Bei Engels – Himmel oder Hölle?
Schule. Für uns oft ein negativ behaftetes Wort. Etwas, was für uns erst einmal eher eine lästige Pflicht, als ein Sprungbrett für’s Leben ist. Zumindest, bis es auch für uns mit dem Abitur auf die Zielgerade geht. Doch in unserem Alter haben die wenigsten schon eine Idee, wo es später einmal hingehen soll.
Während wir uns aber am Mittagstisch mit den Schülerinnen und Schülern der Friedrich-Engels-Schule unterhalten, merken wir, dass das in Kuba ganz anders aussieht. Sie erzählen, wie wichtig es ist, gut in der Schule zu sein, um ihre Träume zu verwirklichen. Viele wollen Medizin, Jura oder Ingenieurswissenschaften studieren, um mit diesen Berufen dann auswandern zu können und damit der schwierigen Lage in Kuba zu entfliehen. Bei anderen stolpern wir auch über außergewöhnlichere Berufswünsche wie Firmendesigner.
Um diese Schule in Pinar del Río überhaupt besuchen zu dürfen, müssen die Schüler drei Aufnahmetests mit sehr guten Leistungen bestehen, daher ist der Leistungsdruck an der Schule nochmal höher.
Im Vergleich zu dem, was wir aus unseren Schulen zu Hause kennen, fallen uns an der Friedrich-Engels-Schule aber noch viel mehr Unterschiede auf. Allein schon der Unterricht läuft anders ab: Während bei uns nur ein Lehrer versucht, die Klasse im Zaum zu halten, unterstützen in Kuba zwei weitere ältere Schüler den Lehrer beim Unterrichten.
Gleich nach unserer Ankunft werden wir von den Schüler/-innen durch die Gebäude geführt, wobei wir drei kleine Ausstellungsräume besuchen: Im naturwissenschaftlichen Museum, wie sie es nennen, finden wir uns Auge in Auge mit ausgestopften Löwen und Alligatoren wieder und können die an der Wand aufgemalte Evolutionsgeschichte und Entwicklung der Kontinente seit der Entstehung der Erde bewundern.
Weiter geht es durch – von den Schülern selbst – frisch geputzte Gänge in einen Raum, der Fidel Castro gewidmet ist. Doch nicht nur in diesem Raum sind die Revolutionsführer mit ihren Überzeugungen präsent; in jedem Klassenzimmer und auf den Gängen stolpern wir über Fidel Castros und Che Guevaras Gesicht und deren Zitate. Diese politische Aufmachung in einer Schule ist für uns bereits etwas völlig Ungewohntes, doch genauso die eingeschränkte Möglichkeit, seine politischen Überzeugungen zu äußern. Erwischt man die Schüler in einem passenden Moment, trauen sie sich, auch kritische Gedanken auszusprechen; im Beisein eines Erwachsenen fallen ihre Antworten allerdings meist eher verhalten aus. So bekommen wir nur grobe Einblicke in die teilweise herrschende Unzufriedenheit mit der aktuellen kubanischen Politik.
Wir merken, dass die Schüler/-innen, die uns im nächsten Ausstellungsraum die von der Schule gewonnenen Urkunden und Pokale präsentieren, sehr stolz auf ihre erbrachten Leistungen sind. Wir spüren den für uns doch eher außergewöhnlich großen Ehrgeiz, bei nationalen Wettbewerben möglichst gute Leistungen für die Schule zu erzielen, sofort. Für die kubanischen Schüler haben diese Wettbewerbe, anders als vielerorts in Deutschland, einen viel höheren Stellenwert.
Ein weiterer großer Unterschied ist die völlige Kostenfreiheit des kubanischen Bildungssystems. Während der Besuch öffentlicher deutscher Schulen auch für uns umsonst bleibt, werden den Schüler/-innen dort zudem ihre Schulmaterialien, Schuluniformen, Essen und denjenigen, deren Zuhause so weit entfernt liegt, dass sie in der Schule leben, sogar ein Schlafplatz zur Verfügung gestellt.
Bis wir die Schlafsäle der sogenannten „Internos“ besuchen dürfen, erinnert uns ihr Schulalltag stark an unseren eigenen. An ihren Schlafräumen wird allerdings deutlich, auf welchem für uns fast schon erschütternd engem Raum sie dort leben: Etwa sechzig Schüler schlafen in einem großen Zimmer in Doppelstockbetten mit einem Spind für ihr Hab und Gut. Auf die Frage, ob Privatsphäre dort überhaupt möglich wäre, antworten sie mit „kaum“. Das ist selbst für uns, nach über drei Monaten Zusammenleben auf engstem Raum, schwer vorstellbar.
Andererseits stärkt das gemeinsame Wohnen die Gemeinschaft unter den Schülern auch merklich – eine solche Schülergemeinschaft sucht man in Deutschland wohl oft vergebens. Doch nicht nur der Zusammenhalt unter den Schülern fällt uns auf, sondern auch die Verbundenheit mit den Lehrern. Bei unserer Ankunft und der Gala am letzten Abend wird zusammen getanzt und gesungen und sich nach einer gelungenen Aufführung gelobt und umarmt. Gleichzeitig lernen wir dabei noch eine andere Seite kennen: Im privaten Raum scheinen Lehrer/-innen und Schüler/-innen zwar fast schon befreundet, doch besonders im politischen Kontext sprechen die Schüler nicht so frei über ihre Meinungen, sobald ein Lehrer dazustößt. Letzteres gibt es in Deutschland wohl eher sehr selten, doch gleichzeitig haben wir oftmals gar nicht erst die außerschulischen Freundschaften mit unseren Lehrern.
Nicht nur das bemerken wir bei den genannten Veranstaltungen, sondern auch, welche große Rolle Musik und Tanz im Leben der Kubaner/-innen haben. Musizieren und Tanzen sind neben Schach und Domino eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Ähnlich wie wir daheim also nach dem Unterricht ein Orchester, einen Chor oder eine Band besuchen, sind musikalische Aktivitäten auch in der Friedrich-Engels-Schule gut besucht.
Vermutlich kennen viele von uns Schülerinnen und Schülern folgende Situation: Unterrichtsanfang, der Lehrer packt seinen Laptop heraus, aber der Beamer springt nicht an, das HDMI-Kabel stellt keine Verbindung her, die Leinwand klemmt. Im Sommer schmort man im schlecht gedämmten Klassenraum und die Rollläden streiken. Und jedes Mal denkt man sich: Wann wird dieser alte Kasten denn endlich mal renoviert? Doch schon nach wenigen Minuten in der Friedrich-Engels-Schule wird uns allen klar, dass unser Meckern auf hohem Niveau ist. Denn die Schule feierte ihr 48. Jubiläum – und das sieht man dem riesigen Gebäudekomplex auch an. Aufgrund fehlenden Geldes wurden die vielen Gebäude, Sportplätze und sogar ein Schwimmbad kaum gepflegt. So stehen zwei der großen Gebäude leer, das Schwimmbad ist außer Benutzung und manchmal fühlt man sich beim Laufen über das weitläufige Gelände so, als befände man sich in einem Lost Place.
Dennoch ist die Schule gefüllt mit Leben, Lachen und unglaublich vielen herzlichen Menschen. Wir alle spüren auch hier die kubanische Lebensfreude, mit der die Schüler/-innen ihre Schule zu einem warmen und freundlichen Ort machen, den man gerne besucht.
