Nachdenken

Datum: 15.02.2025
Mittagsposition: Marina Hemingway, Kuba
Etmal: 0 sm
Wetter: Lufttemperatur: 26 °C, Wassertemperatur: 27 °C, Windrichtung und Stärke: S1-2

Die Sonne nähert sich langsam dem Horizont, der Wind bläht die Segel auf und die Thor pflügt gemächlich durch die Wellen. Ich sitze vorne auf der Back und schaue aufs Meer hinaus. Während die angenehme, kühle Luft mir ins Gesicht weht, denke ich über die bisherige Reise nach und über das, was bis jetzt passiert ist: Auslaufen, die Seeetappen, die Landaufenthalte. Gleichzeitig denke ich an das, was alles noch kommt: der Nordatlantik, die Azoren und ganz zum Schluss Kiel, aber bis dahin ist noch viel Zeit. In dieser Zeit werden wir noch viel erleben dürfen, sehen und lernen können, aber was haben wir eigentlich schon gelernt?                                                                                                        

Natürlich haben wir das Schreiben einer Interpretation in Deutsch gelernt und was die Übersäuerung der Meere für Folgen hat, aber abgesehen vom schulischen Unterricht ist noch so viel passiert, wodurch wir etwas gelernt haben.
Zuerst mussten wir lernen, mit wenig persönlichem Platz auszukommen, plötzlich Teil einer fünfzigköpfigen WG zu sein und Abschied von unserem Zuhause zu nehmen. Dies alles war vor allem am Anfang eine Herausforderung. Manchmal ist das immer noch so. Beispielweise stellt sich mir oft die Frage, wie ich all mein Hab und Gut in einer neuen Kammer unterbekommen soll.
Das nautische Lernen war auch von Anfang an sehr präsent, da wir eigentlich immer – egal, ob beim Nautikunterricht, in der Fahrwache oder beim Frühstück – lernen, was alles zum Schiffsbetrieb dazugehört.

Während ich über all das nachdenke, die Sonne stetig weiter sinkt und die Wolken langsam eine orangene Farbe annehmen, fällt mir auf, dass dies alles eher das offensichtliche Lernen ist. Wir haben aber unfassbar viel eher unterbewusst gelernt, bzw. lernen vieles immer noch.
Eines der größten Dinge, was wir lernen durften, war meiner Ansicht nach als Gemeinschaft zu funktionieren. Gemeinschaft klingt finde ich so einfach. Irgendwie sind wir doch Alle Teil irgendeiner Gemeinschaft, einer Gruppe von Menschen. Sei es in einer Schulklasse, in einer Schulgemeinschaft oder in einem Team bei der Arbeit. Aber ich glaube, dieses Wort umfasst sehr viel und wird häufig benutzt. Ich finde allerdings, dass das, was für eine Gemeinschaft ausschlaggebend ist, hauptsächlich das Gefühl ist, was man mit dieser Gruppe verbindet. Dieses Gemeinschaftsgefühl zeichnet meiner Meinung nach die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe aus; das Gefühl gesehen zu werden, ein wichtiger Teil zu sein und dabei der Gruppe etwas zu geben und gleichermaßen von der Gruppe etwas zu bekommen. Gemeinschaft in diesem Sinne braucht meiner Meinung nach immer seine Zeit, um zu entstehen, wachsen zu können und sich mit all ihren Bauteilen erst in die richtige Form zu bringen. So ist für uns alle hier auf der Thor über die Zeit eine Gemeinschaft entstanden, die Bordgemeinschaft. Sie musste über den Verlauf der Zeit erst noch wachsen, ist aber jetzt an einem ganz anderen Punkt als noch beim Auslaufen und wer weiß, vielleicht hat sie sich bis zum Einlaufen Ende April erneut ein wenig in ihrer Form verändert und ist noch mehr zu der Gemeinschaft geworden, in der jedes Bauteil seinen Platz und seine Aufgabe gefunden hat.

Ein weiteres großes Lernen auf dieser Reise ist für mich das Einschätzen meines eigenen Körpers. Wann ist es vielleicht besser, die tolle Gesprächsrunde am Abend zu verlassen, um genug zu schlafen und sich auszuruhen? Wann brauche ich mal Zeit für mich, in der ich nur allein in meiner Koje liege, lese und mich entspanne? Auch die Frage, ob ich es schaffe, bei Seekrankheit auf die Rah zu klettern, um in 20 Metern Höhe ein Segel zu packen, oder ob ich lieber darauf verzichte und vielleicht den schönen Ausblick von da oben verpasse, ist eine Frage, mit der ich mich regelmäßig konfrontiert sehen. Ich muss immer wieder abwägen, was das Richtige für mich in dieser Situation ist. Sich diese Fragen zu stellen, die Grenzen des Körpers einzuschätzen und wahrnehmen zu können, gehört zu den schwierigsten Dingen hier an Bord. Es geht hier aber auch darum, phasenweise seine eigenen Bedürfnisse der Gruppe unterzuordnen, um dafür zu sorgen, dass es allen gut geht. Dieses Abwägen zwischen dem Gemeinschaftsgedanken und dem eigenen Wohlergehen ist etwas, was ich bis zum Ende dieser Reise ausprobieren, trainieren und erlernen möchte.

Ich glaube, dass es bestimmt noch ganz viele andere Bereiche gibt, in denen wir alle gelernt haben und noch lernen können und das freut mich hinsichtlich der ganzen Erfahrungen, die auf dieser Reise noch kommen werden. Durch alles, was wir erleben, lernen wir weiter – über diese Welt, über uns selbst und die Gemeinschaft.
So lerne ich auch jetzt…Die Sonne wirft gerade ihr letztes Sonnenlicht an die Wolken, während sie schon vollends im Meer verschwunden ist. Ich stelle fest, wie gut es mir tut, der Natur bei ihrem farbenfrohen Schauspiel zuzuschauen und dabei einfach nur nachzudenken.

KUS-Ticker

Samstag, 14.02.2025

  • 08:30 Uhr: Beginn Einzug und Schiffsarbeiten
  • 12:00 Uhr: Verabschiedung unserer Reisebegleiter/-innen Lala und Isbel
  • 14:00 Uhr: Besuch der deutschen Botschaft an Bord
  • 16:30 Uhr: Schiffsversammlung
  • 17:00 Uhr: Schülerversammlung

Sonntag, 15.02.2025

  • 07:30 Uhr: Faschingsumzug der Schüler/-innen zum Wecken
  • 09:00 Uhr: Groß-Reinschiff
  • 11:00 Uhr: Verabschiedung der Heimreisenden
  • 12:35 Uhr: Referat „Kubakrise“ von Lukas
  • 14:30 Uhr: „Signal K“ zum Verholen an die Zollpier
  • 16:00 Uhr: Auslaufen