Zeitraffer

19. 04.21

Ich rolle mithilfe des Seegangs aus meiner Koje und stakse schlaftrunken in Richtung Last. Noch ist es dunkel. Das Schiff schläft. Die Umrisse einer Person zeichnen sich vor dem beleuchteten Generatorraum ab. Bella schenkt mir ein verschlafenes Lächeln, drückt ein paar Knöpfe und öffnet das Abgasventil. Der Generator springt mit einem ratternden Grummeln an. Nur noch die Osmoseanlage, dann lege ich mich bis zum Frühstück nochmal in meine warme Koje. Und auch Bella lockt das Land der Träume. Sie wird für die ersten Tage unsere Maschinistin sein, bevor sie sich nach der Hälfte der Zeit mit Ansgar abwechselt.

Als ich das nächste Mal die Augen öffne, ist es bereits hell in meiner Kammer. Das Licht eines neuen Tages dringt durchs Oberlicht und ich springe aus dem Bett. Wie spät ist es wohl? Auf dem Gang begegne ich Willi und Bella in unübersehbarer Aktion. Im roten Arbeitsoverall, mit einem Schraubenschlüssel in der Hand und einem breiten Grinsen – wie man sich eine waschechte Maschinistin eben vorstellt. Fehlt nur noch das Schmieröl im Gesicht. Ich schnappe mir Stift und Papier und gehe, mit etwas Verspätung, meiner Aufgabe als Journalistin nach.

Doch bevor ich anfange, die Dinge viel komplizierter zu machen, als sie eigentlich sind, versuche ich es einfach zusammenzufassen.

Wie zu Beginn unserer Reise zwingen uns die aktuellen Wetterbedingungen leider wieder einmal unter Maschine die Seglerdalben in Brunsbüttel zu erreichen. Gegenanzumothoren. Unser in La Coruña aufgestockter Dieselvorrat soll nach Berechnung ziemlich genau bis Kiel reichen. Der Diesel aus dem vorderen Tank soll nach Achtern* in den Tagestank gepumpt werden – per Hand, da die dafür vorgesehene Pumpe kaputt ist. Im Laufe des Tages hat Bella außerdem den Filter der Hydrophorpumpe (Seewassertank) ausgewechselt. Bella, strahlend: Ich hab gerade Leben entdeckt. In der Maschine! Ein kleiner Krebs. Ich hebe den Deckel von der Pumpe hoch und da bewegt sich was. Man möchte es vielleicht nicht glauben, aber es hat den Anschein, dass sich auch Krebse in der Maschine wohl fühlen. Da ist es zwar sehr laut, aber auch sehr warm. Dies ist auch der Grund, warum die Maschinenronden in den nördlicheren Gefilden plötzlich großen Anklang finden. Und Gott weiß wo wir ohne die Maschine und unsere fleißige Maschinistin wären…

In der Last begegne ich einer aufgeregten Proviantmeisterin, gerüstet mit einer roten Kiste gefüllt mit verschiedenem Proviant. Tut mir leid, ich bin gerade auf dem Sprung. In der Kombüse fehlen noch Kartoffeln, Meli braucht noch drei Kilo Mehl und Sahne aus der Unterkoje in Kammer zwei – hast du Paula gesehen?  Ich schüttle den Kopf und wie es der Zufall erlaubt, öffnet sich in diesem Moment schwungvoll die Tür zur Kühllast. Mit einem Arm voll buntem Gemüse und roten Wangen steht sie da und grinst, Da bist du ja Emma! Ich hab schonmal angefangen die Sachen für’s Abendessen zusammenzusuchen. Wir müssten gleich nochmal in die Tiefkühllast. – Klar. Aber wir dürfen nicht vergessen, den „Ab in den Norden“ – Abend zu planen!

An dieser Stelle beende ich diese Szene, denn ich denke sie genügt, um einen klitzekleinen Einblick in das Leben einer Proviantmeisterin zu erhaschen. Nicht jeder Moment sieht so aus… Aber ein sehr großer Teil der Zeit erfordert Ausdauer und Zusammenarbeit.

So auch die Position der Projektleiter Linn und Jonas. Sie zwischen der Arbeitsatmosphäre im Salon, der Gesellschaft in der Messe und der entspannenden Ruhe in der Bib. Sie haben jede Menge zu tun. Die Auswahl und das Einpacken der Geschenke für unsere Geburtstagskinder, die Organisation eines exklusiven Robinsonclubs oder eines Überraschungsabends. Mit viel Engagement und Motivation planen sie all dies für uns. Sie sind verantwortlich für den zeitlichen Rahmen, das Programm und die gesamte pädagogische Leitung während der Schiffsübergabe.

Für die nautische Leitung sind die Steuerleute Sebastian, Moritz und unsere Schülerkapitänin Lisa zuständig. Wir als Schüler bekommen, abseits der täglichen Präsentation von Route und Wetter, gar nicht so viel von der Arbeit mit, die hinter unserer Reise steckt. Neben den acht Stunden Wachschicht, die jeder von ihnen täglich geht, müssen Gezeitenströme, Winde und Kurse berechnet werden.

20.04.2021

03:24 Die Luft ist eiskalt. Als ich das Achterdeck betrete, fällt mein Blick auf die blutrote Mondsichel am sternenbedeckten Himmel. Dann bemerke ich die eher etwas unromantischen, rot blinkenden Lichter einer Off-Shore-Anlage und die anderer Schiffe. Sie sind überall. Nachdem Kapitänin Lisa ihrem Steuermann Sebastian die aktuelle Situation erklärt und die Wache übergibt, werden weitere Ausweichmanöver gefahren.

06:21 Mit dem Sonnenaufgang kehrt auch die Wärme ein wenig zurück und nach einem heißen Kaffee steht einem guten Tag nichts mehr im Weg.

15:16 Hallo Herzlich Willkommen Herzlich Willkommen Hallo Hallo, fahnenschwingend tritt sie vor uns. Die Menge tobt. Endlich ist er da, der Tag an dem Magda uns die Geschichte und Bedeutsamkeit der Flaggen und Heraldik näherbringt. Wir alle haben uns großen Erwartens auf dem Hauptdeck versammelt und jetzt steht sie da in rotem Hemd, die Farbe der Schrecken der Meere, wie wir kurz darauf erfahren. Die Begeisterung für das Thema konnte man ihr von den Lippen ablesen. Um diesem einzigartigen ein würdiges Ende zu verleihen, hören wir eine Textpassage, die einigen von euch vielleicht schon bekannt vorkommt…                                                                                  

Hoch erhoben thronen sie auf der Mastspitze. Sie flattern königlich im Winde. Selbst der ärgste Sturm kann ihnen nichts anhaben. So kann sich das Schiff sehen lassen.  Flaggen – der Stolz aller Seefahrer.

16:38 Zuerst Watt. Die Elbmündung. Cuxhaven. Das Wasser ist grün. Die Sonne scheint uns willkommen zu heißen. Zurück in Deutschland. Ein merkwürdiges Gefühl macht sich in mir breit. Eine verwirrende Mischung aus Glück und Unbehagen.  

16:46 Sie nimmt den Hörer vom Schalter. Brunsbüttel Elbe Traffic, Thor Heyerdahl Thor Heyerdahl.  Kurzes Rauschen, Klicken und dann eine Männerstimme mit plattem Dialekt, Thor Heyerdahl Thor Heyerdahl, Brunsbüttel Elbe Traffic hört. Hallo, wir wo dürfen wir einschleusen?  fragt Lisa. Wir würden Einschleusen in den Nord-Ostsee-Kanal.

Zwei Tage früher als erwartet liegen wir nun in der Nachmittagssonne an den Seglerdalben in Brunsbüttel. Ein uns bereits vertrauter Ort.  Reisen wir sechs Monate zurück. Es ist Herbst. Vor uns liegen der Winter und eine lange Reise in die südlicheren Breiten des Atlantiks auf einem Schiff lauter, noch völlig fremder Menschen.  Es ist verrückt nach so einer langen Zeit wieder zurück an diesen Ort zu kommen. Jetzt es ist anders. So anders. Es hat sich sehr viel verändert seit diesem Zeitpunkt. Wir liefen hier aus mit vorfreudiger Ungewissheit und einem Gefühl der Abenteuerlust, diesem unbestimmten Kribbeln im Bauch. Jetzt kommen wir zurück und haben unzählige Erfahrungen gesammelt, Länder gesehen und Neues gelernt. Über Segeln, das Schiff, die Welt und das Leben. Wahrscheinlich haben wir uns auch selbst ein bisschen besser kennengelernt. Uns gegenseitig. Es ist schwierig zu erklären, was ein halbes Jahr Abenteuer auf so engem Raum mit so vielen verschiedenen Menschen bewirken kann. Es entsteht etwas ganz Besonderes. Lange habe ich darüber nachgedacht, ich finde keine richtigen Worte dafür. Wenn ich diese Menschen ansehe, dann sehe ich nicht nur eine über lange Zeit eingespielte Seemannschaft und Menschen, die durch jede Menge gemeinsame Erlebnisse zueinander gefunden haben und Erinnerungen miteinander teilen, die ihnen keiner nehmen kann. Wenn ich diese Menschen ansehe, dann ist da dieses Gefühl. Familie, denke ich. Meine Familie.

KUS-Ticker

Montag, 19.04.2021

Etmal: 130,7 sm
Mittagsposition:    53° 21,5‘ N     004° 42,0‘ W

  • Lukas Geburtstag (:
  • 10:00 Siebdruck
  • 13:00 – 1830 Workshops
  • 19:00 Vortrag von Caro über Gezeiten
  • „Ab in den Norden“ und Geburtstagsüberraschung für Peer

Dienstag, 20.04.2021

Etmal: 131,4 sm

  • 18:00 Festmachen Kiel Kanal 1 (alte Schleuse)
  • 19:00 Leinen los und Ausschleusen in Kiel Kanal
  • 19:30 Fest an den Seglerdalben
  • 21:00 Schülerkapitänin Lisa übergibt das Schiff zurück an Kapitän Detlef
  • 21:15 Feierlicher Ausklang der erfolgreichen Schiffsübergabe

Nachricht von Simon an Paps:
Lieber Paps, ich wünsche dir einen gesegneten Geburtstag gehabt zu haben. Hab dich lieb.
„Hold dick am schmieten!“