Ankommen
Einlaufen, ein Teil dieser Reise, der immer unfassbar weit entfernt gewirkt hat. Unerreichbar. Etwas, worüber man sich noch keine Gedanken machen muss. Ein Problem der Zukunft. Die erste Etappe hat sich angefühlt wie eine halbe Ewigkeit, als könnte dieses Abenteuer niemals enden. Die Atlantiküberquerung ging dann im Gegenzug recht schnell vorbei, es lag aber dennoch ein ewig langer Weg vor allen. Doch dann kam Kuba und auf dem Schiff hörte man immer wieder Wörter wie „Halbzeit“ oder „nur noch 100 Tage“ herumgeistern. Und genauso schnell waren es dann nur noch 50 Tage, ein Monat, zwei Wochen, fünf Tage, und letztendlich eine Nacht.
Unser Captains‘ Dinner war vermutlich der Anfang vom Ende. Einen Tag lang wimmelte das gesamte Schiff von fleißigen Kusis, die das immerhin fünf Gänge umfassende Sterne-Essen vorbereiteten. Es wurde die Messe geschmückt, kulturelle Beiträge noch ein letztes Mal geübt und letzte Reste unserer kurzen Werftzeit in Eckernförde verstaut. Gleichzeitig war allerdings auch ausziehen angesagt. Alle Unterkojen, Fächer und Kojen mussten leergeräumt und geputzt werden. Alles musste in Seesäcke, Wander- und Tagesrucksäcke gestopft werden und auch der ein oder andere Müllsack kam wegen Platzproblemen zum Einsatz. Dabei wurden, zur Freude vieler, unzählige, verschollen geglaubte Gegenstände wieder ans Licht gezaubert, sodass Paulas Hängematte beispielsweise im Schuhfach einer Sechser-Jungskammer wieder aufgetaucht ist oder Sockenpaare doch wieder vervollständigt worden sind.
Gegen fünf Uhr abends kamen dann noch unsere ehemaligen Kapitäne Alex und Johannes, sowie die Steuermänner Ingo und Ulli, sodass der Abend mit einigen einleitenden Worten und gemeinsamem Anstoßen begonnen werden konnte. Es wurden unzählige musikalische Beiträge, nostalgische Texte und Reden gehalten. Auch ein Theaterstück mit Insidern der gesamten Reise und 2 Quiz wurden aufgeführt. Insgesamt ein sehr gelungener Abend, der unsere gemeinsame Zeit nochmal Revue passieren lassen hat und unsere Reise langsam abrundete.
Am nächsten Morgen war es dann auch schon so weit. Nach einer persönlichen Abschlussrunde mit allen und einem allerletzten Reinschiff auf allen Stationen kam auch schon das Signal, dass sich alle aufenterbereit fürs Rigg machen. 30 Jugendliche die gleichzeitig in den Klüver, auf den Schoner und den Großmast wollen, ein ziemlicher Trubel also. Aber auch das war schnell geschafft, letzte Korrekturen von unten gemacht und dann ging es ans Warten, da wir noch vor dem Zeitplan waren. Aber auch diese Zeit haben wir genutzt, und so erschall schnell ein lauter Chor von den Rahen herunter und wir sangen Lieder wie „Über den Wolken“ und „ Hole on the Bolean“ ein letztes Mal gemeinsam. Aber auch dieser Moment ging vorbei wie im Flug und es waren plötzlich die ersten Menschen und bunte Flaggen an der Pier zu erkennen, alle in froher Erwartung der Rückkehr unserer Crew. Stück für Stück ließ sich die Menschenmenge auch in einzelne unterscheiden und man konnte erste Angehörige erkennen. Dabei waren die Gefühle an Bord gemischt, von Freude und Glück bis zu Trauer war alles ein einem riesigen Wirbel an Gefühlen vertreten. Es wurde heftig gewunken und sich über die großen „WILLKOMMEN’s“-Plakate für unsere Stammis gefreut. Aber auch dieser Teil des traditionellen Einlaufens war schnell vorbei und das kurze Typhon zum abentern erschall. Die nächste Viertelstunde war größtenteils gefüllt mit dem Anlegemanöver. Ein letztes Mal die Leinen überwerfen, durchholen und aufkommen, um direkt wieder zu holen.
Kaum war die Thor in Position und die Gangway aufgebaut, durfte die gesamte Crew erstmal 10 Minuten an Land, um Freunde und Bekannte zu begrüßen. Auch das wieder mit einem riesigem Gefühlschaos, da für alle die Begrüßung des alten Umfelds gleichzeitig der Abschied von unserer entstandenen KUS-Familie an Bord bedeutete.
Wobei, noch nicht ganz. Erstmal ging es für alle wieder auf unser Zuhause, die Thor. Reden wurden gehalten, musikalische Beiträge gespielt, sich bei den Stammis bedankt und Seemeilenurkunden verliehen. Und kaum dass man sich versah, wurde noch ein aller letztes Gruppenbild geschossen und ein aller-aller letztes Mal geglast, das die Reise somit beendete.
Den Mittag über konnte man auf der Thor ganz viele, für einen selber unbekannte, Menschen treffen, die von uns Schüler/-innen sowie dem Stamm herumgeführt wurden. Geschichten wurden ausgetauscht und am Buffet wurde auch nicht gespart.
Den Moment, als wir alle gemeinsam in dieser Konstellation das letzte Mal zusammen an Bord waren, habe ich erst im Nachhinein realisiert. Plötzlich musste man sich also von Menschen verabschieden, mit denen man das letzte halbe Jahr unfassbar einzigartige, wundervolle Erinnerungen gesammelt hat. Und das nicht für 3 Tage, weil wir wie auf Dominica in Gastfamilien aufgeteilt werden oder wir auf eine Expi aufbrechen. Nein, denn das hier ist das Ende der Reise, unserem Abenteuer auf dem Atlantik. Und doch ist jedes Ende ein Anfang. Unzählige Treffen, Telefonate spät in der Nacht oder kommende Sommerreisen auf der Thor liegen noch vor uns und es beginnt, Achtung kitschig!, ein zweites Kapitel.
