Zeit ist nicht, was die Uhr zeigt

Datum: 13.03.2026
Mittagsposition: 39°18,0‘N; 031°32,3’W
Etmal: 93,8 sm
Wetter: Lufttemperatur: 18 °C, Wassertemperatur: 18 °C, Windrichtung und Stärke: W 1

„Wie spät ist es?“ Seit ich bei KUS bin, hat diese Frage für mich eine völlig neue Bedeutung bekommen. Zuhause schaue ich auf die Uhr, um zu wissen, wann die Schule aus ist oder wann ich Fußballtraining habe. Hier an Bord ist die Zeit an sich natürlich gleich, doch wie man sie fühlt und wahrnimmt, ist ganz anders.
Unser Alltag hat viele feste Zeiten. Es gibt Essenszeiten, Unterrichtszeiten, Wachzeiten und Zeiten, in denen man Reinschiff macht. Wenn man um sieben Uhr geweckt wird, muss man auch aufstehen. Wenn um zwölf Uhr Mittagessen ist, dann sitzt man pünktlich am Tisch und wenn die Wache um 2 Uhr beginnt, steht man fünf Minuten früher fertig im Ölzeug auf dem Achterdeck. Ausreden gibt es nicht. Auf dem Schiff kann das Bordleben nur stattfinden, wenn sich jeder an die Zeiten hält. Wer zu spät kommt, stört schnell den Tagesablauf und das merkt man in der Summe ziemlich schnell.
Die Zeit funktioniert hier wie bei einem Uhrwerk, in dem alle Menschen an Bord ein kleines Zahnrad sind und alles ineinandergreift: Die eine Wache löst die andere ab, während in der Kombüse gekocht wird, macht jemand anderes Reinschiff und wiederum andere haben Unterricht und alles läuft im Takt. Damit gehört die Zeit irgendwie nicht mehr einem selbst, sondern uns allen.
Trotz dieser vielen festen Zeiten und dem geregelten Alltag fühlt sich die Zeit auf See in den einzelnen Momenten ganz anders an.

Wenn ich nachts in meiner Wache an Deck stehe und in die Dunkelheit schaue, dehnt sich die Zeit. Das Meer ist tiefblau und endlos, über einem sind nur die Wolken und die Sterne. Man hört nur das Rauschen der Wellen und das Schlagen der Segel. In solchen Momenten verliere ich das Gefühl für die Zeit und eigentliche Minuten können sich dann wie Stunden ziehen oder eine lange Wache fühlt sich an wie ein halber Tag.
Überhaupt fühlt sich ein Tag auf See oft an wie drei Tage an Land. Es passiert so viel: Man steuert das Schiff, geht Ausguck, klettert auf die Rahen, lernt im Unterricht, macht Reinschiff, spricht mit anderen, spielt ein Spiel in der Messe und noch vieles mehr. Jeder Tag ist voller Eindrücke, Erfahrungen und neuen Situationen. Vielleicht fühlt sich die Zeit deshalb so intensiv und lang an und man nimmt alles sehr bewusst wahr.

Doch wenn ich zurückblicke, passiert etwas Merkwürdiges: Die Wochen sind plötzlich wie im Flug vergangen. Ich kann kaum glauben, wie lange wir jetzt schon unterwegs sind. Die einzelnen Tage sind sehr lang und intensiv, aber die Reise insgesamt fühlt sich sehr kurz an – als würde die Erinnerung alles zusammenschieben, was ich einzeln so ausgedehnt erlebt habe.
Am stärksten merke ich die Veränderung meines Zeitgefühls daran, dass ich oft nicht weiß, welcher Wochentag heute ist. Dienstag? Samstag? Keine Ahnung, und das ist mir auch fast egal. Es gibt keine dauerhafte Routine. Der Kalender verliert so quasi seine Bedeutung. Wichtig ist nur: Habe ich jetzt Wache, ist gleich Essen oder steht Reinschiff an?
Dadurch lebe ich viel mehr im Moment. Ich denke weniger darüber nach, was nächste Woche passiert, sondern konzentriere mich auf das, was jetzt gerade ansteht – auf den nächsten Handgriff, auf das nächste Kommando, auf die nächste Welle.

Bei KUS habe ich gelernt, dass Zeit nicht nur aus Zahlen und Terminen besteht. Sie kann zwar streng geregelt sein und sich trotzdem grenzenlos und zeitlos anfühlen. Sie kann sich ziehen und gleichzeitig rasen. Zwischen festen Essenszeiten und dem endlosen Horizont habe ich verstanden: Zeit ist nicht nur das, was die Uhr zeigt. Zeit ist das, was wir erleben und hier draußen auf dem Meer fühlt sie sich an, wie etwas ganz eigenes – größer, intensiver und irgendwie freier als zuhause.

KUS-Ticker

Donnerstag, 12.03.2026 

  • 01:30 Uhr: Umstellen der Bordzeit auf UTC-2h
  • 15:00 Uhr: Geburtstagskaffe für Lilly
  • 17:15 Uhr: Vortrag über „Tiefsee“ von Theresa
  • 18:30 Uhr: Halse

Freitag, 13.03.2026

  • 13:30 Uhr: Referat über „Überfischung“ von Paula
  • 16:00 Uhr: Einlaufen in Lajes das Flores, Ilha das Flores, Portugal
  • 19:00 Uhr: Umstellen der Bordzeit auf UTC-1h