Warschau Schlagloch!

Als wir abends um 19:30 Uhr in Sandino ankommen, ist es schon dunkel. Da wo es Straßenlaternen gibt, werfen diese einen leicht flackernden Schein auf den brüchigen Asphalt. Wir alle sind mittlerweile mit Stirnlampen ausgerüstet, denn das einzige Licht auf den Landstraßen ist das Blaulicht des Motorrads vor und die Scheinwerfer des Busses hinter uns. Endlich erreichen wir nach 75 km die Einfahrt unseres Hotels für diese Nacht. Wir werden so herzlich empfangen, wie es keiner von uns (in einer für Kuba so schweren Zeit) erwartet hätte. Mit dem Passieren des Torbogens fällt für Clara, Markus und mich (Johannes) aber noch eine ganz andere Anspannung ab; unsere Aufgabe an diesem Tag war es nämlich, die Gruppe als TPL (Tagesprojektleitung) an das Ziel zu leiten.

Aber von vorne:
Bevor wir überhaupt davon träumen konnten, die Nacht in Sandino zu verbringen, mussten wir erstmal eine ganze Menge anderer Herausforderungen bewältigen. Denn als wir am Morgen aufwachten, lagen wir nicht wie eigentlich von langer Hand geplant, in unserem ersten Hotel am Strand, sondern noch ein paar Seemeilen weg vom Startpunkt der Tour vor Anker in unseren Kojen. Durch den Sturm der vergangenen Tage verzögerte sich der Start in unseren Landaufenthalt um einen Tag und so mussten wir zur Fahrradtour zusätzlich auch noch das Einklarieren an Bord, und den Transport von Fahrrädern und Gepäck an Land koordinieren. Irgendwann (gegen 13:00 Uhr) standen wir dann alle endlich inklusive unseres Gepäcks an Land und waren bereit loszufahren. Begleitet von einem großen Reisebus, der Gepäck, überschüssige Fahrräder, Spenden und müde/kranke Radler transportierte, und von zwei Polizisten setzte sich unsere Prozession endlich und mit viel Verspätung in Bewegung. Das tat der Stimmung aber (noch) keinen Abbruch und wir holperten fröhlich über die wirklich sehr aufgewühlten kubanischen Straßen. Schnell wurden Methoden zum Warnen vor den wirklich fiesen Straßenabschnitten entwickelt und ein „Warschau Schlagloch!“ jagte das nächste. Wir hatten uns als TPL in der Gruppe aufgeteilt, um besser den Überblick zu behalten. Markus fuhr anfangs ganz vorne, Johannes in der Mitte und ich (Clara) machte das Schlusslicht.
Und schon in den ersten Minuten zeigten sich die Auswirkungen der kurzen Vorbereitungszeit. Zwei Sattel rauschten nach unten und andere kleine handwerkliche Griffe mussten getätigt werden. Es bot sich die ersehnte Mittagspause am Straßenrand sehr gut an, um noch einmal alles zu reparieren. Wir (als TPL) mussten uns erstmal die wichtigsten Informationen über den weiteren Tag bei Lala, unserer Begleiterin durch ganz Kuba, holen und gaben diese mittels einer Ansage auch direkt an unsere Gruppe weiter. Zwei Sandwiches und eine kubanische Fanta später versuchten wir verzweifelt, alle wieder auf ihre Fahrräder zu bewegen, um wenigstens halbwegs im Hellen anzukommen. Für uns drei war der Tag also ein großes „Learning by doing“, und eines lernten wir sehr schnell: Eine Gruppe von 37 unterschiedlich trainierten Menschen fährt unterschiedlich schnell Fahrrad. Da war unsere Mission, die Strecke als eine Gruppe zu bewältigen, schon gar nicht mehr so einfach, wie anfangs angenommen. Bald waren wir in kleinen Gruppen auf der Landstraße verteilt und die unterschiedlichen Konditionen machten sich bemerkbar. Die Vorderen wollten endlich mal Gas geben, die Hinteren nur mithalten und wir als TPL fuhren vor und zurück, um den Überblick zu behalten. Das nagte an der allgemeinen Stimmung. Und deswegen war nach weiteren 15 km eine kleine Müsliriegelpause nur willkommen. Die Energie war wieder aufgefüllt. Und nachdem dann auch alle endlich wieder auf ihrem Fortbewegungsmittel saßen, radelten wir voller Erwartungen dem Sonnenuntergang entgegen.

Nach der „Goldenen Stunde“ kam die Dunkelheit. Die Gespräche wurden rege weitergeführt und jeder schien in einen Flow gekommen zu sein. Und so waren wir wieder bei der Szene vom Anfang angelangt, in der wir müde, aber glücklich, durch den Torbogen rollten. Damit endet nicht nur dieser Blogeintrag, sondern auch der erste, holprige, lustige, herzliche und unvergessliche Tag in Kuba ging zu Ende.