft etwas trockenen Hände und den blauen Kugelschreiber, den ich in der Rechten halte. Ich überlege, was ich in diesem Blog schreiben könnte, und beschließe einfach eine schriftliche Momentaufnahme zu machen. Von mir und allem, was ich wahrnehme – vom Hier und Jetzt.
Ich sitze in meiner Ölzeughose und in meinem dicken grau-schwarzen Norwegerpullover warm eingepackt auf der Steuerbord-Backskiste auf dem Hauptdeck. Nur meine rechte Fußspitze berührt leicht den rot gestrichenen Boden. Eine Brise weht mir um die etwas laufende Nase und meine Hände sind klamm von der Kälte. Meinen linken Daumen spüre ich schon nicht mehr, aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt und es macht mir nichts mehr aus. Mein Bauch rumort ein wenig, ich ziehe die Nase hoch und blicke auf.
Durch die Maschen des Sicherheitsnetzes sehe ich das Meer, den Horizont und den Himmel. Die See ist nicht mehr karibisch türkisblau, sondern typisch für die Nordsee – undurchsichtig und graugrün. Es gibt so gut wie keine Dünung heute – nur kleine Wellen, auf denen vereinzelt Schaumkrönchen sitzen. Der Himmel ist hellgrau und die einzelnen Wolken zeichnen sich nur ganz schwach ab. Ich lasse meinen Blick über das schwarze Schanzkleid, die weiß gestrichene Reling und die hölzerne Nagelbank davor, über das Deck und wieder zurück auf meinen Block wandern, um mir zu notieren, was ich sehe.
Das plätschernde Geräusch der Wellen, die an den Rumpf aufschlagen, ist für mich mittlerweile alltägliche Musik in den Ohren; genauso wie das Gequassel und Getuschel der Crew, die dumpfen Schritte von Gummistiefeln, die den Niedergang vom Achter- zum Hauptdeck hinabsteigen und die Segel, die ab und zu mal leise und mal laut schlagen. Ganz entfernt höre ich den Generator brummen und jemanden, der an mir vorbeiläuft, summen. Ein Shanty über englische Seemänner, dessen Melodie vom Wind davongetragen wird. Herzlich lacht unser Schülikapitän auf und ich wende mich nach rechts.
Ich blicke den in Mexiko neu geschliffenen und lackierten Niedergang, neben den Schrubber, Besen, Eimer und Handkehrer gestopft sind, hoch zum Achterdeck. Mehrere Menschen, halb vom Maschinenhaus und Naviniedergang verdeckt, stehen in grellem Ölzeug eingemummelt neben den Besanwanten und um das Ruder herum.
Die Halterung für die Heißgetränkespender auf der Farblast erinnert noch an die sonnige Zeit, als es warm war und wir draußen gegessen haben. Ich lasse meinen Blick nach links schweifen. Das Hauptdeck liegt verlassen da und die großen Bulleyes der Kombüse, aus denen sonst das Essen ausgegeben wurde, sind nun verschlossen. Nur aus dem offenen Oberlicht klingt dumpf das geschäftige Klappern der Backschaft.
Der Nachgeschmack der Kekse, die es zum Kaffee gab, liegt mir noch im Mund. Ich atme tief ein und aus, rieche die Seeluft. Da die Maschine nicht an ist, riecht es nicht nach Abgasen, sondern einfach nach klarer Luft und natürlich nach mir. Auch wenn ich diesen Geruch, so wie wahrscheinlich beinah jeder Mensch auf dieser Welt, nicht mehr bewusst wahrnehme. Aber ich rieche das Haarshampoo, das ich mir heute Morgen zum Duschen ausgeliehen habe, da ich meines schon wieder auf den Azoren verloren habe. Mit einem leisen Seufzen lege ich den Kopf in den Nacken und schaue hoch in den Himmel.
An der Spitze des Großmastes weht die Schleswig-Holstein-Flagge. Das Großsegel und Großtoppsegel sind gesetzt, genauso wie das Besansegel und Besantoppsegel weiter achterlich, beziehungsweise in meinem Sichtfeld etwas weiter rechts. Links oben sehe ich zur Hälfte die drei Rahsegel sowie Teile vom Schonersegel und vom Großstengestagsegel. Neben den Segeln zeichnen sich auch die Tampen und die Wanten vor dem wolkenverhangenen Himmel ab.
Gerade rechtzeitig werde ich mit meinen Notizen für diesen Blog fertig, als schrill die Schiffsklingel dazu aufruft, in die Messe zu kommen, um die dritte Schiffsübergabe zu beenden. Ich klappe meinen Collageblock zu. Der Moment, die paar Minuten, die Atemzüge… sind vorbei. Für mich in Form einer Erinnerung und für euch als Blog festgehalten.
KUS-Ticker
Mittwoch, 15.04.2026
- 11:00 Uhr: Vortrag über „Helgoland“ von Anna
- 16:00 Uhr: Rückübergabe der Thor Heyerdahl an die Stammcrew und Ende der dritten Schiffsübergabe
