Von Ostsee zu Nordsee

Datum: 12.10.2026
Mittagsposition: Rendsburg
Etmal: 29 sm
Wetter: Lufttemperatur: 14 °C, Wassertemperatur: 16 °C, Windrichtung und Stärke: SW1

Mit etwa 6 Knoten schlängeln wir uns unter strahlend blauen Himmel dank der laufenden Maschine durch den gesamten Nord-Ostsee-Kanal und wurden direkt vor erste Herausforderungen gestellt.

Bereits um 6 Uhr morgens endete unsere zweite Nacht auf der Thor mit einem „Signal K“, bei dem sich die gesamte Schiffsbesatzung auf dem Hauptdeck versammelte. Das geschieht vor allem bei wichtigen Manövern, in unserem Fall den Anker aufnehmen und das Passieren der Schleuse Kiel-Holtenau. Dabei halfen alle Wachen, „all hands“ unabhängig von ihrer eigentlichen Zeiteinteilung der Wache, mit, bis wir erfolgreich im Kanal angekommen waren. Tagsüber war das Leben an Deck ruhiger, während die Streckenmarkierungen von 90 km auf dem Weg zur Nordseemündung immer weiter fallen. Die elf Stunden Fahrtzeit bis Brunsbüttel nutzten wir, um außerhalb des festgelegten Wachbetriebs alle Räume und wichtigen Bestandteile des Schiffs kennenzulernen, unser erstes Reinschiff zu erledigen, testweise Groß- und Schonersegel zu setzen und um im Umgang mit Tampen, Vor- und Achterleinen und den elementaren Kommandos geschult zu werden. Die nötige Kraft dazu gab uns auch die fleißige Backschaft, die 50 hungrige Personen zum Mittagessen mit zwei verschiedenen Nudelgerichten überraschte und zusätzlich bis spät abends noch den Abwasch machte.

Besonders interessant war heute der Kontrast zwischen enormen Aufgabenstress und völliger Entspannung: Schon früh am Morgen durften wir unter stetigen Ansagen von Johannes die Thor in die Schleuse manövrieren, was bei Dämmerlicht mit zahlreichen Steuerveränderungen in kurzer Zeit mit einer noch unbekannten Aufgabe eine ziemlich stressige Erfahrung war. Dafür musste man auch sehr fokussiert sein, da jederzeit ein neues Kommando erfolgen kann. Nach einer Stunde „Ruder mittschiffs!“ – „Mittschiffs!“– „Mittschiffs liegt!“ – „Backbord 10!“ – „Backbord 10 liegt!“ – „Backbord 15!“ – „Backbord 15 liegt!!“ – „Hart Backbord!“ schwirrte einigen ziemlich der Kopf. Auch bei der Einführung in andere Aufgaben auf der Thor sind viele etwas überfordert und es wird noch Zeit brauchen bis sich Fragen wie „Welchen der zehn ähnlich aussehenden Tampen soll ich bei welchem Kommando mit wie vielen Leuten durchholen (ziehen) oder fieren (Lose geben)?“ vollständig geklärt haben.

Im Gegensatz dazu gibt es außerhalb der Wachen, Mahlzeiten und Schlafphasen genügend freie Zeit, die man nicht unbedingt erwartet hat.

Besonders im Nord-Ostsee-Kanal gibt es auch während der eigenen Fahrwache noch nicht so viel zu tun, da die Navigation sehr einfach ist und keine Segel gesetzt werden können. Außerdem ist die freie Zeit großartig, um Tagebuch- und Blogeinträge zu verfassen, mehr zu fotografieren und einfach mit anderen KUSis zu reden, zu spielen oder irgendwo im warmen Sonnenschein zu entspannen. Da es an Bord der Thor Heyerdahl immer genügend gibt, auf das wir anfangs achten müssen, kam uns allen der Einstieg in den Bordalltag bei angenehmen und eher übersichtlichen Bedingungen sehr zugute. Doch schon morgen erwartet uns die stürmische Nordsee…