Zurück in meinem anderen Zuhause
Während andere KUSis ihre erste Nacht auf deutschem Festland in ihrem eigenen Bett verbrachten und bis ein Uhr mittags ausschlafen konnten, wurde ich um 6:30 Uhr von meiner Familie in einer Ferienwohnung irgendwo in Kiel geweckt, um noch schnell zu frühstücken und mich anschließend mit einem Taxi zum Bahnhof fahren zu lassen.
Denn neben dem sowieso schon schweren Gepäck einer fünfköpfigen Familie, deren eines Mitglied ein halbes Jahr unterwegs gewesen ist, mussten auch diverse Souvenirs und Mitbringsel sowie Sauerteig von der Thor und ein gefundenes Fenster von den Azoren einmal quer durch Deutschland geschleppt werden. Mit dem Zug ging es dann also los, von ganz im Norden bis ganz in den Süden.
Mich erinnerte jede Situation an diesem Tag an etwas auf der Thor oder das letzte halbe Jahr, denn vieles ist nun einfach untrennbar mit der Reise verbunden. Der Blauwal auf den Spielkarten meines Bruders, der schwere Rucksack auf den Schultern und gefühlt fast jeder Song, den ich hörte.
Nach dieser langen Zeit in der Enge des Schiffes kamen mir schon die Räume unserer Ferienwohnung unglaublich groß und leer vor (ganz zu schweigen die Bahnhofshalle). Ich fühlte mich in der ersten Nacht in meinem Bett sehr verloren und sehnte mich nach meiner engen, kuscheligen Koje. Auch der Überfluss, der einen hier in Deutschland umgibt, war nach dem halben Jahr sehr präsent. Mich überforderte die üppige Auslage des Bäckers oder des Zeitschriftenladens und als ich mich später mit meinem kleinen Bruder auf die Suche nach einem Eis in einen Supermarkt begab, passte wohl er mehr auf mich auf als ich auf ihn. Ich wurde völlig überflutet von den ganzen ungewohnten Reizen.
Entgegen meiner Erwartungen stand ich den neuen Privilegien ziemlich wunschlos gegenüber. Weder ewig lang duschen zu können noch die Aussicht auf ein eigenes Zimmer oder sich selbst etwas kochen zu können reizte mich besonders. Ehrlich gesagt wollte ich an diesem ersten Tag einfach nur zurück. Vor allem zurück zu den Menschen, aber auch auf das Schiff und zu dem „immer weiterfahren“. Doch jetzt ging es nicht mehr weiter. Zu diesem Zeitpunkt fühlte sich das alles ziemlich perspektivlos an.
Nur das Telefonieren und Schreiben mit den anderen macht den Schmerz erträglicher, auch wenn ich die beiden Welten, Zuhause und KUS, noch immer nicht ganz in mir vereinen kann, waren sie doch vorher so voneinander getrennt gewesen.
Dieser Tag war voller erster Male: das erste Mal wieder Bayrisch hören, das erste Mal die Berge sehen, das erste Mal in das Familienauto steigen, das erste Mal das Haus betreten und so weiter und so fort.
Erstaunlich schnell gewöhnte ich mich wieder an mein altes Leben und schon am nächsten Tag konnte ich mich mehr und mehr für das Schöne in meiner Heimat öffnen und das Zusammensein mit Familie und Freunden genießen.
Jetzt, ein paar Tage später, fühlt sich das meiste schon wieder sehr normal an und ich freue mich sogar auf die nächste Zeit. Denn wenn ich eins auf dieser Reise (und von Corinna) gelernt habe: die Menschen sind das Wichtigste; und die bleiben!
