Maria la Gorda – Versuch 1
Die Welle schlägt gegen das Rescueboot. Wir sind alle komplett durchnässt und bemerken den leichten Salzgeschmack auf unseren Lippen. Zum Glück hat uns Corinna am Morgen noch geraten, unsere Ölzeugjacken mitzunehmen, sonst säßen wir jetzt nur in unseren KUS-Polos hier. Wir sehen die nächste hohe Welle auf uns zurollen. „Henry, pass auf!“, hören wir Corinna rufen. Das Boot hebt sich, bis die Welle sich bricht und wir mit ihr nach unten fallen. Wir schauen uns an und müssen vor Adrenalin breit grinsen. Im Nachhinein sind wir uns einig, dass sich diese unvergessliche Fahrt wie eine Wildwasserrutsche angefühlt hat – nur deutlich besser.
4 Stunden vorher:
Die Schiffsglocke klingelt. Alle versammeln sich auf dem Hauptdeck, in der Erwartung, bald die kubanische Einklarierungsbehörde zu empfangen, für die wir die letzten Tage so fleißig geputzt haben. Doch dazu wird es an diesem Tag aufgrund der Wettervorhersage wohl nicht kommen, wie unser Kapitän Alex der ganzen Crew erklärt. Stattdessen soll die Einklarierung nun an Land erfolgen. Das Einsatzkommando dafür sind Corinna als Projektleitung, Steuermann Ingo, Julia (wegen ihrer Spanischkenntnisse), Henry als Bootsführer … und wir beide. Unsere Qualifikation: Wir haben uns wenige Tage vorher in der Schülerversammlung als Tagesprojektleitung für den ersten Tag gemeldet, ohne jegliche Vorahnung, worauf wir uns da eingelassen haben. Das bedeutet für uns: schnell das schicke KUS-Polo und die Rettungsweste anziehen und – wie gesagt – auf Corinnas Rat hin (trotz strahlender Sonne) auch Ölzeugjacken mitnehmen. Das Rescueboot wird ausgesetzt und wir steigen ein – beladen mit Kaffee, Keksen und allen Pässen der Crew. Henry schmeißt den Motor an und wir fahren fünf Minuten zur Pier am Strand von María la Gorda. Dort machen wir das Rescueboot fest und setzen zum ersten Mal Fuß auf kubanisches Festland. Dabei müssen wir uns zurückhalten, nicht vor Freude wild herumzuspringen, denn die Behörden stehen schon zum Empfang bereit. Corinna, die die circa 15 Personen schon zu kennen scheint, geht voran und begrüßt alle herzlich. Wir folgen ihrem Beispiel und freuen uns, auf dem T-Shirt des vierten Kubaners ganz groß Che Guevaras Gesicht zu entdecken.
Die nächste Stunde verbringen wir an einem Tisch an der Strandbar. Während sich Corinna, Ingo und Julia angeregt mit den Behörden über den weiteren Plan und die Einklarierung unterhalten, führen wir mit unseren Spanischkenntnissen Smalltalk mit unseren Tischnachbarn, zwei Vertreter/-innen des Völkerverständigungsinstituts, deren Gäste wir hoffentlich für die nächsten beiden Wochen an Land sein werden. Dabei beobachten wir mit einem Auge die Thor, die am Horizont immer kleiner wird und ihre Kreise dreht, da in diesem Gebiet vor der Einklarierung keine Möglichkeit zu Ankern besteht. Mit dem anderen Auge sehen wir Henry in seinem gelben Regenmantel an der Pier sitzen und Mundharmonika spielen. Wir nutzen die Zeit, um anhand des aktuellen Standes, der uns immer wieder mitgeteilt wird, den weiteren Tagesverlauf zu planen. Dabei reicht das Spektrum von der Möglichkeit eines Auszugs von der Thor noch an diesem Tag bis hin zu einem erneuten Einklarierungsversuch in vier Tagen. Dementsprechend viele Szenarien halten wir in Lili Sols Notizbuch fest.
Bald sehen wir Henry, der besorgt das Rescueboot beobachtet, das durch den zunehmenden Wind und durch die Wellen immer stärker gegen die Pier gedrückt wird. Wir eilen zur Pier, um herauszufinden, ob er Hilfe benötigt. Kurz darauf können wir ein spektakuläres Verholmanöver zur windgeschützten Seite der Pier beobachten (mit Henry und Julia in der Hauptrolle). Doch auch das ist keine langfristige Lösung. Wenige Minuten darauf finden wir uns mit Vor- und Achterleine in der Hand wieder. Wir ziehen das Boot entlang der Pier und hieven es mit vereinten Kräften an den Strand, um es dort an einer Kokospalme festzumachen. Währenddessen schüttet es bereits in Strömen und wir fliehen in eine improvisierte Zollbehörde, denn Corinna konnte unsere Ansprechpartner inzwischen überreden, zumindest die mitgebrachten Elektronikspenden zu verzollen.
Eine halbe Stunde später entscheiden wir uns endgültig, zurück zur Thor zu fahren, denn die Windverhältnisse lassen weder einen Besuch der Behörden an Bord noch einen Transport der ganzen Crew an Land zu. Zumindest haben wir einen erneuten Einklarierungsversuch in drei Tagen erreicht, womit wir uns wohl oder übel zufriedengeben müssen.
Doch ganz erfolglos wollen wir nicht auf die Thor zurückkehren, weshalb wir bei der Bar 50 Tukola – die kubanische Cola – kaufen. Doch sowohl bei der Bezahlung durch Corinna und Leo einige Häuser weiter als auch beim Verstauen unserer Beute im Rescueboot durch Henry, Ingo, Julia und Lili Sol, stoßen wir auf weitere Hindernisse. Denn die Frau an der Rezeption, die ganz am anderen Ende des Geländes liegt, will unseren ersten 50€-Schein nicht annehmen. Das bedeutet für mich – Leo – einen Sprint zurück zur Pier einzulegen, wo das Bootsteam das Voranschreiten der Ebbe bemerkt hat. Ich – Lili – informiere Leo darüber, dass das Rescueboot bald auf dem Trockenen läge und wir dann an Land festsäßen. Also folgt ein weiterer Sprint, der – wie wir im Nachhinein erfahren werden – sogar von der Thor aus zu beobachten ist.
Alles im Rescueboot verstaut, stemmen wir das Boot mit Hilfe einiger Kubaner wieder zurück ins Wasser. Wir springen hinein und machen uns auf den Weg zurück zur Thor, die schon einige hundert Meter vor der Küste auf uns wartet. Ohne Absprache ist die Aufgabenverteilung klar: Henry steuert uns zielstrebig Richtung Thor, Corinna geht Ausguck und warnt vor größeren Wellen und Untiefen, Ingo steht durch ein Funkgerät in direktem Kontakt mit Alex auf der Thor, Julia kümmert sich um die verknotete Achterleine und wir halten uns, vier Rucksäcke gefüllt mit allen relevanten Dokumenten unserer Reise sowie zwei Kisten voller Tukola, die Lili Sol mit ihrem Leben verteidigt, fest am Rescueboot, das sich immer wieder mehrere Meter hebt und senkt.
Wir kommen der Thor immer näher und sehen, wie alle am Schanzkleid bereitstehen, um uns sicher an Bord zu holen. Alex und Carlotta geben vom Achterdeck Kommandos: „Am Hauptdeck festmachen!“, „Vorleine über!“, „Achterleine über!“ und so weiter. Sobald es die Wellen erlauben, übergeben wir zunächst unsere Ladung und klettern dann selbst an Bord der Thor Heyerdahl, wo wir mit Handtüchern, Essen und dem Angebot einer warmen Dusche, das wir dankbar annehmen, empfangen werden. Wir beginnen unsere nasse und versandete Kleidung, die wohl mal schick gewesen sein muss, auszuwringen. Dabei schauen wir uns an und wissen, ohne zu reden, was für ein einmaliges Abenteuer wir gerade erlebt haben.
