Ein nächstes Ziel

Datum: 17.02.2026
Mittagsposition: 26°41,7‘N; 079°45,0’W
Etmal: 89 sm
Wetter: Lufttemperatur: 24 °C, Wassertemperatur: 25 °C, Windrichtung und Stärke: ENE3

„Klar zur Halse! Wir halsen! Hol dicht Schoner, hol dicht Groß!“ Die Kommandos fliegen quer übers Deck. „Hol dicht Besan! Rund achtern! Fier auf Besan, fier auf Groß, fier auf Schoner!“ Ich nehme den letzten Schlag der Schot vom Nagel und lockere meinen Griff. Der Baum des Großsegels gleitet kontrolliert nach Backbord bis kurz vor die Wanten. „Fest an der Schot!“, höre ich es vom Achterdeck rufen. „Fest!“, entgegne ich laut. Ich genieße es, wieder auf der Thor zu sein, auf See zu sein und einen Tampen zu bedienen. Nach einer unglaublich tollen und eindrucksvollen Zeit auf Kuba sind wir endlich wieder unterwegs. Ich habe es wirklich vermisst, Wache zu gehen, am Ruder zu stehen und neben der Thor nur das glitzernde Wasser zu sehen. Die Vorstellung, dass ich all das in ein paar Monaten zum letzten Mal für eine etwas längere Zeit als nur diese zwei Wochen auf Kuba tun werde, versuche ich zu verdrängen. „Hol die Lose aus der Schot und dann fest und belegen!“ Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und tue wie geheißen. „Fest und belegt!“, rufe ich zurück. Ich erinnere mich an die ersten Tage auf der Thor irgendwann im Oktober des letzten Jahres, als solche Griffe noch nicht intuitiv funktionierten, sondern ich jedes Mal aufs Neue überlegen musste, wie das jetzt nochmal geht. Und jetzt sind wir irgendwie schon wieder auf dem Weg zurück. Also natürlich versuchen wir uns die ganze Zeit einzureden, dass wir jetzt nur zu unserem nächsten Ziel – den Azoren – fahren, aber irgendwie geht es doch zurück. Wir fahren nach Nord-Ost, es wird kälter und die Sonne geht wieder hinter uns unter. Auch wenn ich mich auf mein Zuhause freue, auf meine Familie und Freunde, auf meine Wohnung und meine alte Klasse, ist es noch zu früh. Viel zu früh. Ich brauche hier noch ein paar Monate. Ich möchte die Zeit hier, so gut es geht, auskosten, so viel wie möglich über mich lernen und die Leute noch viel besser kennenlernen.

Ich versuche, mich von diesen Gedanken zu lösen und wieder auf den Moment zu konzentrieren. Immerhin haben wir noch ein Drittel der Reise vor uns. Fast zwei ganze Monate auf See, in denen ich eigentlich genug Zeit für all die Dinge haben sollte, die ich mir noch vorgenommen habe; und hoffentlich genug Zeit, um erst einmal alles, was bis hierhin passiert ist, richtig verarbeiten zu können. In diesem Moment denke ich vor allem über die gesammelten Erfahrungen aus Kuba nach, die in riesigem Kontrast zu den Cayman-Islands stehen, die wir ja auch erst vor ein paar Wochen besucht haben. Nach diesem spontanen Besuch auf der „reichsten Insel der Welt“, unglaublich stark geprägt von Konsum, Kapitalismus und Massentourismus durch Kreuzfahrtschiffe, haben wir zwei Wochen in einer ganz anderen Welt verbracht. Wir sind durch Dörfer ohne Wasser, Strom und teilweise auch ohne ausreichend Nahrung gefahren und wurden trotzdem so herzlich empfangen. Es war unfassbar beeindruckend, wie offen und glücklich die meisten Leute trotz der Situation schienen und wie viel Herzlichkeit uns entgegengebracht wurde, obwohl wir so übermäßig viel besitzen, während es in diesem Land in so vielen Bereichen fehlt. Besonders deutlich war das vor einigen Abenden beim Auslaufen aus Havanna zu sehen, an dessen Skyline einige riesige dunkle Lücken waren – ganze Stadtviertel ohne Strom. Der Unterschied stach uns dann heute Morgen ins Auge, als wir an Florida entlangfuhren und zum ersten Mal in der Ferne die Wolkenkratzer von Miami entdecken konnten. Ein wahres Meer aus Lichtern in allen Größen, Höhen und Farben. Es ist unfassbar viel zu verarbeiten, worüber ich nachdenken und mit anderen sprechen möchte. Aber dafür ist ja noch ganz viel Zeit. Denn es geht noch nicht nach Hause. Es geht nur zu unserem nächsten Ziel – den Azoren.

KUS-Ticker

Montag, 16.02.2026

  • 14:00 Uhr: Manöver (Halsen)

Dienstag, 17.02.2026

  • 15:00 Uhr: Geburtstagskaffee für Ingo