6000 Meilen über das Meer

Datum: 28.01.2026
Mittagsposition: 19°15,9‘N; 081°19,6’E
Etmal: 0 sm
Wetter: Lufttemperatur: 28,5 °C, Wassertemperatur: 27 °C, Windrichtung und Stärke: NE2

Ein Schiff geht um in der Karibik. Ein Schiff, das vor einigen Monaten noch in einer deutschen Hafenstadt beladen wurde. Beladen mit Proviant, um mit 34 jungen, größtenteils unerfahrenen Abenteurern einen Ozean zu überqueren. Beladen mit Spenden für fremde Länder, deren verschiedene Kulturen der unseren teilweise kaum fremder sein könnten. Und beladen mit Hoffnungen, Ängsten und Vorfreude auf das, was uns erwarten wird. Die folgenden Tage verschwammen zu Wochen und Monaten, in denen Bordalltag und Landgangsprogramm kaum Zeit ließen, um den unerlässlichen Strom an neuen Situationen und Erlebnissen zu verarbeiten.

Und auf einmal sind wir hier, schnorcheln in kristallklarem Wasser, schlafen auf von Palmen bewachsenen Inseln und streifen durch den dichten Regenwald. Wir bereisen eine Welt, die wir aus Piratenfilmen und Werbespots für Urlaubsreisen kennen und erleben hautnah die Sonnen- und Schattenseiten des karibischen Lebens. Doch dabei macht sich plötzlich eine erschreckende Realisation breit: Halbzeit. Der Gedanke, gerade die Rückreise anzutreten, wirkt wie eine Welle ins Gesicht und gibt zumindest mir den nötigen Schock, um kurz innezuhalten und einmal von außen auf uns und das bisher Erlebte zurückzublicken.

Dabei wird mir erstmals der Maßstab und die Absurdität unserer Gesamtsituation bewusst:
Seit über 111 Tagen segeln wir jetzt schon mit unserem alten, traditionellen Segelschiff über europäische Gewässer, den atlantischen Ozean und die karibische See. Während dieser Zeit mussten dem Großteil der Besatzung erst einmal alle nautischen Grundlagen beigebracht und parallel jeden Tag bei Seegang gekocht, geputzt und unterrichtet werden. Durch unser stetiges Fahr- und Ankerwachsystem schliefen während der gesamten Reise nie alle Crewmitglieder zur selben Zeit und auf See befand sich bis zu 21 Tage und Nächte am Stück immer mindestens eine Hand am Steuerrad. Dadurch blieb die Thor unermüdlich in Bewegung, durchbrach stoisch Welle um Welle und brachte uns jede Sekunde näher an unser Ziel. Dabei war vielen schon von Anfang an klar, dass unser großes Ziel nicht die Karibik, sondern vielmehr die Reise selbst ist, welche nämlich nicht wie üblicherweise der Weg zum Abenteuer, sondern selbst das Abenteuer ist.

Heutzutage leben viele von uns mit der Selbstverständlichkeit, sich jederzeit in ein Flugzeug setzen zu können und nach ein paar Folgen der Lieblingsserie mühelos am anderen Ende unseres Planeten zu landen, ohne dabei jemals aktiv ein Gefühl für Entfernung, für die gigantische Dimension unserer Erde zu entwickeln. Wir hingegen dürfen die Erfahrung machen, täglich unsere Position ein kleines Stück weiter westlich in die Seekarte einzuzeichnen und nach drei Wochen lang nichts als Wellen und Horizont endlich den Sandstrand einer karibischen Insel zu betreten, um sich dabei selbst ein kleines bisschen wie die großen Seefahrer der letzten Jahrhunderte zu fühlen. Wie sie damals, haben wir gelernt, den schier endlosen Ozean nicht als Hindernis, sondern als Weg zu neuen Kontinenten, ja als Verbindung der ganzen Welt zu verstehen.

Und mit dieser Erkenntnis habe ich begriffen, was es braucht, dass einem plötzlich unsere große, weite Welt ganz klein zu Füßen liegt:
Erstens, eine abenteuerlustige Crew, die bereitwillig viel Kraft und Schlaf opfert, um stets engagiert alle anfallenden Aufgaben zu bewältigen.
Zweitens, eine funktionierende Bordgemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und immer bereit ist, alle aufkommenden internen und externen Probleme gemeinsam zu lösen.
Und drittens, ein tüchtiges Schiff, das für uns als Bord-Familie nicht bloß als imposantes Verkehrsmittel und außergewöhnliches, neues Zuhause dient, sondern auch als eine einzigartige Möglichkeit der Selbstverwirklichung.

Oder, um es mit den Worten des großen Captain Jack Sparrow zu sagen:
„Wo wir auch hinfahren wollen, wir fahren hin. Dazu ist ein Schiff doch da! Es ist nicht nur ein Kiel und ein Deck und ein Rumpf und ein Segel; all das braucht ein Schiff. Aber was ein Schiff bedeutet, was die [‚Thor Heyerdahl’] bedeutet…Ist die Freiheit.“

KUS-Ticker

Mittwoch, 28.01.2026

  • 13:00-17:00 Uhr: Landgang in George Town, Grand Cayman