Überraschungs-Island

Datum: 28.01.2026
Mittagsposition: 19°15,9‘N; 081°19,6’E
Etmal: 0 sm
Wetter: Lufttemperatur: 28,5 °C, Wassertemperatur: 27 °C, Windrichtung und Stärke: NE2

„Boahgucktmaldaiseinfacheineinseldirektvoraus!“ Verschlafen hebe ich den Kopf und schaue verwirrt einer ungewöhnlich motivierten Fahrwache hinterher, die an uns Schlafenden vorbei durch die Messe rauscht. Während mein Gehirn mühsam versucht die soeben erhaltene Information sinnvoll einzuordnen, bemerke ich, dass der wilde Seegang, der uns die letzten Tage wie eine Gabel im Mixer herumgeschleudert hat, plötzlich verschwunden ist. Als ich daraufhin, weiterhin leicht benommen, den Niedergang emporklettere, um selbst einen Blick auf diese ominöse Überraschungs-Insel zu werfen, wird mir die Sicht unglücklicherweise von einem absurd großen, blendend weißen und Touristen transportierenden Seeungeheuer versperrt. Erschlagen lasse ich mich zu den anderen frühstückenden Menschen auf die Backskiste sacken. Von dort kann ich, an den Kanus auf dem Deckshaus vorbei, doch einen Blick auf weiße Sandstrände, ein paar kleine Palmen und große, dürre, vom Wind schräg gekämmte Bäume erhaschen, zwischen denen etliche imposante Villen thronen.

Beim Essen wird derweil wild spekuliert, ob das nun schon Kuba sei oder ob sich die Schiffsführung grob verfahren hätte. Nach Unterricht und Mittagessen erfahren wir dann endlich von Corinna und Alex, dass aufgrund der starken Nordwinde beschlossen wurde, mit der Thor die nahegelegenen „Cayman Islands“ anzulaufen. Diese sind, wie wir daraufhin in Hannahs Vortrag erfahren, britisches Überseegebiet. Die Inseln gelten allerdings aufgrund fehlender Steuern und täglich anlegenden Kreuzfahrtschiffen als die reichsten Inseln der Welt.

Um 13:30 Uhr fahren dann auch schon die ersten KUSis zum Baden im unfassbar klaren Wasser an Land, während es sich die anderen mit diversen Spielen und Büchern an Bord gemütlich machen. Der große Landgang findet nämlich erst am nächsten Tag statt. Dann werden wir vom Strand mit kleinen Bussen nach „George-Town“, der Hauptstadt der 90.000-Einwohner-Insel „Grand Cayman“, gefahren.

Bei der folgenden Kleingruppen-Erkundung wird schnell klar, dass man hier wohl eher ein Fabergé-Ei als einen Second-Hand-Store findet, denn die gesamte Stadt ist an die reichen amerikanischen Kreuzfahrer und die noch reicheren internationalen Geschäftsleute angepasst. Wir schlendern also von Parfümerien zu Juwelieren und durch unzählige überteuerte Touristenshops, deren gesamte Produktpalette aus „karibisch“ bedruckten T-Shirts, knallbunten Klein-Souvenirs und unzähligen Variationen „traditionellen“ Rumkuchens besteht. Auf der Suche nach Essen finden wir außer einem „Burger King“ nichts im Rahmen unseres Budgets, bis wir erfahren, dass es wohl 20 Minuten die Hauptstraße entlang einen Supermarkt geben soll. Also machen wir uns im strömenden Regen an der schäumenden Küste auf den Weg, bis wir endlich einen großen Parkplatz zu Gesicht bekommen und uns euphorisch in den riesigen Supermarkt retten. Dort erwartet uns der Inbegriff eines amerikanischen Essenparadieses:

Lückenlos – mit allen erdenklichen Lebensmitteln gefüllte Regale, eine gigantische Fleischtheke, die sich länger zieht als die Warteschlange vor dem Pariser Eiffelturm, eine riesige Obst- und Gemüse-Abteilung mit auf Hochglanz polierten „Cosmic apples“, ein warmes Mittagessen- und Salat-Buffet und ganz hinten eine Backwaren-Abteilung (exklusiv für Donuts und Co.). Wie im Rausch taumeln wir durch die Gänge und müssen dabei mit einem Blick auf die Preise regelmäßig wieder unsere Kinnlade vom Boden pflücken. Nachdem wir uns eine mehr oder weniger ausgewogene Mahlzeit zusammengesammelt haben, müssen wir uns auch schon wieder auf den Rückweg zum Treffpunkt machen, wo wir alle mit den Bussen zurück zur Thor gefahren werden.

Alle KUSis? Nein. Ein abenteuerlustiger Haufen aus Projektleitung, vier KUSis, sowie Steuer- und Bootsmann beschließt angesichts des akuten Platzmangels, den Rückweg zum Schiff mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bestreiten. Anscheinend haben die „Bushaltestellen“ auf dieser Insel über die Zeit ihre Primärfunktion verloren und dienen nur noch als multifunktionaler Sonnen-, Regen-, Wind- und 270°-Sichtschutz, denn alle angepilgerten Exemplare lassen uns nur mit der vergeblichen Hoffnung zurück, von einem freundlichen Menschen, mit großem Wagen mitgenommen zu werden. Nachdem wir am lokalen Flughafen live den Start zweier Privatmaschinen beobachten konnten, schafft es Johannes B. mit nichts als einem Lächeln und einem ausgestreckten Daumen, eine junge Frau im SUV anzuhalten, welche uns freundlicherweise mit zur Thor nimmt, wo uns ein Shuttle im Sonnenuntergang nach Hause bringt.

Und die Moral von der Geschicht’?

Selbst auf der reichsten Insel der Welt kannst du hilfsbereite und bodenständige Menschen finden, wenn du nur selbst freundlich und zuversichtlich bist.