Der große Tag

Sonntag, der 18.10.2020
Mittagsposition: Heikendorfer Reede
Etmal: 2 sm
Autor: Johannes

Der große Tag, auf den ich so lange hingearbeitet habe – von der Bewerbung über den Online-Probetörn bis zu den Vorbereitungen am Schiff – beginnt für mich um 7:30 Uhr. Etwas verschlafen steige ich aus meiner Koje auf der Thor Heyerdahl, ziehe mir schnell etwas an und gehe in die Messe, die gleichzeitig unser Wohn-, Ess- und Klassenzimmer ist. Auf dem Weg dorthin begegne ich anderen KUSis die auch nicht wacher aussehen, als ich mich fühle. In der Messe hat die Backschaft, unser Küchendienst, schon das Frühstück aufgedeckt. Danach geht es für alle erstmal ans Reinemachen, damit das Schiff auch blitzt und blinkt, wenn die Eltern zur Verabschiedung kommen. Jetzt wird es knapp, der Zeitplan ist eng getaktet. Um 10 Uhr beginnt die Verabschiedung und bis dahin müssen wir noch viel schaffen, zum Beispiel die Kammern für den virtuellen Rundgang aufräumen. Weil wir aufgrund von Corona in Quarantäne sind, dürfen die Eltern dieses Jahr nämlich nicht wie sonst an Bord kommen und sich alles anschauen. Deshalb bekommen sie eine Führung per Kamera. In meiner Kammer stopfe ich noch schnell etwas unter die Bettdecke, dann kommt auch schon das Kamerateam. Ich zeige ihnen meine Koje, die schon mit Bildern meiner Familie geschmückt ist. An dieser Stelle möchte ich meiner Kameradin Eva und den Kameraden Lennard und Ansgar herzlich danken, die sich eine Nacht um die Ohren geschlagen haben, um den Rundgang auf die Beine zu stellen.

Direkt im Anschluss geht es weiter, leider mit dem traurigen Teil des Tages, der Verabschiedung. Zusammen mit den anderen Schülerinnen und Schülern stelle ich mich an Deck. Ich suche an der Pier nach meinen Eltern, die wegen Corona ja nicht an Bord dürfen. Ich winke ihnen kurz zu, in diesem Moment packt mich das Heimweh. Am liebsten würde ich auf die Pier stürmen und meine Eltern ein letztes Mal vor der Abreise ganz fest umarmen. Ich halte mich aber zurück, nun beginnt auch schon die Zeremonie mit Reden von den Eltern und Ruth Merk, der Projektleitung. Dann singen wir unseren Eltern das Lied „I am Sailing“, das wir etwas umgedichtet haben. Auch sie haben noch einen Abschiedsgruß vorbereitet, es gibt Schokolade und eine Sonnenbrille für alle. Als Überraschung haben sie ein Lied abgespielt, in das rührende Abschiedsgrüße verpackt waren. Jetzt fließen die ersten Tränen auf Schüler- und Elternseite und wir trösten uns gegenseitig. Da können nur Freddie und Nalu mit ihrer lustigen Rede die Stimmung retten. An dieser Stelle ergreife ich nochmal die Gelegenheit und danke Nalu und Freddie für ihre Worte und vor allem Ruth, dass sie trotz Corona durchgehalten und die Reise für uns organisiert hat. Ein weiterer Dank geht an das Kus- und das Thor Heyerdahl Büro, die im Hintergrund gewirkt haben. Wegen der Quarantäne-Verordnung und dem notwendigen Abstand zu anderen konnten wir dieses Jahr leider nur begrenzt mithelfen, unser Schiff auszurüsten. Deshalb möchte ich auch einen Dank an die Ex-KUSis und das Werftteam aussprechen, die die Thor vorab für uns auf Vordermann gebracht haben.

Nach diesem emotionalen Abschied kehren wir in unsere Kammern zurück, wie die Zimmer hier genannt werden. Es ertönt das internationale Notfallsignal, die Signalglocke klingelt sieben Mal kurz und einmal lang. Über jeder Koje liegt in einem Extrafach eine Rettungsweste. Ich schnappe mir meine und eile an Deck. Dort lege ich sie an und stelle mich zu meiner Wache. Nachdem diese Übung für den Notfall glatt verlaufen ist, räumen alle ihre Rettungswesten wieder auf und besetzen mit ihrer Wache ihre Station. Ich gehöre Wache 4 an, die für das Besansegel auf dem Achterdeck am Heck des Schiffes, zuständig ist. Nach einer Einweisung von Ruth setzen wir unser Segel. Wir können leider nicht unter Vollzeug, also mit allen Segeln gesetzt, auslaufen, wie es für den Beginn der großen Reise üblich wäre, weil der Wind ungünstig steht und direkt aus der Richtung kommt, in die wir fahren wollen. Das Setzen des Segels sehr anstrengend. Es war aber auch unvergesslich schön, unser erstes Mal segeln!!!