Braunes Gold

Pffft… kleine weiße Rauchwölkchen steigen in die Luft – bleiben hängen – lösen sich nicht auf – eingefroren. Gedanken verloren betrachte ich die zierliche Frau, aus deren Mund die Rauchwölkchen stammen, und die eine klobige Zigarre zwischen den zarten Fingern hält. Ein mir ungewohnter und widersprüchlicher Anblick. Ich lasse den Blick über die Acrylmalereien schweifen. Neben weiteren farbenfrohen, im Moment gefangenen Frauen mit dunklen Augen und Zigarren blicken mir bekannte Gesichter des „Buena Vista Social Clubs“ entgegen. Auch Gemälde von Oldtimern, Kolibris und Landschaften haben die Besitzer der Stände ausgelegt. Neugierig schnuppern wir KUSis umher. Was wir noch nicht wissen, ist, dass schon bald ein ganz neuer Geruch unsere Nasen umspielen wird. Der Geruch des Tabaks.

Die letzten Tage sind wir mit unseren Fahrrädern schon an vielen Plantagen vorbeigefahren. Heute haben wir einen dieser Familienbetriebe besucht. Nach dem Frühstück sind wir zu der Farm am Ortseingang von Viñales geradelt. Es gab mehrere Felder, eine Scheune zum Trocknen mit einem Oldtimer daneben, drei Wohnhäuser, sowie überdachte Tische und Bänke, an denen wir uns niederließen, um Mateo und Toke zuzuhören. Um uns herum liefen Hühner mit ihren Küken und aus dem Augenwinkel konnten wir beobachten, wie ein Bauer seine beiden Rinder für die Ackerarbeit vorbereitete. Nachdem Mateo uns das emotionale Thema des transatlantischen Sklavenhandels nähergebracht hatte, erklärte Toke fachlich, wie Tabak traditionell angebaut und zu Zigarren weiterverarbeitet wird.

Aus den zweitkleinsten Samen der Welt wachsen nach einiger Zeit die Tabaksetzlinge. Diese werden, nachdem der Ackerboden mit einer von Rindern gezogenen Egge gepflügt wurde, auf dem Feld ausgebracht. Nach vier Monaten kann der erste Tabak geerntet werden. Es werden alle fünf bis sieben Tage etwa zwei Blätter geprüft und geschnitten, wobei von unten begonnen wird. Diese Einlageblätter der sogenannten Criollo-Pflanzen werden später für das Innenleben der Zigarren verwendet. Die Umblätter für die äußerste Schicht der Zigarre stammen jedoch von Corojo-Pflanzen, welche vor der Sonne geschützt unter Tüchern heranwachsen. So werden die Umblätter heller, feingliedriger und geschmeidiger als die Einlageblätter. Beide Arten werden nach der Ernte einige Tage in der Sonne und dann vier Wochen in den speziellen Hütten getrocknet.

Im Anschluss an Tokes Referat zeigte uns der Bauer auch solch eine Trocknungshütte. Es fiel kaum Licht durch die kleinen Fenster und der Geruch von Tabak lag schwer in der Luft. Während er uns zeigte, wie man eine Zigarre rollt, rauchte er selbst eine, obwohl es in dem Raum staubtrocken war. Als der Bauer zum Zuschneiden der Tabakblätter plötzlich ganz selbstverständlich ein Messer aus seinem Gummistiefel zog, machten wir alle große Augen. Die Zigarre war schnell fertig gerollt und das Messer wanderte wieder zurück in den Stiefel. Auf der Farm werden nur 10 Prozent des Ertrags verarbeitet. Die restlichen 90 Prozent werden in speziellen Betrieben fermentiert und anschließend in Fabriken per Handarbeit zu Zigarren gerollt.

Solch eine Fabrik konnten wir am 10.02. in Pinar del Río besichtigen. In einer großen Halle saßen mehrere Zigarrenroller/-innen an kleinen Tischen in Reihen zusammen. Das Zigarrenrollen ist mühevolle Handarbeit, deswegen ist der Beruf in Kuba sehr angesehen. Zuerst wird das „Innenleben“ aus den Einlageblättern gerollt und gepresst und dann wird das Umblatt um das Innenleben gewickelt. Besteht die Zigarre den „Luftdruck-Test“ (bei welchem geprüft wird, wie viel Luft pro Sekunde durch die Zigarre strömt), wird sie noch mit einer schicken Bandarole, zum Beispiel der Marke „Cohiba“, versehen, bevor sie in den Verkauf geht. Pro Tag stellt ein/-e Arbeiter/-in 105 bis 120 Zigarren her, die zum Großteil nach China exportiert werden. Aber auch Frankreich und Deutschland importieren kubanische Zigarren in kleinen Mengen.

Und pffft…wie ein Rauchwölckchen in der Luft, so ist auch unsere Zeit auf Kuba, dem Land des Tabaks und des Rums, wieder rasant verflogen. Mit nach Hause nehmen wir nicht nur das ein oder andere gekaufte Bild, sondern auch ein neues Verständnis für die Bedeutung der Zigarre für Kuba.