Der englische Kanal
Datum: 18.10.2026
Mittagsposition: 50°25,8‘N; 000°19,8’E
Etmal: 125 sm
Wetter: Lufttemperatur: 12,5 °C, Wassertemperatur: 17 °C, Windrichtung und Stärke: NE4
Samstag früh 4.30 Uhr, oder, wie man es nach Seemannsart ins Weckbuch schreiben würde, 0430: „Aufwachen, Wache ist in einer halben Stunde.“ Ein ganz normaler Start in den Morgen. Also Ölzeug an und raus aufs Achterdeck. Wachübergabe: Wache 2 übergibt an uns, Wache 3. Mit den Worten „Verfang Ruder un Utkiek und Weg de Wach!“ (Ruder und Ausguck auswechseln) wird Wache 2 entlassen und für uns beginnt die Wache von 5-8 Uhr.
Es ist windig, dunkel und wir haben starken Wellengang. Wie in jeder Fahrwache in den Tagen davor, werden zuerst Ausguck und Rudergänger abgelöst. Auch Aufgaben wie Sicherheitronde, Weckbuch kontrollieren, Wetter und Maschinenronde werden für die nächste Stunde eingeteilt. Während der Wache wird zur vollen Stunde Wetter und Position eingetragen, zur halben Stunde Sicherheits- und Maschinenronde gegangen. Während der drei Stunden Wache segelten wir Richtung englischem Kanal. Während einige aus der Wache in dieser Zeit seekrank auf der Backskiste lagen, steuerte der Rest mit einer inzwischen eingetretenen Routine uns sicher weiter gen Ärmelkanal. Dann hieß es schon wieder Wachübergabe. Wache 3 ging zum Frühstück und Wache 4 übernahm. Nach dem Frühstück hieß es schlafen, denn acht Stunden Schlaf kommen nicht von allein. Geweckt wurden wie immer kurz vor dem Mittagessen, es gab leckere Nudeln mit Pesto. Nach einer halben Portion flüchteten wir alle vor dem einsetzenden Regen in die Messe, um nicht komplett durchnässt zu werden. Nach dem Mittagessen gab es das erste Mal Groß-Reinschiff: Das genaue und ausführliche sauber machen aller Rein-Schiff Stationen wie Sanitär, Last, Deck, Messe und Niedergänge putzen. Auch sollten wir, wie Ruth es nennt, „Die Kammern und Kojen so zurecht machen, dass es aussieht wie in einem Hotelzimmer“. Während die Hälfte der Wache drei Messing polierte, brachte die andere Hälfte ihre Kammern auf „Hotel-Niveau“. Dann, um 15 Uhr, war alles fertig und die Kammern und alle Rein-Schiff Stationen wurden eingehend vom Schiffsrat inspiziert. Nachdem der Schiffsrat sich alles angeschaut hatte, trafen sich alle gegen 16 Uhr auf dem Achterdeck. Die große Versteigerung stand an, genauso wie das erste Besanschot-An. Als Erklärung: Jeden Samstag werden nachmittags die Sachen, welche sich in unserer Fundkiste ansammeln, versteigert. Die Erlöse werden an die DGZRS gespendet. Besanschot-An ist eine Tradition auf der Thor, bei der man nach dem Samstagsputz und am Ende der Arbeitswoche auf die getane Arbeit anstößt.
Zuerst wurden die Punkte angesprochen, welche wir beim Rein-Schiff übersehen hatten. Aber noch ist kein Meister vom Himmel gefallen und Zeit zum Üben haben wir ja genug. Außerdem hatte Ruth noch einen kulturellen Beitrag für uns, das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Dann endlich die Versteigerung: Weg gingen von Socken hin zu einem Skateboard alles, wobei die Socken mit Axolotl-Aufdruck zu einem Rekordpreis von 6 Euro versteigert wurden. Nach der Versteigerung stießen wir alle mit Traubensaft an und verschwanden dann schnell in die Messe, da der nächste Regenschauer kam. Dort wählten wir unsere Schülervertreter, die den Vorsitz unserer Schülerversammlung haben. Kaum war die Schülerversammlung vorbei, ging es für uns, Wache 3, wieder an Deck zur Wache. Unsere Aufgaben hier waren neben den Standart-Fahrwachenaufgaben noch das Bergen von Außen- sowie Innenklüver (zwei der vordersten Segel). Währenddessen hatten wir das Glück den Mondaufgang und den Sonnenuntergang gleichzeitig zu beobachten. Das dies einer der Momente ist, für die wir diese Reise machen, war uns sofort klar. Dann endlich um 20 Uhr war Wachwechsel und wir konnten nach einer kurzen Planung der nächsten Tage in die Freiwache, also… schlafen.
Der Sonntag ging für uns als Wache 3 genauso los wie jeder andere Tag. 4:30 Uhr aufstehen, Wachübergabe, Wache gehen. Während der Wache vor uns hatten wir bereits die Meerenge bei Dover passiert. Wir als Wache konnten erfreulicherweise kurz nach Sonnenaufgang die Kreidefelsen in ihrer vollen Pracht bewundern. Komplett weiß und oben drauf schöne Graswiesen. Unglaublich idyllisch.
So schnell wie unsere Wache angefangen hatte, so schnell war sie auch wieder vorbei. Kurz nachdem Wache 4 uns ablöste, überquerte die Thor den Null-Meridian, also die Grenze zwischen Westhalbkugel und Osthalbkugel. Dies wurde von Wache 4 mit einem symbolischen Sprung über die Linie gefeiert. Damit sind wir auf dem Teil der Erde angekommen, auf dem wir die meiste Teil unserer Reise verbringen werden. Die Sonntags-Backschaft hatte sich kräftig ins Zeug gelegt und uns fürs Mittagessen Bratlinge mit Kartoffelecken auf den Tisch gezaubert. Um 14 Uhr hieß es dann Halse üben. Eine Halse ist, wenn das Schiff sich mit dem Heck durch den Wind dreht.
Zwei Halsen später flüchteten wir alle vor einem erneuten Regenschauer in die Messe, wo es Applecrumble gab. Der Backschaftszauber hatte wieder zugeschlagen. Nach Kaffee und Kuchen hieß es wieder ab zur Wache. Während der Wachzeit widmeten wir uns Knotenkunde. Vom halben Schlag auf Slip bis hin zum Palstek brachte uns Jonas, unser Wachführer, alles bei. Danach hieß es Tampen kontrollieren, essen gehen und Position eintragen, alles Aufgaben, die uns schon bekannt waren und die wir jeden weiteren Tag auf der Reise machen werden. Irgendwann war unsere Wachzeit auch wieder vorbei und nach der obligatorischen Wachablösung, ging es in den wohlverdienten Feierabend.
Obwohl wir erst seit einer Woche unterwegs sind, kommt uns die Zeit durch die vollen Tage viel länger vor. Auch haben es die wenigsten von uns wirklich schon richtig kapiert, dass wir ein halbes Jahr von zuhause weg sind.
