Home sweet Thor
Datum: 23.01.2026
Mittagsposition: 10°56,1‘N; 081°30,4‘W
Etmal: 114,4 sm
Wetter: Lufttemperatur: 29 °C, Wassertemperatur: 27,5 °C, Windrichtung und Stärke: NE 4
Die Haustür fällt ins Schloss, das Gepäck plumpst auf den Boden und ich nehme einen tiefen Atemzug. Zu Hause. Meine Schuhe lasse ich im Flur liegen und drehe eine Runde durch die Wohnung. Die vertrauten Möbel mit ihren geschichtsträchtigen Macken, die Fotos an den Wänden und der typische Geruch heißen mich willkommen und ich spüre, wie ich innerlich zur Ruhe komme.
Zuhause. Für jeden ist das Zuhause anders: Für manche ist es eine ganze Stadt, für andere ist es ein Haus, ein Appartement, oder auch nur ein einziges Zimmer.
Zuhause war für mich bisher Frankfurt, bei meiner Familie, in unserer Wohnung. Doch mit unserem Einzug an Bord vor einigen Tagen ist mir bewusst geworden, dass sich in den letzten drei Monaten ein zweites Zuhause in mein Herz geschlichen hat.
Vor über hundert Tagen sind wir hier eingezogen, haben unsere Kammern eingerichtet und unser Gepäck verstaut. Als ich damals zum ersten Mal die Messe betrat, fiel mein Blick sofort auf die Tafel an der Wand, auf die einige Ex-KUSis „Willkommen Zuhause“ geschrieben hatten. Beim Betrachten des Schriftzugs hoffte ich, dass die Thor vielleicht auch einmal mein Zuhause werden würde, doch in diesem Moment fühlte ich mich noch wie ein Gast.
Es ist leicht, einen neuen Ort, an dem man vielleicht seinen Urlaub verbringt, aus Gewohnheit „Zuhause“ zu nennen. Da rutscht einem dann mal die Frage raus, wann man denn wieder nach Hause gehen würde. Als ich in Teneriffa genau das gefragt habe, bin ich noch über das Wort gestolpert, als wäre es zu früh, die Thor wirklich so zu nennen – die Thor als einen Ort zu bezeichnen, an dem man sich immer geborgen und sicher fühlen kann.
Wie so oft im Leben, wenn einem die Bedeutung mancher Dinge erst dann klar wird, wenn man diese nicht mehr hat, haben viele von uns besonders gemerkt, wie schön es auf der Thor doch ist, als wir nach mehreren Wochen in Panama zurück an Bord geklettert sind.
Und noch einmal mehr lernten wir all ihre Eigenschaften und Macken im Alltag zu schätzen, als wir ein anderes Projekt namens „Nautic Horizons“ auf der Regina Maris besuchen konnten. Keiner von uns konnte die Schönheit des Traditionsseglers leugnen, trotzdem merkten wir alle, wie viel wohler wir uns doch auf unserer vertrauten Thor fühlen. Besonders mit dem Auslaufen aus Panama ist hier der Alltag eingekehrt, der sie zu unserem Zuhause werden lässt und in dem die Thor andersherum so eine große Rolle spielt:
Wieder die engen Toiletten zu benutzen, bei Seegang krampfhaft die Niedergänge herunterzuklettern, den altbekannten Klang des Konvektomaten aus der Kombüse zu vernehmen oder beim mittäglichen Typhon vor Schreck fast von der Bank zu fallen. Beim Klingeln der verheißungsvollen Essensglocke alles stehen und liegen zu lassen, in der Messe murrend die Bank zu wechseln, wenn die Backschaft Geschirr verstauen muss, bei einer unerwarteten Welle in die falsche Kammer zu stolpern oder die PCs zu verfluchen, wenn Word mal wieder nicht funktioniert. Trotz Rutschdecken die Teller festzuhalten, bei Wind seine Unterrichtsmaterialien mit Besteck zu beschweren und mitten in der Nacht mit den Worten „Guten Morgen, du hast in einer halben Stunde Wache“, aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden. Beim täglichen Reinschiff halb in den Bilgen zu stecken, in der Nachtwache Witzerunden auf den Backskisten zu veranstalten und sich bei Schülerversammlungen die Köpfe heiß zu reden.
All dies sind Dinge, die unser Leben hier ausmachen und die uns inzwischen so vertraut sind, dass wir sie kaum noch als etwas Außergewöhnliches betrachten.
Wenn ich zurückdenke an die letzten Monate, in denen sich unser ganzes Leben hier abgespielt hat, wir Hoch- und Tiefpunkte, unzählige Gespräche, lustige Fails und unvergessliche Momente erlebt haben, ist die Thor für uns alle tatsächlich zu einem zweiten Zuhause geworden. Und so lautet nun die Devise: Die Zeit trotz anfänglicher Seekrankheit so gut es geht zu genießen, bis bald schon Kuba in Sicht kommt und wir in unser nächstes Abenteuer an Land aufbrechen.
KUS-Ticker
Donnerstag, 22.01.2026
- 10:15 Uhr: Übung zu „Brandfall an Bord“
- 11:30 Uhr: Besuch der Regina Maris
- 14:00 Uhr: Ankunft der Ausklarierungsbehörde an Bord
- 15:45 Uhr: „Signal K“ zum Auslaufen
Freitag, 23.01.2026
- 15:00 Uhr: Geburtstagskaffee für Justus
