Im Sturz durch Raum und Zeit

Datum: 02.01.2026
Mittagsposition: 09°33,3‘N; 079°39,6’W
Etmal: –
Wetter: Lufttemperatur: 29 °C, Wassertemperatur: 28 °C, Windrichtung und Stärke: NNE3

Es gibt selten Zeitpunkte auf der Thor, an denen wir nicht wissen, wie spät es ist. Alle 24 Stunden schallt zur Mittagszeit auf See der tiefe Ton des Typhons über das gesamte Schiff, gefolgt von dem obligatorischen Glasen (Glocke auf dem Vorschiff läuten, um Schallsignale zu geben). Pünktlich zu allen Mahlzeiten ertönt die Glocke, die zum Essen ruft und schon beim Wecken zur Wache ist die erste Information, die wir bekommen, die Uhrzeit. Auch während der Stunden auf dem Achterdeck bleibt der andauernde Blick auf das Handgelenk selten aus, um nicht zu verpassen, wann Rudergänger/-in und Ausguck abgelöst und wann Wetter und Position eingetragen werden müssen. Selbst wenn es einmal nichts zu tun gibt, wird stets die Uhr im Blick gehalten – will man doch nicht den nächsten Tagespunkt verpassen.

Umso merkwürdiger haben sich die letzten zwei Tage angefühlt, an denen ich mehr als einmal jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren habe:
„Ich liege in meiner Hängematte inmitten von Palmen. Ihre Blätter rascheln weit oben über meinem Kopf und ich werde mich wohl nie ganz an dieses Geräusch gewöhnen. Man unterschätzt völlig, was es für einen Unterschied macht, ob es die Blätter einer deutschen Eiche sind, in denen der Wind spielt, oder die einer karibischen Palme. Keinen halben Meter von mir entfernt, beginnt ein kleiner Streifen weißen Sandes. Ich weiß noch, wie ich mir während der kalten Zeit zu Anfang der Reise das hier so oft vorgestellt habe: den schneeweißen Strand, gesäumt von unzähligen Palmen und strahlendem, türkisfarbenem Wasser. Letzteres schimmert tatsächlich in allen möglichen Facetten von Türkis; allerdings nur, wenn sich der gleißende Sonnenschein in ihm bricht. Dann ist es leicht auszumachen, wo das Wasser tief ist und wo sich direkt unter der Wasseroberfläche unzählige Korallen tummeln. Gerade aber ist der sonst so blaue Himmel wolkenverhangen. Ein dichtes, graues Regenfeld nimmt mir die Sicht auf das panamaische Festland, was sich sonst hinter all den Inseln am Horizont abzeichnet. Jetzt sieht es viel mehr so aus, als hätte jemand alle erdenklichen Grau- und Blautöne zusammengetragen, um mit groben Pinselstrichen das Meer zu zeichnen. Ich habe immer gedacht, der Sand hier sei furchtbar fein. Tatsächlich pikst er ein bisschen unter unseren nackten Füßen, weil es abgestorbene Korallen der umliegenden Riffe sind, die ihn bilden. Ich bin mir trotzdem ziemlich sicher, dass so das Paradies aussehen muss.

In der Ferne beginnen sich die weißen Segel eines kleinen Bootes abzuzeichnen und ich lasse meine Gedanken schweifen – zur bisherigen Reise auf unserem eigenen Segelschiff. Wie lange sind wir jetzt unterwegs? Beinahe drei Monate? Die Zeit ist vergangen wie im Flug und dennoch, wenn ich daran denke, dass wir einst bis über die Nasenspitzen in unser Ölzeug eingepackt auf dem Achterdeck standen, fühlt sich das an, als sei es eine halbe Ewigkeit her. Seitdem ist das hier das zweite Mal, dass ich – im Rahmen eines Solos – völlig alleine bin. Ziemlich verrückt, wenn man bedenkt, dass zuhause kein Tag vergeht, an dem ich nicht wenigstens für ein paar Stunden nur von mir selbst umgeben bin. Ich vermisse das nicht und trotzdem spüre ich, wie gut es tut, all die anderen KUSis mal nicht um sich zu haben. Ich frage mich eine Weile, wie es wohl sein wird, diese Gesellschaft irgendwann nicht mehr zu haben; die Augen aufzuschlagen und zu wissen, dass es nicht die Stimme eines anderen KUSis, sondern das penetrante Piepsen meines Weckers war, das mich geweckt hat; oder am Frühstückstisch zu sitzen und nur noch in drei verschlafene Gesichter zu blicken und nicht in die gewohnten 49. Aber bis dahin ist noch so viel Zeit; Zeit, die ich seit geraumer Zeit in meiner Hängematte verbringe, ohne jegliches Gefühl dafür, wie lange ich hier schon liege und wie lange ich es noch tun werde.“

Ein ähnliches Gefühl macht sich am Nachmittag des nächsten Tages breit:
„Ich bewege meine Flossen auf und ab, obwohl ich darauf wohl leicht verzichten könnte, weil die Strömung uns ohnehin über das Riff hinweg treibt und das salzige Wasser genug Aufrieb liefert. Unter uns bietet sich ein Anblick, der schwer für jemanden zu beschreiben ist, der ihn nicht selbst einmal eingefangen hat. Ich versuche es trotzdem: Korallen in allen erdenklichen Formen und Strukturen haben sich über die Jahre hinweg zu felsenartigen Gebilden formatiert. Manche von ihnen sind glatt und kugelförmig. Andere erinnern mehr an den Tentakel einer Krake und wieder andere sind so feingliedrig, dass ich befürchte, sie durch meine bloße Anwesenheit in ihrem Dasein zu stören. Unzählige Fische bahnen sich ihren Weg durch das verwinkelte Riff.  Einige sind so winzig, dass ich sie erst richtig erkennen kann, wenn ich kurz abtauche und sie eine Weile lang von ganz nah beobachte. Einige sind groß und schillernd, sodass ich sie leicht aus der Ferne ausmachen kann, wenn sie wie ein Blitz durch das Wasser schießen. Sie alle gleichen in ihrer Farbgebung kleinen Kunstwerken. Sie sind bunt gepunktet oder zweifarbig gestreift, geziert von leuchtenden, blauen Flossen oder von den Farben eines Regenbogens überzogen. Manchmal stockt mir kurz der Atem, wenn ich sie dabei beobachte, wie sie vor den Gläsern meiner – ausnahmsweise mal nicht beschlagenen Brille – vorbeiziehen. Ich muss allerdings feststellen, dass gleichmäßiger Atem vorteilhafter ist, will man nicht andauernd prustend auftauchen und Wasser aus dem Schnorchel leeren. Hier unten wimmelt es von Leben und trotzdem wirkt alles so friedlich. Ich spüre, wie meine Gedanken ganz leise und ich ganz ruhig werde, während ich so schwerelos durch das Wasser gleite, ohne jeglichen Plan davon, wie lange ich das schon tue und wie lange ich es noch tun werde…“

KUS-Ticker

Donnerstag, 01.01.2026

  • 10:00 Uhr: Neujahresbrunch
  • 15:00-18:00 Uhr: Solo auf der Kokosnussinsel

Freitag, 02.01.2026

  • 09:45-11:30 Uhr: Projektetreffen
  • 13:00-17:00 Uhr: Schnobaso (Schnorcheln, Baden, Sonnen)