Unbegreiflich, aber doch so nah
Datum: 26.10.2026
Mittagsposition: 46°46,6‘N; 003°09,2’E
Etmal: 116 sm
Wetter: Lufttemperatur: 17 °C, Wassertemperatur: 15,5 °C, Windrichtung und Stärke: SW4
Unser derzeitiges Umfeld ist wesentlich dynamischer als unser überforderter Geist, der mit den unermesslichen Reizen unserer Umgebung nur beschwerlich Stand halten kann. Insofern schlenderte ich gestern Mittag durch die lebhafte Hafenstadt von Brest, wurde heute Morgen hingegen von einer bezaubernden Schule Delfine begrüßt. In diesem Sinne fühlt sich diese Reise meines Ermessens noch wie ein surrealer Traum an, dessen Anmut keineswegs greifbar scheint.
Nichtsdestotrotz hat sich bereits eine gewohnte Routine herausgebildet, die unsere Vormittage tagein, tagaus mit Reinschiff füllt. Eine teilweise unangenehme Aufgabe, die jedoch durch den durchweg präsenten Elan an Bord meistens mühelos vonstattengeht. Besagter Elan lässt sich insbesondere aus der überaus lebhaften Kombüse verspüren, die täglich um zwölf Uhr schmackhaftes Mittagessen für 50 Personen ausgibt. Ein kulinarisches Ritual, das zu angeregten Unterhaltungen sowie amüsanter Interaktion einlädt.
Infolge dieser erholsamen Stärkung hieß es für mich Wachdienst, eine dreistündige Zeitspanne, die jeden Tag durch vielseitige Arbeiten des Schiffsbetriebs gefüllt wird. Von daher besteht während der Fahrwache keineswegs Langeweile, sondern kontinuierliche Reizflut. Angefangen im unbegreiflich warmen Maschinenraum, worin springende Ventile einen inständigen Takt trommeln, geht es über die hochtechnisierte Navigation bis hin zum idyllischen Ausguck, der zum grundlegenden Sinnieren anregt. Hierin erlangte ich bereits zahlreiche elementare Erkenntnisse über meine Persönlichkeit, die mich sicherlich prägen werden. In Anbetracht des relativ begrenzten Komforts auf See, begriff ich etwa, dass wahrhaftige Glückseligkeit nur geringfügig von materiellem Besitz abhängt.
Diese Momente tiefsinnigen Denkens haben bereits einen unerlässlichen Platz in meiner Bordroutine gefunden, gleichermaßen wie unser kollektives Krafttraining am Abend, bestehend aus 100 fordernden Liegestützen. Diese sportive Maßnahme beugt dem merklichen Bewegungsmangel auf der Thor entgegen, der physisches Ausleben meiner Ansicht nach stark aufstaut. Ferner sind gleicherweise gemeinschaftliche Spiele zu einem beständigen Begleiter unseres reizvollen Bordalltags geworden, wobei vor allem Schach, „Stadt, Land, Vollpfosten“ sowie Wizzard hoch im Kurs stehen. In diesem Sinne klingen die langen Tage auf See üblicherweise gelassen aus, bevor es aufgrund unserer alltäglichen Nachtwachen für nahezu jeden Tag äußerst früh ins Bett geht.
KUS-Ticker
Montag, 26.10.2026
- 09:30 Uhr: Sichtung einer Schule Delfine
- 18:30 Uhr: atemberaubender Sonnenuntergang
